11 Orte, an denen du auf Hamburgs NS-Vergangenheit stößt

Deine Straße, dein Viertel, deine Stadt. Klar kennst du sie – nicht? Oder übersiehst du einen Teil ihrer Geschichte? Nur das, wovon du weißt, kannst du auch sehen. Daher erzählen wir dir heute von 11 Orten, an denen du auf Hamburgs NS-Vergangenheit stößt – teils ohne es zu wissen. Es sind die Geister der Stadt. Sie tragen Geschichten in sich, von vergangenen Tagen und von vergangenen Wunden.

Kein Thema für Mit Vergnügen? Oh doch. Vergnügte Herzen schlagen so lebendig, weil sie wissen, wo die Traurigkeit verortet ist. Am 8. Mai endete der 2. Weltkrieg. Tag des Zusammenbruchs und der Befreiung. Tag der grässlichen Fakten und der Erinnerung. Einer Erinnerung, sein Leben mit Liebe und Mitgefühl zu bestreiten, nicht mit Angst und Hass.

Bewältigte Vergangenheit? Oder überwältigende Vergangenheit? Auf geht’s, Augen auf.

1

© Alexandra Brucker Alsterpavillon: Wo die „Swing-Jugendliche“ verhaftet wurden

Amerikanischer Jazz? In der NS-Zeit war der Swing im Radio, in Cafés, in Tanzlokalen verboten – da „entartet“. Jugendliche, die diese Musik hören wollten, trafen sich privat oder gingen in eines der wenigen Lokale, die trotzdem hin und wieder verbotene Klänge spielten. Zum Beispiel im Alsterpavillon. Die Hitler-Jugend observierte die „Swing-Jugendlichen“ genau, die Hamburger Presse machte Propaganda gegen sie.

Zwischen 1940 und 1944 wurden ungefähr 400 Jugendliche in Hamburg wegen „Zugehörigkeit zur Swing-Jugend“ inhaftiert und zum Teil in Konzentrationslager verschleppt. Doch die Swing-Boys und -Girls ließen sich nicht unterbuttern. Noch 1941 inszenierten sie am Hauptbahnhof eine Persiflage auf die Empfänge der NS-Herrscher: Zwei Jugendliche in dunklem Anzug entstiegen unter dem Jubel von 60 Oberschülern dem Schnellzug aus Paris, schritten über einen roten Teppich und fuhren mit der Pferdedroschke zum Alsterpavillon!

2

© Alexandra Brucker Kaiser-Friedrich-Ufer: Wo die Bücher brannten

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." (H. Heine)

Am 15. Mai 1933 verbrannten Hamburger Studierende, die der SA angehörten, im Rahmen einer demonstrativen, reichsweiten Aktion am Kaiser-Friedrich-Ufer die Bücher sogenannter „undeutscher“ Autorinnen und Autoren. Da die Inszenierung kaum Publikum hatte, wurden für eine weitere Bücherverbrennung am 20. Mai am Lübecker Tor tausende Mitglieder von NS-Organisationen zur Anwesenheit verpflichtet. Ein Mahnmal mit verschiedenen Inschriften erinnert heute am Isebekkanal (Ecke Heymannstraße) an die Bücherverbrennungen. Auch dieses Jahr findet am 15. Mai zwischen 11.00 und 18.00 Uhr an diesem Platz eine Marathonlesung aus den verbrannten Büchern statt.

3

© Alexandra Brucker Die Stadthöfe: Wo die Gestapo folterte

Hamburg bekommt ein neues, touristisches Shopping-Highlight: die Stadthöfe. Dass dieser Ort die Terrorzentrale der Gestapo gewesen ist, merkt man dem Gebäude nicht mehr an. Das prächtige Stadtpalais aus der Gründerzeit ist aufwendig saniert und strahlt wie neu. Luxusboutiquen sollen her. Auf die Fenster zum Souterrain steht lustige Werbung: „Kopp hoch, chérie!".

Irgendwo dort unten waren früher die Folterkeller der Gestapo, in denen etliche politisch Verfolgte gequält wurden. Für viele war das Stadthaus die erste Leidensstation auf dem Weg in die Konzentrationslager. Misshandlungen, Folter und Selbstmorde standen an der Tagesordnung. Jahrzehntelang kämpften Initiativen für eine Gedenktafel. Erst Mitte der achtziger Jahre wurde sie neben einem der Eingänge angebracht, finanziert aus privaten Spenden. Nun sollen eine Buchhandlung und ein Café als Gedenkort dienen. Espresso trinken, wo die Deportation organisiert wurde? Gedenken und Konsum – wie passt das zusammen?

