Die Aussage "Hamburg ist so schön" macht eine Stadt noch lange nicht zur Kulturmetropole

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Etwas Neues zu schaffen, heißt die Stadt zu verändern: Im Rahmen der Heineken Shape Your City Kampagne treffen wir drei Menschen, die das Gesicht der Stadt prägen und verändern.

Ihr wart letztes Wochenende beim 1. Elbfest in der Hafencity und habt euch dort Burger mampfend die Parade der Traditionsschiffe reingezogen? Und da lief keine nervige Schlagermusik im Hintergrund, sondern etwa leise Chansonmusik, weil Tango Argentino und Tänzer und Amore und so? Dann müsst ihr Tina Heine danken. Die Eventmanagerin hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Batz dafür gesorgt, dass ein neuer Wind die Elbe hinauf weht. Mit Vergnügen traf sie an dem Ort, an dem alles begann: in ihrer Bar Hadleys.

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Krankenschwester auf Ihrer Business-Visitenkarte, warum?

Weil das früher die Nachtaufnahme des Vereinshospitals am Schlump war! Bezüge zur Vergangenheit sind überall. In der Speisekarte gibt es ein altes Foto von Ernest Hemingway und seiner ersten Frau Hadley in einem Café. Früher fand das Leben im Café statt, heute sitzt la Bohème vor ihren Laptops. Mir ist es wichtig, dass das hier ein Ort bleibt, an dem man sich begegnet.

Auch das 1. Hamburger Elbfest stand unter dem kommunikativen Motto „Schippern, Schnacken, Schlendern“. Letztes Wochenende kamen 50.000 Leute. Wie fühlt man sich nach so einer riesigen Premiere?

Man ist ganz erleichtert! Nichts ist schief gegangen, alles hat geklappt. Unsere Maxime wurde wirklich Realität. Die Leute kamen ins Gespräch, es gab keine Besäufnisse, sondern es wurde gepflegt Wein und Bierchen getrunken - das war mir wichtig.

Welche Hürden mussten Sie nehmen?

Ich erinnere mich an unser erstes Kick-off-Meeting. Da waren vierzig alte Seebären, Leute aus der Stiftung und mein Team. Zig Leute sitzen so.

Tina Heine lehnt sich zurück, verschränkt die Arme über der Brust und kneift die Augen zu einem strengen Blick zusammen. 

Zwischendurch schüttelten manche den Kopf und fragten zum Beispiel „Was hat'n die Hafencity damit zu tun?“ Die dachten, da sitzen ein paar Hühner ohne Ahnung und kriegen sicher richtig fett Geld – das haben wir übrigens nicht. Meine Projektassistentin Sophie Grebe ist ein kleiner kreativer Kopf aus Linz. Sie musste sich anfangs oft Statements wie „Haben sie denn keine Ahnung von Schiffen?“ anhören. Zum Schluss waren wir aber eingegroovt. Kritische Stimmen sind auch gut. Da weiß man, auf was man zu achten hat. Die Schiffer hatten beispielsweise ganz starke Bedenken, dass ihre Parade untergeht.

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Anders als der Schlagermove oder der Hafengeburtstag, will das Elbfest eine Feier für Hamburger sein. Braucht es in der Stadt wieder mehr Events dieser Art?

Ich bezweifle, dass man da so strikt trennen muss. Das Elbjazz war ein Festival, mit dem sich die Hamburger unglaublich stark identifizierten, dessen Klientel aber aus knapp einem Viertel Touristen bestand. Es muss keine separierten Feste geben, aber die Hamburger sollen keine Events meiden, die als „Tourifeste“ verpönt sind. Sie sollen voller Stolz sagen: Komm an dem Wochenende zu diesem super Fest! Das Elbfest hat dieses Potenzial. Ich wünsche mir, dass die gerade erlebte Stimmung dort nach außen dringt und noch mehr Touristen anzieht. Ohne die Hamburger zu verdrängen.

Mir fehlt das Bahnbrechende.
Tine Heine

Was vermisst du an der Hamburger Kulturpolitik?

Mut! Hier wird Kultur verwaltet, nicht gefördert. Es gibt keine langfristige Gesamtstrategie. Mir fehlt das Bahnbrechende. Etwa Kunst im öffentlichen Raum. Dafür gibt es kaum Geld mehr. Die Leute sollen sich aber nicht wie dumme Schafe durch die Shoppingmeilen schieben, sondern auch mal stehen bleiben, sich vielleicht sogar über ein hässliches Kunstwerk ärgern. Hamburg ist einfach zu satt. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt und das reicht den Menschen offenbar auch. Überall, wo ich hinkomme, sagen die Leute: „Ach, Hamburg, so schön“. Ich lebe hier auch sehr gerne, es gibt schöne Viertel. Grün, sauber. Kulturell ist es nicht besonders prickelnd.

Avantgarde oder Hochkultur, wo positioniert sich Hamburg aus Ihrer Sicht?

Hamburg ist keine wirkliche Kulturstadt – es ist und bleibt eine Kaufmanns- und Hafenstadt. Das spürt man an allen Ecken und Enden. Das Geld bestimmt hier noch stärker als woanders das Geschehen. Je mehr Geld du hast, desto mehr wird dir geglaubt. Als Frau und Nicht-Hamburgerin ohne große Geldbörse hat man es in dieser Stadt nicht leicht. Natürlich passiert viel Subkulturelles in Hamburg, es gibt eine Menge guter und gut vernetzter Leute, die etwas Anderes wollen. Aber ich wünsche mir, dass es in der Stadt noch mehr Freiräume gibt. Zum Beispiel am Oberhafen. Dort würde viel gehen.

