"Hamburg soll nicht nur Wohnstadt sein." - Hausbootsbauer Claudius Schulze über Hamburg

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Etwas Neues zu schaffen heißt auch die Stadt zu verändern. In der aktuellen Heineken "Shape Your City"-Kampagne geht es um urbane Veränderungen, und wir haben vor diesem Hintergrund drei ganz unterschiedliche Menschen getroffen, die unserer Ansicht nach das Gesicht Hamburgs mitgestalten.

Übrigens: Beim im Rahmen der Kampagne ausgerufenen "Build Your Bar"-Projekt hat die Jury jetzt einen Gewinner ermittelt. Leider kommt er nicht aus Hamburg, trotzdem schicken wir natürlich vergnügte Glückwünsche raus! Wie das Gewinner-Konzept aussieht und wo und wie es demnächst in die Realität umgesetzt wird, könnt ihr hier nachlesen.

Das Billy-Regal ist ein Heimwerker-Kindergeburtstag für dich? Deine urbane Seele sehnt sich nach einem DIY-Spielplatz? Dann solltest du endlich groß denken und dir sagen: Live up to your potential! Claudius Schulze, im Brotberuf Fotograf, macht es dir vor.

Der umtriebige Künstler, der auch noch Dozent an der Leuphana Universität Lüneburg ist, baut seit März diesen Jahres ein Hausboot im Hamburger Hafen, genauer gesagt: in der Billwerder Bucht. Noch ist dieser Fleck zwischen Rothenburgsort, Rentnerresidenz und Autobahn A1 ein unbekannter Ort voller Geheimnisse. Geht es nach Schulze, soll aus dem toten Hafenbecken aber bald ein Hang-out für Freidenker und Kunstinteressierte werden. Seine „Eroberung des Unwahrscheinlichen“, die er auch liebevoll „Bagalute“ nennt, ist erst der Anfang eines neuen Hafens für alle Hamburger.

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Du hast ein Buch mit dem Titel „Socotra“ veröffentlicht, in dem du der Idee abgelegener Inseln und Abenteuerreisen nachgehst. Wo kann man in Hamburg noch etwas entdecken?

Das Abenteuerland Hamburgs sind die Elbinseln zwischen Norder- und Süderelbe. Etwa Steinwerder oder Georgswerder. Die kulturell spannenden Teile Hamburgs liegen ja relativ konzentriert im Stadtkern. Doch den größten Teil Hamburgs umfasst der Hafen– hier wäre gigantisch viel möglich. Aber der Hafen ist auf dem absteigenden Ast, die Containerumsätze gehen nach unten – etwa aufgrund der Weltwirtschaftskrise.

Zusätzlich gibt es große strukturelle Probleme: Der alte Elbtunnel ist zu flach gebaut, und wegen der geringen Tiefe können große Schiffe den Elbtunnel nicht queren. Bei der nächsten Elbvertiefung wird das sogar noch stärker werden, kurz: Dieser Teil des Hafens ist todgeweiht. Durch die Fusionierung von Blohm+Voss mit Lürßen werden bald wieder Flächen frei werden – die Bremer haben ja bereits die Norderwerft. Außerdem gibt es wahnsinnig viele alte, ungenutzte Hafenbecken. Etwa diese Bucht oder den Spreehafen, wo nichts mehr los ist.

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Was könnte man mit diesem freien Platz machen?

Letztes Jahr habe ich auf einer Brache im Hafen ein Baumhaus gebaut. Leider musste ich das wieder abbauen, weil ich keine Genehmigung der Hamburg Port Authority (HPA) hatte. Diese Institution ist quasi der böse Drache, der alles verteidigt. Alles muss hafen- und wirtschaftskonform sein. Das liegt daran, dass die Hafenwirtschaft unwichtiger wird und die Behörde umso mehr versucht, ihre Macht in der Stadt zu erhalten. Wichtig zu wissen: Die Behörde hat kaum Einfluss darauf, was auf dem Wasser passiert. Daher ist es kurz- oder mittelfristig leichter, ein Boot zu bauen.

Geht das denn so einfach?

Ja, für die Kategorie „Kleinstfahrzeug“ braucht man nämlich weder Zulassung noch TÜV. Sowas kann jeder machen, solange das Boot weniger als zehn Kubikmeter Verdrängung hat und kürzer als zwanzig Meter ist. Für diese Sportboote braucht man innerhalb des Hamburger Hafens nicht einmal ein Kennzeichen. Noch dazu benötigt man für Motorboote bis 15 PS keinen Führerschein.

Das Steuer des Hausboots. Foto: © Roeler

Das heißt, ich baue mir gemeinsam mit ein paar Freunden ein kleines Boot und niemand räumt das weg?

Ganz genau. Natürlich braucht man einen Liegeplatz. Tatsächlich gibt es aufgrund der zahlreichen Sportmarinen aber relativ viele.

Wo wohnst du in Hamburg?

In einer Wohngemeinschaft in St. Pauli.

Warum hast du dann ein Hausboot im Hamburger Hafen gebaut?

