11 Gedanken, die ich bei meinem ersten Staatsballettbesuch hatte

© Ron Sartini via Unsplash, CC0

"Wie, du warst noch nie im Ballett?" Diese Frage wird wohl jedem Hamburger zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben gestellt. Nicht etwa, weil wir als besonders grazil und künstlerisch bekannt wären, sondern weil Hamburg für sein großartiges Staatsballett auch südlich der Elbe bekannt ist. Man könnte auch fast sagen: Das Hamburger Ballett, das unter der Leitung John Neumeiers steht, ist der wahre Hamburger Michel, nur dass man hier viel leichter reinkommt, als über die steilen Turmtreppen (1:0, liebes Hamburger Ballett!). Weitere Vorteile: Man hat endlich mal wieder einen Grund sich in Schale zu werfen und das erhabene Gefühl, etwas für seine Bildung zu tun. Was einem noch so durch den Kopf geht, lest ihr hier:

1. Hätte ich nur mal weiter Ballett gemacht...

...und nicht nach den ersten jämmerlichen Unterrichtsstunden gleich das Handtuch geschmissen. Klar, ist es nicht nett, mit 5 Jahren einen spitzen Zeigefinger in den Rücken gerammt und die Worte "Das ist ein Hohlkreuz" zugeraunt zu bekommen, aber ganz ehrlich, was sind schon ein paar Jahre Schmerz, wenn man zur Belohnung diese grazile Ballerina-Ausstrahlung bekommt, auf die selbst eine Audrey Hepburn neidisch wäre?

2. Sind die Hosen der männlichen Tänzer eigentlich ausgestopft?

...muss doch... oder? Und wenn nicht, kann man die nachher irgendwo auf ein Afterwork-Bier kennenlernen?

3. Klatschen? Oder nicht klatschen?

Irgendwie gibt es da Regeln, von denen alle wissen. Außer mir. Mal flippen nach einem Stück alle aus, mal werden die Leute, die es wagen wollen zu klatschen (ich) von der Seite mit der hochprofessionellen Verachtung einer Grundschullehrerin gestraft.

4. Warte, das Lied kenne ich!

An dem einen oder anderen Punkt während eines Ballettstücks, trifft wohl jeder von uns und sogar der krasseste Kulturbanause auf alte Bekannte wie das Nussknackerlied oder Tschaikowskys Schwanensee. Der Grund dafür? Tschaikowsky und Co. waren so begnadete Komponisten, dass sich ihre Musik nicht nur in der Staatsoper sondern auch auf den Kinoleinwänden dieser Welt gut machen.

5. Hätte ich mir die Programmbeschreibung vorher mal durchgelesen.

Stellenweise ist es doch ganz schön schwer der Handlung zu folgen. Das liegt a) daran, dass ich von Ballett nichts verstehen und b) daran, dass jeder Intendant auch weltbekannte Stücke wie "Romeo und Julia" oder "Der Nussknacker" neu interpretiert.

6. Gönnt euch.

Ihr fragt euch, ob sich der Sekt für die 20-Minuten-Pause lohnt oder ob ihr ihn euch nicht doch lieber verkneifen wollte (ihr wisst schon, ein Sekt hier = 5 Bier in der Bar nebenan). Dann bemerkt ihr aber die Truppe alter betuchter Menschen am Nebentisch, die sich mal eben ein ganzes 5 Gänge-Menü aus Lachsschnittchen, Champagner und Co reinziehen. Yolo.

7. Hätte ich mal doch das neue Kleid angezogen...

Ich war mir ja nicht so sicher, wie der Dresscode für das Hamburger Ballett lautet; anscheinend muss es aber so etwas wie "Get rich or die tryin'" sein, denn meine Perlenkette und die schwarzen Pumps gehören hier zur schnörkelfreien Grundausstattung. Upgrades mit Stolas, Pelzwesten und Designertasche sind hier keine Grenzen gesetzt.

8. Ist Ballett eigentlich immer so lang? Oder ist das die Extended Version?

Das fragt man sich mit jeder weiteren Minute nach der Pause. Ja, es ist immer noch wunderschön, den Tänzern zuzugucken und die Kulisse ist wirklich atemberaubend. Aber hätte man das Ganze nicht so ein kleines bisschen stauchen können?

9. Moment, sitzt da vorne etwa John Neumeier? 

Antwort: Sehr wahrscheinlich, ja! Der 78-jährige Intendant des Hamburger Balletts lässt sich keine Vorführung entgehen und sitzt immer vorne in der erste Reihe, ganz rechts außen. Und wenn wir ihn erspähen, wie er dort kerzengerade und mit einem strengen Lächeln sitzt, fragen wir uns heimlich nach seinem Jungbrunnen-Rezept.

10. Kann ich damit jetzt noch anfangen?

Ja. Auf die Bühne zu Johns Ensemble werde ich es in diesem Leben wohl eher nicht mehr schaffen, aber um Ballett als unambitioniertes Hobby anzufangen, ist es nie zu spät. (Kann man zum Beispiel in einem der Hochschulsportkursen der Uni Hamburg)

11. Echter Kulturschock.

Muss man mal im Ballett gewesen sein? Ich finde: Ja, auf jeden Fall! Stellenweise denkt man zwar ehrlich gesagt schon, dass 90 Minuten schneller vergehen könnten, als sie es hier tun, aber dafür wird man fünf Minuten später schon wieder so sehr von den Tänzern in ihren Bann gezogen, dass man sich noch Tage später ganz verzaubert fühlt.

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