4

© Alexandra Brucker Bunkerstadt Hamburg: Wo Menschen Zuflucht suchten

In keiner anderen Stadt wurden so viel Bunker gebaut wie in Hamburg. Ab 1940 entstanden in der Hansestadt rund 1050 Anlagen, darunter 76 Hochbunker. Heute existieren davon noch etwa 650. Viele dienen nun als Mahnmale: Der U-Boot-Bunker „Fink 2“ auf Finkenwerder zum Beispiel. Oder der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld. Dort wurde Fernsehgeschichte geschrieben: 1952 sendete der NWDR von hier aus die erste Ausgabe der Tagesschau. Energiebunker, Wohnhäuser, Parkplätze, Hotels, begrünte Klötze, die Nutzung und Transformation ist groß – und regt an: Woran wollen wir uns erinnern? Wie wollen wir gedenken? Was wollen wir verändern?

5

Straßennamen: Wo NS-Sympathisanten noch Macht haben

Deine Straße gehört zu dir wie dein eigener Name. Sie drängt sich in deine Lebenswelt – Widerspruch zwecklos. Immer präsent: auf Briefen, in Einladungen, auf Visitenkarten. Was tun, wenn der Straßenname an Sympathisanten des NS-Regimes erinnert? Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung, recherchierte über genau jene NS-belasteten Biografien.

Die Seite „Die Dabeigewesenen“ zeigt, welche Hamburger Straßen noch immer nach Nationalsozialisten benannt sind. Sie klärt auf über Profiteure, Karrieristen, Mitläufer – kurzum: Menschen, die das System stützten. Da Straßennamen Machtverhältnisse ausdrücken, gilt es für die Stadt immer wieder, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Oftmals wird der Tätername durch den eines Opfers ersetzt. Mitunter wird das Problem aber auch ganz plietsch gelöst. So erhielt die Schottmüllerstraße in Eppendorf im Jahr 2014 eine Umwidmung. Die Straße heißt nun nach der Künstlerin und Widerstandskämpferin Oda Schottmüller – und nicht mehr nach dem Hitler-Sympathisanten Prof. Dr. Hugo Schottmüller.

6

© Alexandra Brucker Am Jungfernstieg: Wo der Widerstand sich versammelte

Jungfernstieg Nr. 50, ein unscheinbares Gebäude, zwischen Alster und Gänsemarkt. Zu NS-Zeiten: Ort des Widerstandes. Die „Buchhandlung am Jungfernstieg“ war ein Treffpunkt bürgerlicher Intellektueller, Studenten, literarisch und künstlerisch interessierter Menschen. Was sie verband: die Ablehnung des Nazi-Regimes.

Eine direkte Verbindung zur „Weißen Rose“ in München gab es durch die Hamburger Medizinstudentin Traute Lafrenz. Sie ging für zwei Semester nach München und gelangte dort in den Kreis von Hans und Sophie Scholl. Lafrenz brachte das dritte Flugblatt der „Weißen Rose“ mit nach Hamburg und sorgte dafür, dass es auch hier verurteilt wurde. Nach den Verhaftungen in München geriet auch sie in das Visier der Gestapo. Sie wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und später noch einige weitere Male inhaftiert.

7

© Alexandra Brucker Im Grindel: Wo Juden drangsaliert wurden

Auf dem Campus der Universität erinnert ein großes Wandbild der argentinischen Künstlerin Cecilio Herrero-Laffin an der Wand des Gebäudes des Fachbereichs Sozialökonomie an das frühere jüdische Leben im Grindelviertel. Hier wimmelte es einst an Geschäften, kulturellen Einrichtungen, Schulen und zwei Synagogen. Risse zwischen den einzelnen Bildelementen symbolisieren die Zerstörung dieses jüdischen Lebens und seiner Stätten während des NS-Regimes.

Gerade im Grindelviertel waren einige der Wurzeln der NSDAP zu finden, zum Beispiel die erste NSDAP-Zentrale und die Parteikneipe in der Grindelallee. Hier fand auch das erste Hissen der Hakenkreuzfahne an einem öffentlichen Gebäude in Hamburg statt. Am Mahnmal für die Deportierten auf dem Rasendreieck Edmund-Siemers-Allee und Moorweidenstraße direkt neben dem Hauptgebäude der Universität trieb man die Juden ab 1941 zusammen, um sie in die Konzentrationslager im Osten abzutransportieren. Von über 20.000 Hamburger Juden wurden annähernd 8000 ermordet.

