Was passiert eigentlich in Sexkinos auf St. Pauli?

© Kevin Goonewardena

In seiner Kolumne "Absolute Giganten" macht Kevin Goonewardena alle zwei Wochen Hamburger Typen und Geschichten erlebbar, die der erste, flüchtige Blick oft nicht erfasst. Eingefangen an Orten, die wir zwar alle kennen, für die wir jedoch nicht den Mut, die Courage oder die Verzweiflung besitzen. "Absolute Giganten" ist der stille Beobachter, der die Geschichten der Stadt und ihrer Menschen findet und zu Papier bringt."

Draußen schieben sie sich entlang, die Blechlawinen und Fleischmassen. Sie gaffen in Schaufenster oder drücken ihre Hintern platt, den Bierkrug schon vormittags fest umschlungen. Sie sind fett und rosig und hier, weil sie das Abenteuer suchen. Geschichten über leichte Mädchen und böse dreinblickende Kerle, über Aufstiege und Abstürze. Sie bezahlen Stadtführer in lächerlichen Aufmachungen und loggen sich überall ein. Eine Nacht, zwei Tage, ein Wochenende. St. Pauli im Schnelldurchlauf für Leute, für die bei Rot-über-die-Ampel-gehen ein Hauch von Anarchie bedeutet. Außen vor statt Mittendrin.  Ich begebe mich auf die Suche nach den Orten, wo St. Pauli am tiefsten ist - und den Leuten, die dort verkehren.

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12 Uhr, unter der Woche, die Sonne scheint. Ein Obdachloser schenkt mir ein Lächeln, seine Zähne vom Leben zerfressen. Gegenüber vor dem KFC die Gestrandeten. Bis zur Euphorie ist es nur ein Katzensprung.

Es gibt sie noch, die „sündige Meile“ auf St. Pauli. Fernab von den Huren, die das abendliche Passieren der Davidstraße zum Slalomlauf machen. Weit entfernt von Olivia Jones‘ glattpoliertem Erotik-Imperium auf der Großen Freiheit, von Sex-ab-39 Euro-Bordellen und dem Herbertstraßen-Sichtschutz, der eher mystifizierendes Fotomotiv statt letztes Hindernis auf dem Weg  zur Fleischeslust darstellt.

Im Pinoys zum Beispiel, wo die Latinas warten. In der Schmuckstraße, wo die Transen ihre Dienste anbieten. Und in dem guten Dutzend Sexkinos auf der berühmtesten Straße des Stadtteils und ihrem Drumherum – deswegen bin ich hier. „Sexy Angel“, „Mystery Hall“, „Jagdrevier“ oder „Hustler“  - Orte, deren Mauern ähnlich viel schlucken wie die Besucher in ihren Katakomben.

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Hein-Hoyer- Ecke Seilerstraße. Im Cafe MAY sitzt das gentrifizierte St. Pauli und studiert die Inhaltsstoffe der Frühstückskarte. Glutenfrei und Spaß dabei. So zielstrebig wie man sein kann, wenn man die Ecke tags zuvor ausgekundschaftet hat, steuere ich auf den einfallslos benannten „Erotic Shop“ zu, dessen Eingangsbereich mit kaum einer Hand voll Regale mit Sexspielzeug und DVDs dem Zusatz „Shop“ nicht gerecht wird.

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Der alte Herr am Tresen könnte auch in irgendeiner schummrigen Ecke onanieren, nachts im Parkhaus vor den Überwachungsmonitoren einpennen oder Pfandflaschen sammeln. Meine Augen streifen eine Schale Karamellbonbons: „Für den Geschmack danach.“ Vorabrecherche bestätigt im real life. Links, am Durchgang zu den Sälen, ledrig gegerbte Haut in halterlosen Strümpfen. Die besten Zeiten hat sie ganz offensichtlich lange hinter sich. Sie springt auf, als ich den Laden betrete, verschwindet im hinteren Bereich. Wie oft sie das wohl heute schon getan hat und vor allem wie erfolgreich? Fragen, die ich nicht stellen werde.

