Stillen in der Öffentlichkeit: Eine Achterbahnfahrt auf der Milchstraße mit nächstem Halt "FKK-Abteil"

Birte Hecht | © RDaniel Abadia | Unsplash

Man sollte meinen, in einer aufgeklärten, modernen Gesellschaft sollte Stillen in der Öffentlichkeit kein Thema mehr sein. Sollte man meinen. Und doch habe ich persönlich schon einige Situationen erlebt, die mir als stillende Frau* Unbehagen bereitet haben. Die mir, teilweise auch durch fehlende Still- und Rückzugsmöglichkeiten, signalisiert haben: "Du, als stillende Frau*, wurdest hier nicht mitgedacht." Was in meinem Kopf dann übersetzt wird mit "Du und dein Baby seid hier nicht willkommen". Kein schönes Gefühl.

Du meine Güte, sie soll sich doch bitte bedecken!

Noch vor der Geburt des Kindes kriegt eine Frau* von allen Seiten um die Ohren gehauen, wie wichtig doch das Stillen für die Bindung ist. Dass es doch nichts besseres als Stillen gibt. Was für eine natürliche Wunderwaffe die Milch ist. Und dennoch erntet man oft schräge Blicke, wenn man in der Öffentlichkeit stillt. Hastiges, verschämtes Wegschauen. "Du meine Güte, sie soll sich doch bitte bedecken!" Es liegt nun aber in der Natur der Sache, dass man mindestens einen Nippel freilegen muss, um ein Baby, das unverschämterweise nicht nur Hunger bekommt, wenn es sich in den eigenen vier Wänden befindet, Nahrung aus der Brust zuzuführen.

Dazu möchte ich vorab sagen: Jede Frau* ist individuell. Ob sie* stillt, Milchnahrung aus dem Fläschchen gibt, sich aus ihren ganz persönlichen Gründen gegen das Stillen entscheidet oder ob es eben einfach nicht funktioniert hat. Das alles ist völlig legitim und zu akzeptieren. Ebenso ist jedes Baby individuell. Einige Säuglinge benötigen Zen-artige Ruhe, manche sogar Dunkelheit, um sich voll auf die Nahrungsaufnahme konzentrieren zu können (und diese Ruhe muss man erstmal finden in einer Großstadt wie Hamburg). Andere Kinder würden sich vermutlich nicht mal bei dröhnenden Techno-Beats und Stroboskoplicht im Übel & Gefährlich vom genüsslichen Nuckeln abhalten lassen. Wobei ich mittlerweile sowas von raus aus diesem Partygame bin, dass ich nicht mal weiß, ob es im U&G ein Stroboskop gibt.

Mit dem Baby durch die Hansestadt

Jedenfalls war mein Baby eines von der Zen-Sorte. Stillen klappte mal reibungslos, dann wieder totale Verweigerung, unterwegs erfahrungsgemäß eher schlecht. Eine Achterbahnfahrt auf der Milchstraße. Uns zuhause einzuigeln oder zu jeder Stillmahlzeit im abgedunkelten Zimmer zu liegen, war deswegen trotzdem keine Option für mich.

Ich erinnere mich noch an einen Tag im ersten Lebensjahr meines Sohnes. Wir haben Familienbesuch. Man möchte etwas von der schönsten Stadt der Welt präsentieren und fährt deswegen mit Kind und Kegel stilecht mit der HVV-Fähre 62 bis zum Anleger Museumshafen Övelgönne Neumühlen. Somit hat man die kleine Hafenrundfahrt praktisch auch schon im Sack. In der Strandperle dann das übliche touristische Gewusel. Wir erkämpfen uns einen Tisch, es ist laut, es ist voll. Servicepersonal brüllt sich Anweisungen zu. Mein Sohn signalisiert Hunger. Mir bricht schon jetzt der Schweiß aus, denn ich weiß: Das könnte problematisch werden.

© Daiga Ellaby | Unsplash

Ich lege ihn im Gastraum an. Scham wegen meiner entblößten Brust empfinde ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Obenrum blankzuziehen ist für mich so normal wie eine Mütze abzusetzen, wenn man im Winter ein stickiges Café betritt. Mein Sohn trinkt kurz, dockt sich ab. Wir versuchen es mehrmals, scheitern. Es ist einfach zu viel los. Er wird zunehmend quengelig. Was nun? Ich checke gedanklich meine Optionen: Sich draußen in den Sand setzen? Zu kalt und zu nass (danke für nichts, Hamburger Schmuddelwetter!). Woanders hinfahren? Zu umständlich. Ich erwäge ernsthaft, mich mit meinem Kind auf die Damentoilette zurückzuziehen, um ein bisschen Ruhe zu haben. Entscheide mich nach einer kurzen Geruchsprobe vehement dagegen.

Und da liegt der ganze Hund begraben. Denn: Ernsthaft?! Ich muss mir ernsthaft überlegen, ob ich mich mit meinem Baby auf eine stark frequentierte, öffentliche Toilette "zurückziehen" möchte, um ihm die Nahrungsaufnahme zu ermöglichen? Oder anders gefragt: Würdet ihr euer Fischbrötchen gerne auf einer öffentlichen Toilette essen wollen? Bezweifle ich.

Ernsthaft?! Ich muss mir ernsthaft überlegen, ob ich mich mit meinem Baby auf eine stark frequentierte, öffentliche Toilette "zurückziehen" möchte, um ihm die Nahrungsaufnahme zu ermöglichen?

Und das kann es doch nicht sein. Ich bin der Meinung, dass hier Lösungen geschaffen werden müssen. Dass unsere Gesellschaft kinder- und stillfreundlicher werden muss. Stillende Mütter, Fläschchen-gebende Väter mitdenken muss. Das beginnt bei der fehlenden Wickelmöglichkeit (Next Level: Wickeltische auch auf Männertoiletten anbringen!), fehlenden Kinderstühlen, schiefen Blicken. Mir ist sehr bewusst, dass nicht jede Location ein Platz für Kinder ist oder sein möchte. Mir ist sehr bewusst, dass an Arbeitsorten, an denen die Mitarbeiter*innen nicht mal einen gescheiten Pausenraum zur Verfügung haben, rein platztechnisch keine Möglichkeit für einen "Stillraum" besteht. Dennoch werfe ich dies einfach mal als Denkanstoß und als aus tiefstem Herzen kommendes "wäre wirklich nice to have" in den Ring.

Letztlich habe ich meinen Sohn dann nach x gescheiterten Versuchen auf der Rückfahrt gestillt. Dort ist er dann, obwohl es rappelvoll und lärmig war, friedlich eingeschlafen.
Verstehe einer diese Babys... .

Schließlich also die Fahrt mit der Deutschen Bahn von Hamburg in die Heimat. Die Pandemie hat Hochsaison, der Zug ist angenehm leer. Die Kleinkind- und Familienabteile sind trotzdem gut gefüllt und daher zu unruhig für unsere fragile Stillbeziehung. Ich suche mir ein fast menschenleeres Großraumabteil, um meinen Sohn auf der knapp vierstündigen Fahrt zu stillen. Es gibt keinen Rückzugsort. Zwei Zugbegleiter laufen durch den Zug. Als sie an mir vorbei kommen, sieht mich der jüngere der beiden intensiv an und sagt dann glucksend zu seinem älteren Kollegen: "Und was ist das hier? FKK-Abteil oder was?". Es gibt in Deutschland in Sachen Stillfreundlichkeit noch eine Menge zu tun.

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