8

© Alexandra Brucker Hinter der Staatsoper: Wo Prostituierte zwangskaserniert wurden

Heute weist nichts mehr darauf hin, dass sich zwischen Staatsoper und Gänsemarkt anstelle eines Hinterhofs die kleine Straße Kalkhof befand – eine Bordellstraße. Wie die Herbertstraße auf St. Pauli war auch der Kalkhof ab 1933 mit Sichtblenden versehen. Im Kalkhof wurden die Prostituierten während der NS-Zeit zwangskaserniert. Sie mussten in der Straße arbeiten und wohnen. Hielten sie sich nicht daran, drohten ihnen drakonische Strafen bis hin zu Konzentrationslagerhaft, in der viele dann wieder als Prostituierte arbeiten mussten. Mit der Stigmatisierung als „Asoziale“ wurde ihre zwangsweise Sterilisierung und Entmündigung gerechtfertigt.

9

© Alexandra Brucker Am Stephansplatz: Wo Denkmale für Verwirrung sorgen

Zwischen Stephansplatz und Dammtorbahnhof steht Hamburgs Klotz am Bein: Das 76-er Denkmal wurde 1936 in Auftrag gegeben und stimmte auf den künftigen Krieg ein. Die Inschrift lautet: „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“.  Nachdem in den 70ern die Stimmen gegen das Kriegerdenkmal zunahmen, beauftragte der Senat ein Gegendenkmal. Es sollte ein zerbrochenes Hakenkreuz entgegengesetzt werden, das den Grundriss für eine Anlage aus vier Denkmalteilen bilden sollte.

Vollendet wurden jedoch nur zwei Teile – am Ende fehlte das Geld. Seit 2015 steht zwischen 76er Denkmal und Gegendenkmal noch ein drittes Denkmal: Der Gedenkort für Deserteure würdigt die nicht anerkannten Opfer des Nationalsozialismus und ihr Mut, sich dem menschenfeindlichen System entgegenzustellen. Zugegeben, es wird dort etwas eng mit all den Denkmalen, die nicht jeder als Ensemble begreift. Ist es das überhaupt? Jahresringen gleich, zeigt das Trio vor allem eines: die Schichten der Verarbeitung in unterschiedlichen Jahrzehnten.

10

© Alexandra Brucker Am Rathausmarkt: Wo Hamburger Hitler zujubelten

Lange Zeit hielt sich die Nachkriegs-Legende: Dank ihrer hanseatischen Tradition seien die Hamburgerinnen und Hamburger mehr Gegenspieler als Partner der Nazis gewesen. Alles sei hier humaner und weniger radikal als im übrigen Reich zugegangen. Es hieß, Hitler habe die Stadt nicht gern besucht, da ihm Hamburg einerseits zu rot und andererseits zu bürgerlich gewesen sei.

Tatsächlich hat Hitler Hamburg 33 Mal besucht, so häufig wie keine andere Stadt - ausgenommen Berlin und die NS-Hochburgen München und Nürnberg. Es gibt Fotos, die eine jubelnde Menge zeigen, während Hitler über den Rathausmarkt fährt. Beim ersten Besuch nach der Machtübernahme hatten die örtlichen Parteigrößen noch die Befürchtung, die Straßen würden leer sein, wenn Hitler durch die Stadt führe. Vorsichtsweise wurden Schulklassen an der Strecke postiert. Es zeigte sich: Die Hamburgerinnen und Hamburger kamen freiwillig an die Strecke, um Hitler zuzujubeln.

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© Alexandra Brucker Stolpersteine: Wo Fußgänger über Vergangenheit stolpern

Ja, es ist unangenehm, sich an die Gräueltaten der NS-Zeit zu erinnern. „Auch wenn es in Hamburg mittlerweile mehr als 100 Gedenkstätten gibt, muss man sich dort größtenteils bewusst hinbegeben, sprich die Auseinandersetzung mit den Verbrechen während der NS-Zeit wirklich ganz gewollt suchen. Macht man dann am Ende des Tages oft leider doch nicht, immer gibt es irgendwie wichtigeres, beziehungsweise Angenehmeres zu tun“, meint Dirk in einem Kommentar zu Erinnerung gegen das Vergessen – und zur Bedeutung von Stolpersteinen.

Auf Schritt und Tritt stoßen wir in den Hamburger Straßen auf sie. Seit 1995 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit seinem Projekt durch kleine Gedenksteine an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor deren früheren Wohnorten. 2002 holte Peter Hess das Projekt in die Hansestadt. Mehrere Tausend Stolpersteine liegen derzeit in den Hamburger Trottoirs, jährlich kommen rund 500 dieser kleinen Gedenksteine hinzu. „Das Grauen begann nicht erst in Auschwitz, Treblinka oder in anderen Lagern, es begann in unseren Nachbarschaften, in unserem Haus, vor unserer Tür!“ heißt es auf der Seite der Initiative – und genau darum geht es.

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