Inwiefern?

Wenn ich das zu entscheiden hätte, würde ich alles unter Dach und Fach bringen und die Räume schließlich günstig vermieten. Keinesfalls würde ich den geplanten Sportplatz dorthin bauen, den finde ich furchtbar. Am Oberhafen ist es so schön unentwickelt, dort kann man die Straßenbahnschienen bis zu den Elbbrücken entlanglaufen, dort ist struppiges urbanes Gelände. Da kann man sitzen und denken.

Das Dach würde ich natürlich lassen, damit dort den ganzen Sommer lang Märkte und Open-Airs stattfinden können. Am liebsten würde ich jemandem, der das kuratieren kann – am besten mir selbst – 100.000 Euro geben und dann: Open-Air in Hamburg ÜBERDACHT. Das könnte eine ganz tolle Location für Musik, Kunst und Literatur werden. Wird es aber wahrscheinlich nicht.

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Stattdessen gibt es mit der Elbphilharmonie jetzt noch ein großes Prestigeprojekt, das die Stadt mit großem finanziellem Aufwand umgesetzt hat. 2017 wird auch das Elbjazz mit dem neuen Konzerthaus kooperieren. Für wen werden in Hamburg eigentlich Events gemacht?

Das Konzept der Elbphilharmonie ist in puncto Tickets super. Die Eröffnungsarie hat gezeigt: Jeder soll sich dort eine Eintrittskarte leisten können. Christoph-Lieben-Seutter ist ein super Intendant, der auch abseits von Klassik gutes Programm macht. Sofern kein zu hoher finanzieller Druck da ist, können dort tolle Sachen passieren, die mehr Neugier für Klassik oder Jazz wecken.

Indem die Stadt und Private so viel Geld investiert haben, wird jetzt überall von der „Musikmetropole Hamburg“ erzählt. Damit das auch erfüllbar bleibt, muss natürlich Geld locker gemacht werden. 500 000 Tausend Euro sind in den Topf für die freie Musikförderung gegangen. Darauf stürzen sich jetzt wieder alle im Haifischbecken. Ich hätte da etwas Größeres gemacht. Trotzdem ist diese gesteigerte Öffentlichkeit auch für die Nischen sehr hilfreich.

Apropos Nische, einer der Gründe, weshalb Sie als Geschäftsführerin aus dem Elbjazz ausgestiegen sind, war die Neukonzeption des Festivals in Richtung Bühnen für die Masse. Was stört Sie daran?

Ich habe Elbjazz mit zwei simplen Zielsetzungen gestartet. Einerseits wollte ich neues Publikum für Jazz begeistern. Andererseits sollten Künstler und deren Musik über die Magie der Locations vermittelt werden. Es ist egal, wenn jemand nur kommt, weil er den Hafen schön findet. Die Hauptsache: Der Besucher wird ein Wochenende mit Jazz verbringen und danach über ein Jazzfestival sprechen. Als ich vor neun Jahren angefangen habe, hatte Jazz ein verstaubtes Alte-Herren-Image – zumindest in Deutschland. Ich wollte den Begriff Jazz verjüngen und das ist mit Elbjazz auch gelungen. Das war kein Festival, das für zwei Tage wie ein Ufo in der Stadt landete und danach war von Jazz wieder nichts gehört.

Es hat sich über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus für diese Musikrichtung eingesetzt. Mir wird oft vorgeworfen, ich hätte mich mit strategischen Allianzen – etwa mit der langjährigen Elbjazzbühne in Kopenhagen – verzettelt, statt Acts aufzustellen, die Geld einbringen. Die Headliner haben mich aber nie interessiert. Jan Garbarek kann jeder buchen.

Was müsste sich in Hamburg verändern, damit Kultur selbstverständlicher wird?

Man kann sehr viel im Kleinen bewirken, glaube ich. Es gäbe Elbjazz nicht, wenn ich im Hadleys nicht mit Konzerten angefangen hätte – leider hat es auch nur die Macht eines einzelnen Nachbarn gebraucht, um die Musik wieder zu unterbinden. Dabei ist das hier kein Punkschuppen! Die Stadt müsste mehr unkonventionelle Wege gehen, statt blaue Striche auf den Bürgersteig des Schulterblatts zu ziehen, um vermeintliche Ordnung im Kraut und Rüben herzustellen.

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Mit 22 Wirtin vom Hadleys, mit Mitte 30 das Elbjazz Festival erfinden– gemeinsam mit der Eventmanagerin Nina Sauer. Jetzt das Elbfest. Lohnt es sich, einfach zu machen?

Ich habe das Andere nie ausprobiert. Jetzt bin ich aber in einer Phase, in der ich wissen will, wie das ist. Mit Mitte 40 reflektiert man die letzten zwanzig Jahre. Ich will diese nie missen; ich habe mein Leben so vollgestopft, wie es bei manchen womöglich erst mit 80 Jahren ist. Aber ich habe auch lange Raubbau betrieben. Meine Kinder sind quasi bei ihren Großeltern aufgewachsen. Ich möchte nicht mehr so blindwütig aktionistisch jede Chance ergreifen, sondern zur Ruhe kommen. Gerade als ich bei Elbjazz einen normalen Alltag hatte, kam die Trennung. Dann war das Angebot aus Salzburg plötzlich da. Wenn ich das geschafft habe, dann werde ich mich erstmal ausschlafen.

Dieser Beitrag wurde von Heineken gesponsert

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