11 schöne Kunst- und Architekturspaziergänge in Hamburg

Spätestens jetzt können wir wohl sagen: spazieren gehen ist nicht nur ein Hobby, es ist ein Lifestyle! Jeden Tag raffen wir uns aufs Neue auf, um unsere Stammroute abzulaufen. Wem die immer gleiche Route zu langweilig wird, für diejenigen haben wir ganz besondere Orte rausgesucht. Orte, bei denen es etwas zu gucken und zu staunen gibt. Orte, die durch beeindruckende Zeichenkunst oder architektonischer Genialität strotzen. Los geht's und viel Spaß beim Entdecken!

© Alexandra Brucker

1
Gängeviertel: Gallisches Dorf und Riesensäge

Früher war an der großflächigen Fassade des Hauses im Valentinskamp eine handgemalte Werbung der Margarinefirma Rama zu sehen. Nach der Sanierung durch die Stadt entstanden zwei neue, knapp 20 Meter hohe Wandbilder. Das linke Mural zeigt das Gängeviertel als ein gallisches Dorf, das sich den immer näher rückenden Glasbauten widersetzt. Es ist angelehnt an sein bekanntes, kreisrundes, rotes Emblem. Das zweite, leicht nach hinten versetzte Gemälde zeigt eine überdimensionierte Säge - das Werkzeug der Kupferdiebe und jahrelang das Emblem der gleichnamigen Galerie im Erdgeschoss des Hauses. Im Kupferdiebehaus begann 2009 die Karriere der Low Bros, die für die Gestaltung der Wände extra in ihre Heimat zurückkehrten. Bei der damaligen friedlichen Besetzung des Gängeviertels bezogen neben anderen Künstlern auch die beiden Brüder ihr erstes gemeinsames Atelier.

© Alexandra Brucker

2
Filmfabrik Zeisehallen: Die Buddenbrooks und blöde Ziegen

Friedensallee Nr. 8 betreten. Huch. Die Zeisehallen samt Stahlträgern und roten Backsteinen haben mich soeben ins Jahr 1865 befördert. In der großen Halle produzierte Herr Theodor Zeise noch bis 1979 Schiffspropeller für Containerschiffe. Familie Zeise gilt als die Familie Buddenbrook von Altona - Aufstieg und Fall eingeschlossen. Um ihre Fabrik wehte bis in die 50er noch eine geheimnisvolle Aura. Die Gleise vom Zeise führten aus der Halle raus, mitten durch das Viertel, bis zum Altonaer Bahnhof. Auch heute sind sie noch auf dem Boden zu entdecken - genauso wie die Gussgruben, in denen die Schiffsschrauben hergestellt wurden. Wenn sich damals die Pforte der großen Fabrikhalle öffnete, hopste zunächst ein Mann heraus, der wild mit einer roten Flagge wedelte. Anschließend polterte eine winzige Zugmaschine heraus, die etwas zog, das aussah wie vom Sternenhimmel gefallen: eine Schiffsschraube.

U-Bahnstation Kellinghusenstraße
© Alexandra Brucker

3
Die U-Bahn-Brücke am Kellinghusenbahnhof

Was wäre, wenn Du jeden Tag verschlafen durch ein Bauhaus-Gebäude huschst, ohne es zu merken? Das kann gut sein, wenn Du regelmäßig an der U-Bahn-Station „Kellinghusenstraße“ umsteigst. Die 1929 von Architekt Walther Puritz errichtete Brücke am Kellinghusenbahnhof steht für die neue Sachlichkeit. Das Bauwerk greift die Architektur des Gropius-Baus in Dessau auf: Eine Glasfassade gibt den Blick auf das Innenleben frei – das tragende Skelett. Das Besondere an der Brücke sind die Holzsprossen in einem warmen Indisch-Rot. Denn Holz ist eigentlich kein Material der Sachlichkeit. Die Verglasung und das Fehlen einer schrägen Dachkonstruktion sind wiederum typisch Bauhaus. Transparenz war schließlich ein wichtiger, funktionaler Aspekt der Moderne. So hast Du beim Begehen der Brücke auch heute noch immer den vollen Durchblick, wo Du gerade bist und hingehst.

