Wohnungsbordelle, Kuhscheiße und Solebad: Die Geschichte einer Sexarbeiterin – Teil II

© Maria Kotylevskaja

In seiner Kolumne "Absolute Giganten" macht Kevin Goonewardena alle zwei Wochen Hamburger Typen und Geschichten erlebbar, die der erste, flüchtige Blick oft nicht erfasst. Jetzt hat er allerdings eine etwas andere Reihe verfasst und berichtet in seiner dreiteiligen Reihe über das Leben einer Sexarbeiterin. In seinem ersten Teil hat er Jessica vorstellt, wie sie aufgewachsen ist und ihren Weg nach Hamburg.

Da lief viel kranker Scheiß ab. Einmal haben wir in einem Fetischladen in Altona nem Typ den Schwanz aufgeschnitten, die Eier, dann mit Karasek aufgespritzt und wieder zugenäht. Beziehungsweise das Zunähen hat dann der Master übernommen, der uns angeleitet hatte. Mich, den dominanteren Part, und so eine Püppi. Wir hatten ja keine Ahnung von solchen Klinikgeschichten, so was ist auch nicht ganz ohne. Der Typ jedenfalls lebt heute noch“, lacht Jessy, „der hat mich vor ein paar Monaten sogar noch mal kontaktiert und gefragt, ob wir so was in der Richtung wiederholen könnten – ich hatte aber zu der Zeit Stress, die Anfrage hat sich dann verlaufen.“

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Oktober 2017, Hamburgs citynaher Osten. Durchschnitten von mehrspurigen Straßen und Schienentrassen, dominiert hier Gewerbe. Ein hoher Migrantenanteil, doppelt so viele Leistungsempfänger wie im Hamburger Durchschnitt, hohe Arbeitslosigkeit. Wer einen Job hat, muss bis Ende des Monats mit weniger Geld auskommen als der durchschnittlich verdienende Hamburger.

In ein paar Jahren wird sich das Gesicht des Stadtteils gewandelt haben, die Ausläufer der HafenCity bis hierhin reichen, Olafs 200 Meter hoher Phallus am Himmel kratzen. Elbe, Bille, Entenwerder. Kaltes, klares Wasser treibt die Preise hoch.

Ein altes, ja mächtiges Gebäude an exponierter Stelle. Mehrere Eingänge, auf den Klingelschildern fremde Namen. Eingebrochen habe man in ihrem letzten Apartment, erklärt uns Jessica auf dem Weg in die Küche und deutet auf das Doppelbett in ihrem Zimmer: „In dem Bett lag ne Transe, als ich nicht da war, hat mit meinen Dildos masturbiert. Meine Kollegin hat sie gefunden. Die Transe konnte entkommen, mitsamt den ganzen Toys“.

„Du bist Deutsch, du bist füllig, du bist blond – du musst nach Harburg“

Rückblick. 2008 geht Jessica sporadisch am Steindamm anschaffen, arbeitet im Wohnwagen, einen kurzen Zeitraum in einem Club im Landkreis Stade. Menschen wie Jessica haben Kontakte in Milieus, auch wenn sie sich noch nicht darin bewegen. Und niedrigere Hemmschwellen als unsereins. Dann kamen die Apartments, und Jessicas Erfolgsgeschichte begann.

Einer Nachbarin von mir hatte ich erzählt, dass ich ein paar Mal im Club gearbeitet habe, auf der Straße und so. Die hat Apartment gemacht, ich wusste erst nicht, was das ist. ‚Na, mietest du dir ne Wohnung an und machst das dann da‘, hat sie gesagt. Dann habe ich das mal probiert.“ Ein paar Zimmer, Küche, Bad geteilt mit anderen Frauen. Manche wohnen auch dort, so wie Jessica im Moment unseres Gesprächs vorübergehend  – ein paar Wochen später, als ich diesen Text hier tippe, ist sie in eine eigene Wohnung gezogen.

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Mundsburg, Barmbek, in den ersten Apartments läuft es noch schleppend, Stolperschwierigkeiten nennt Jessica das. In Harburg geht es dann richtig los. Das Haus, sagt sie, gebe es heute noch, und verrät mir eine Adresse: gelegen in der Nähe des repräsentativen, im Neorenaissance-Stil erbauten Rathauses inmitten eines gemischten Wohngebiets auf dem Weg Richtung TUHH. Einige Altbauten der Jahrhundertwende finden sich hier, schmucklose 50er-Jahre-Häuser, Eckkneipen, Kitas. Die Hamburger Zelle um Mohammed Atta hat hier gewohnt. Damals, Ende der 90er.

Jessica arbeitet auf eigene Rechnung, einen Mann der im Hintergrund die Fäden zieht, hat es nie gegeben. Tagsüber geht sie ins Apartment; nicht jeden Tag, denn sie verdient gut. Die Abende verbringt sie zu Hause mit ihren Kindern. Als sie richtig anfängt in dem Geschäft, ist ihr damaliger Mann inhaftiert. Sie schaltet Anzeigen auf den üblichen Portalen, bewirbt sich und ihren Service. Zu der Zeit ist Jessy Anfang 30 und füllig. Hübscher als heutzutage sei sie damals auch gewesen, findet sie. Auf ihren Fotos wirkt Jessy dominant, ihr damaliges Körpergewicht spielt da hinein: Devote Männer melden sich, Fetisch-Anfragen häufen sich. Eine dicke Frau, sagt sie, sei nicht die, zu denen die Männer gehen, um zu vögeln.