Drei dunkle Séparées, abgewetzte Ein- und Zweisitzer links und auf zwölf Uhr. Nur sie und ich. Unten die Säle, oben Kabinen. Fünf Kinos insgesamt, Hetero, Homo, Einzel, Pärchen, das ganze Programm. Sie folgt mir und setzt sich. Ihre Zunge stößt gegen das Innere ihres Mundraums, man kennt das. „Lutschi, Lutschi? 30“ – mehr Worte braucht es nicht. „Nein, danke.“ Sie schaut mich an. „Ah Feti!“, stößt sie aus. „Irgendwas hat ja jeder“. Prostituierte seien in den Sexkinos nicht gerne gesehen, las ich vorab. Wie das wohl bei den anderen ist? Ich bin nicht der Typ, den sie sucht, das hat sie schnell festgestellt. Ein, zwei Sätze, damit man es wenigstens versucht hat. Eine zaghaft auf mein Knie gelegte Hand verweilt dort keine drei Sekunden. Beim Rausgehen will sie mir noch die Kinosäle im Keller zeigen. Ich winke ab, sie geht alleine. Ob ihr der Kunde, der jetzt durch die Tür kommt, folgen wird? Er schaut sich um.

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Selber Ort, ein paar Stunden später. Mit meiner Tageskarte kann ich bis zum nächsten Morgen so oft wiederkommen wie ich will – oder gleich bleiben. Von der Hure von vormittags keine Spur mehr. Zwei Séparées besetzt, der Kinosaal voller. Versprenkelt Sitzende legen Hand an sich selbst an und schauen sich um. In der ersten Reihe  wird ein Typ von der einzigen Frau im Saal eingeritten. Um sie herum ein Pulk von fünf, sechs Männern. Manche mehr, manche weniger bekleidet, alle mit dem Schwanz in der Hand, warten sie, bis sie an der Reihe sind. Sechs Euro kostete die Tageskarte, sechs Euro kostete der Sex. An der Wand stehend beobachte ich die Szenerie – das Dunkel ist so viel dunkler in Sexkinos, denke ich.

Am nächsten Tag, Hamburg liegt Grau in Grau. Das „Sexy Angel“ an der Reeperbahn kennt keine Pause. 24 / 7 geöffnet, 365 Tage im Jahr. Vom obligatorischen Sexshop führt eine Eisentür in den Keller. Über die Öffnungszeiten der Sauna informiert ein Wisch. Bezahlen und der Türsummer gibt den Weg frei. Vor mir an der Kasse zeigt ein älterer Herr seinen Kassenbon vor – er war heute schon mal da. Auch im „Sexy Angel“ gibt es Tageskarten, wie überall hier. Doch um sich Pornos anzuschauen, kommt hier wohl Niemand hin. Der ältere Herr ist längst verschwunden, als ich die Kellertreppe hinabsteige. Links bunte Metallspinde, Holzbänke, Umkleiden wie in der Turnhalle. Hier darf man auch nackt sein. Den Schlüssel gibt’s gegen Pfand an der Kasse.

© Kevin Goonewardena

Ich taste mich vorsichtig durch das Gewirr an Gängen vor. Es ist heiß und es ist schwül hier unten.  Irgendwo ist die Sauna, irgendwo auch die Duschen. Eine Frau auf Pfennigabsätzen bewegt sich durch meinen Augenwinkel.  Eine Prostituierte, eine Swingerin? Ich folge ihr mit Abstand, im Dunst des faden Lichtes erkenne ich das Profil eines Mannes, der im Nirgendwo verschwindet. Hier in dem Bereich führen die Gänge um das Liebeszimmer, ein mittig platzierter, abschließbarer Raum mit Bett und vergitterten Fenstern ohne Glas. Zugucken kann hier jeder, und mitmachen, wenn die Tür geöffnet wird. Unten höre ich die Tür gehen. Lederschuhe, Anzughose, ein langer Mantel tauchen in meinem Blickfeld auf. Auch dieser Gast ist älter, gepflegt, Typ Professor, Anwalt, Unternehmer. Er verschwindet. Aus den Kabinen, die die Gänge teilweise flankieren, stöhnen. Die Türen, meist verschlossen, nur einer bietet sich den vorbeigehenden Besuchern nackt an. Er onaniert.

Nicht jedes Kino fährt so groß auf wie etwa das Sexy Angels – ein Slingroom und eine Crusing Area ergänzen das Angebot. Doch wer Kunden gewinnen und halten will, der muss sich heutzutage was einfallen lassen. Die Zeiten von reinen Kabinenkinos, in denen Mann gegen Münzeinwurf für schnelle Erleichterung sorgen kann, sind vorbei. Auch Kinosäle alleine lohnen sich nicht. In anderen Kinos gibt es etwa Darkrooms, Andreaskreuze, Käfige. Wer hier hingeht, sucht Sex. Unverbindlichen, anonymen, oftmals homosexuellen Sex. Welche Pornos nebenbei laufen, dürfte den meisten nicht einmal auffallen.