  • U-Bahnstation Kellinghusenstraße , 53° 35′ 19″ N, 9° 59′ 28″
Wilhelminenbrücke | © Alexandra Brucker

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In Wilhemines Brückenzimmer - 27 Meter Orientteppich

Auf dem Teppich bleiben, das klappt auf dieser Brücke tadellos. Denn die Wilhelminenbrücke über das Kehrwiederfleet ist mit einem steinernen Orientteppich verziert. Sechs Wochen lang puzzelten Steinmetz Frank Raendchen und zwölf Mitarbeiter im Jahr 2005 am steinernen Mosaikläufer, bis auch das letzte Teilchen passte. Wilhelmines Orientteppich sorgt mit seinen 27 Metern nicht nur für Wohnzimmeratmosphäre, sondern symbolisiert Hamburgs Verbindung zur Welt und den vielen exotischen Waren, die tagein, tagaus in den Hafen eintrudeln und die Handelsstadt bereichern.

© Alexandra Brucker

5
Im Grindel: Wo Juden drangsaliert wurden

Auf dem Campus der Universität erinnert ein großes Wandbild der argentinischen Künstlerin Cecilio Herrero-Laffin an der Wand des Gebäudes des Fachbereichs Sozialökonomie an das frühere jüdische Leben im Grindelviertel. Hier wimmelte es einst an Geschäften, kulturellen Einrichtungen, Schulen und zwei Synagogen. Risse zwischen den einzelnen Bildelementen symbolisieren die Zerstörung dieses jüdischen Lebens und seiner Stätten während des NS-Regimes.

Gerade im Grindelviertel waren einige der Wurzeln der NSDAP zu finden, zum Beispiel die erste NSDAP-Zentrale und die Parteikneipe in der Grindelallee. Hier fand auch das erste Hissen der Hakenkreuzfahne an einem öffentlichen Gebäude in Hamburg statt. Am Mahnmal für die Deportierten auf dem Rasendreieck Edmund-Siemers-Allee und Moorweidenstraße direkt neben dem Hauptgebäude der Universität trieb man die Juden ab 1941 zusammen, um sie in die Konzentrationslager im Osten abzutransportieren. Von über 20.000 Hamburger Juden wurden annähernd 8000 ermordet.

© Alexandra Brucker

6
Treppen meutern im Chilehaus

Spitz wie ein Schiffsbug – wieso das Gebäude also nicht einmal kapern? Das Chilehaus, von Fritz Höger aus 4,8 Millionen Backsteinen mit 2.800 Fenstern errichtet, ist das Wahrzeichen des Kontorhausviertels. Wer das wuchtige Klinkerschiff betritt, stößt auf Terrakotta-Elemente, Plastiken, Fliesen und feinstes, geometrisches Treppenspektakel. Eine Meuterei lohnt sich – besonders für Fotografiematrosen.

© Alexandra Brucker

7
Fischersnetz-Mural in der Sternschanze bestaunen

Wat hest du för‘n Knaster in de Piep? Dieser Fischer raucht wohl Putz und Beton, aber das stört in der Schanze niemanden. Der alte Mann mit den Social Media Tatoos hört sich seit 2014 auf seinem iPod an, was die Anwohner der Lippmannstraße 59 in ihrem Innenhof zu bequatschen haben. In Auftrag gegeben wurde der prächtige Seemann aus Fleisch und Farbe von der Agentur Beebop Media. Die sitzt dem Seebären in ihrem Büro genau gegenüber. Die Künstler-Crew von innerfields geht mit ihrer Arbeit auf ein Thema ein, das ihr sehr am Herzen liegt, nämlich der Gebrauch der neuen Medien. Die Geburt des mit Social Media infizierten Fischers könnt ihr auch in dem Clip von Kai Branss miterleben.