„Es ist besser, einem Typ die Eier kaputt zu treten, als ihm einen zu blasen“

Sie lernt Markus kennen, ihren Stammfreier, wenn man so will, der Mann, der noch eine große Rolle in ihrem Leben spielen sollte. Besessen von ihr sei er gewesen, sagt Jessica. „Seine Frau hat Multiple Sklerose, musste deswegen starke Medikamente nehmen und hatte weniger sexuelle Lust.“ Die beiden beschließen, dass Markus sich eine Frau für seinen Spaß suchen darf, nur schlank durfte sie nicht sein.

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Jessica geht mit ihm im Brautkleid ins Watt, springt mit fünf Frauen ins Solebad, ist dabei, wenn er auf einem holsteinischen Bauernhof wie ein kleiner Junge mit Schäufelchen über den Acker rennt und sich mit Kuhscheiße einreibt. Während die Wiederkäuer kauend und glotzend um beide herumstehen, muss sie das Lachen unterdrücken. Amüsant sei so was ja schon. Jessica erfüllt ihm all seine Wünsche. Fetische, die man nicht kennt, von denen man für gewöhnlich noch nie gehört hat. Welche Meinung sie dazu habe, will ich wissen. Das sei doch besser, als sich vögeln zu lassen, findet sie.

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Irgendwann fing Markus an, alles zu finanzieren, so vernarrt sei er in sie gewesen. Ausgenommen habe sie ihn nicht, dafür hätte sie sich auch zum Opfer machen, den männlichen Helferinstinkt wecken müssen. Viele Frauen in dem Gewerbe täten das regelmäßig. Sie könne das gar nicht, sei da gar nicht der Typ für.

Er will sie in seiner Nähe haben.

Markus schlägt ihr vor, selbst ein Apartment zu eröffnen, nachdem sie in Harburg rausgeflogen ist, da, wie sie sagt, die anderen Mädchen neidisch auf sie waren: sie habe zu gut verdient. Er mietet ein Haus auf seinen Namen an, denn bei der Schufa hatte sie immer schon schlechte Karten. Das Gebäude an der B73, Abschnitt Stader Straße, entspringt der Konkursmasse eines Insolvenzverwalters. Er kauft die Wohnung, sie zahlt den Kredit, lässt Wände ziehen, Küche und Bad einbauen, stellt Frauen ein. Sie selbst schafft weiterhin an. Vier Zimmer, jeden Tag einen Fuffi Miete, sie selbst verdient noch 800 bis 900 Euro am Tag.

Der Laden läuft, Markus und Jessica suchen nach dem nächsten. In Neugraben werden sie fündig, mieten eine Haushälfte von einem Zahnarzt an. Auch der Laden läuft gut, das Projekt scheitert trotzdem schnell – der angebliche Vermieter ist selber nur Mieter, der rechtmäßige Besitzer macht Stress. Sie wird ausgezahlt und geht. Auf der Veddel wandelt sie die Wohnung einer damaligen Affäre in ein Apartmentbordell um. Jessica zieht auf Markus' Wunsch nach Buxtehude. Er will sie in seiner Nähe haben. Auch dieses Haus läuft auf seinen Namen, auch hier entsteht ein Apartment.

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Noch mal Stader Straße, ebenso Cuxhavener. Auch heute gibt es dort auf dem Weg ins alte Land viele unscheinbare Apartmentbordelle, aber auch einige Clubs. 2008/2009 führt Jessica insgesamt 22 Zimmer, aufgeteilt auf sechs Apartments. Die Mädchen zahlen wöchentlich; die, die sich das nicht leisten können, täglich ihre Miete. Jessi kennt Jungs, die Frauen kennen. Bewirbt die Wohnungen über einschlägigen Websites. Manchmal werden Frauen vorbeigebracht.

Die Zimmer sind alle voll, manche kommen regelmäßig, andere sind auf Durchreise. Eine Maklerin, wohlhabend, macht es für den Spaß und um ihre Ehe aufzupeppen. Asbach-uralt sei die gewesen und habe am besten verdient, sagt Jessica. In der Zeit kommen viele Bulgaren, Latinas waren zu der Zeit in. Vorwiegend arbeitet Jessica aber mit deutschen Mädchen zusammen. 22 maximal – die Wohnungen, die eigenen Kinder, da bleibt vieles auf der Strecke. „Die Frauen klauen wie bekloppt. Handtücher, Bettwäsche, das ist Standard.“ Mal war auch der Fernseher weg, einmal gar die Kommode. „Ich rief die Frau an, fragte, wo meine Kommode sei. ‚Ja, ich hatte keinen Koffer.

Dann beginnen Jessica die Geschäfte über den Kopf zu wachsen. Besonders, wenn Männer ins Spiel kommen, lässt sie sich ablenken, beginnt unkonzentriert zu arbeiten...

- Der letzte Teil folgt in zwei Wochen -

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