Das liegt unter anderem an meinem Vermieter. Der Herr ist ein richtiger Rentier. Er hat Immobilien seines Vaters geerbt und presst nun so viel aus diesem Besitz heraus, wie er nur kann; macht Staffelmietpreise, saniert nichts. Auf einem Boot zu wohnen gestaltet sich in Hamburg rechtlich wirklich schwierig. Aber die hohen Mietpreise und die schlechte Wohnsituation in der Stadt waren definitiv ein Antrieb, mich nach neuen Stadteroberungsplätzen umzugucken.

Für mich geht es nicht nur um Wohnfläche, sondern auch um Raum für künstlerische Auseinandersetzung. Anfangs nutzte ich meine Wohnung auch als Atelier und Veranstaltungsort. Das musste ich aber aufgeben, die Miete war zu hoch. Mit Mitbewohnern geht das alles nicht. Ich sehe das so: Was die Besetzung von Leerstand in den 1970er und 1980er Jahren war, passiert jetzt in Hafennähe und am Wasser. Das ist die nächste Option. Ich weiß natürlich nicht, ob das so ein Momentum gewinnt, wie es die Hafenstraße damals zur Zeit der Hausbesetzungen hatte. Aber fest steht: Das Wasser ist der Ort, wo Brachland entsteht, weil die Stadt kein Nutzungskonzept dafür hat.

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Nun kann aber nicht jeder in Hamburg ein Boot bauen...

Wenn es nach mir ginge, schon! Aber um die Mietpreisproblematik anzugehen, bräuchte es eine Mietpreisbremse, die auch wirklich funktioniert. Eine radikalere ohne Schlupflöcher. Das sind natürlich linke Argumente, dass der freie Markt nicht funktioniert. Der Beweis ist aber erbracht, etwa durch Beispiele wie Brexit, Griechenland oder den Mietmarkt in Hamburg.

Bei Letzterem verdienen Leute Geld, ohne Leistung zu erbringen. Wäre ich jetzt ein Bäcker, dann schaffe ich ein Brötchen und verkaufe das. Aber ein Vermieter spielt Golf auf Teneriffa. In dem Rahmen, wie Mietpreise gestiegen sind, sind auch bezahlbare Freiräume für eine kreative Nutzung immer weniger geworden. Dass aus dem Frappant jetzt der Fuchsbau wurde, das sind Ausnahmen. Eine kreative Stadt braucht Orte, wo mit wenig finanziellem Risiko Sachen ausprobiert werden können. Was nützt es jemandem, der sich als Künstler versteht, wenn er wohnen kann, aber kein Geld für ein Atelier hat? Hamburg soll nicht nur Wohnstadt sein.

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Was würdest du dir für die Zukunft Hamburgs wünschen?

Letztendlich müssen der HPA die Zähne gezogen werden. Das könnte politisch beschleunigt werden, damit Teile des Hafens, die nicht mehr genutzt werden, von der HPA ans Bezirksamt Mitte übertragen werden. So würden nicht mehr rein wirtschaftliche, sondern gesamtheitliche Interessen des Bezirks verfolgt werden.

Nächstes Jahr erscheint dein zweites Buch "State of Nature". Es handelt von Naturkatastrophen. Warum?

Meine Schwester arbeitet als Stadtplanerin in Norwegen. Im Zuge eines Gesprächs mit ihr ist mir aufgefallen, dass der Katastrophenschützer mit dem Klimawandel ganz anders umgeht, als die politische Diskussion das Thema verhandelt.

Beim Katastrophenschutz ist es vollkommen egal, ob es einen vom Menschen verursachten Klimawandel gibt oder nicht. Es gibt sich verändernde Risikoprofile und darauf muss reagiert werden. Obwohl die Bedrohung durch Naturkatastrophen steigt, existiert in Europa ein extrem romantisiertes Naturverständnis. Natur im Westen ist eher Park als Wildnis. Wir haben die Ressourcen – im Rest der Welt sind die Leute sich selbst überlassen. Studien des Innenministeriums legen sogar nahe, dass es für Deutschland schlussendlich günstiger ist, sich vor dem Klimawandel zu schützen als ihn aufzuhalten.

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Und in welchem Stadium befindet sich das Boot gerade?

Mit dem Rohbau bin ich fertig, und kürzlich fand die erste Veranstaltung statt: ein dreitägiger Workshop zur Erkundung des Hafenpotenzials im Rahmen des A/D/A Festivals. Als Nächstes muss das Ding drinnen warm werden. Ich habe schon bei mir in der Wohnung einen Erzähl-Salon veranstaltet – der soll in Zukunft hier stattfinden. Für ein Partyboot ist es definitiv zu klein, aber vor allem gibt es dafür ja schon die Schaluppe. Das hier soll das Salonboot werden.

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Schon immer ein Traum von dir?

Nein, überhaupt nicht, das ist eher aus der Not heraus entstanden, weil das mit dem Baumhaus nicht geklappt hat und Freiräume an Land so knapp sind. Aber ich plane schon weitere „Sportboote“. Zum Beispiel ein „hot tub“, damit man in 36 Grad heißem Wasser in der Elbe wie in einer Badewanne sitzen und herumschippern kann.

Dieser Beitrag wurde von Heineken gesponsert.

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