© Alexandra Brucker

8
Hartgesotten: die Kaffeeverleserin in der Großen Elbstraße

Hafenarbeit ist Männersache. Das Klischee ist alt und falsch. Frauen im Hafen – Binnenschifferinnen, Seemannsbetreuerinnen, Schlepperkapitäninnen, Seilerinnen oder Segelmacherinnen – stehen seit 1994 im Fokus der FrauenFreiluftGalerie. Das Kunstprojekt, das sich von der Großen Elbstraße bis nach Neumühlen zieht, zeigt jährlich in neuen Wandbildern die vielen Tätigkeiten, die Frauen im Hamburger Hafen erledig(t)en. Das Gemälde an der Treppe neben der Großen Elbstraße 164 thematisiert zum Beispiel die Rolle der Kaffeeverleserinnen während des großen Hafenarbeiterstreiks im Jahr 1869. Ein halbes Jahr vor dem Streik „protestierten sie zu hunderten gegen Hungerlöhne und Arbeitshetze auf den Kaffeeböden; in manchen Firmen bis zu sechs Wochen.“ Das Kunstwerk von Hildegund Schuster zeigt eine Sortiererin am „Rüttelband“ aus den 50er Jahren und eine Szene aus den Streiktagen von 1896.

Künstlerin: Hildegund Schuster

Alte Harburger Elbbrücke | © Alexandra Brucker

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Die Alte Harburger Elbbrücke – öffnet Tore zur Welt

Ihr fragt euch, was uns an Brücken brennend interessiert? Wir greifen euch da gerne unter die Flussarme. Eigentlich simpel: ohne Brücken kein Hamburg. Ohne Elbbrücken kein „Tor zur Welt“. Ohne die berühmten Querungen über die Elbe ginge Nullkommanullnullnichts. Es gäbe keinen Ausweg aus dem Niederungsgebiet, keinen Umweg über den Strom. Noch vor einem Wimpernschlag der Geschichte hätten wir im Boot herumtuckern müssen, um überhaupt in die Stadt zu kommen. 1872 wurde glücklicherweise das legendäre „Tor zum Süden“ gebaut - die Alte Harburger Elbbrücke. Das filigrane Meisterwerk mit Fachwerkbogen und imposanten Portalen war ein Meilenstein für die Stadtentwicklung. So konnte sie sich nach Süden zur offenen Handelsmetropole entfalten.

© Alexandra Brucker

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Bunkerstadt Hamburg: Wo Menschen Zuflucht suchten

In keiner anderen Stadt wurden so viel Bunker gebaut wie in Hamburg. Ab 1940 entstanden in der Hansestadt rund 1050 Anlagen, darunter 76 Hochbunker. Heute existieren davon noch etwa 650. Viele dienen nun als Mahnmale: Der U-Boot-Bunker „Fink 2“ auf Finkenwerder zum Beispiel. Oder der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld. Dort wurde Fernsehgeschichte geschrieben: 1952 sendete der NWDR von hier aus die erste Ausgabe der Tagesschau. Energiebunker, Wohnhäuser, Parkplätze, Hotels, begrünte Klötze, die Nutzung und Transformation ist groß – und regt an: Woran wollen wir uns erinnern? Wie wollen wir gedenken? Was wollen wir verändern?

© Alexandra Brucker

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Tanzende Türme? Alors on danse!

75 und 85 Meter räkeln sich die „Tanzenden Türme“ am Eingang zur Reeperbahn in die Höhe. Die zwei größten Dancing Queens im Rotlichtmilieu stehen sich bereits seit 2012 die Beine in den Bauch. Statt sich anständig geradeaus in die Höhe zu erheben, wie das brave Hochhäuser normalerweise so tun, wachsen die zwei Rebellen schräg aufeinander zu und knicken auf halber Höhe ein, um sich dann wieder himmelwärts voneinander zu entfernen. Was auch immer der Betrachter in dem Gebäude sieht (ein Tango tanzendes Paar zum Beispiel oder eine Prostituierte, die mit X-Beinen auf ihre Freier wartet), eines ist klar: Hier stehen die schrägsten Häuser der Stadt. Laut ihrem Architektenpapa steckt in den Zwillingstürmen eine ordentliche Portion Musik und Sex. Da ist was dran. Oder drin? Während am Fuß der „Tanzenden Türme“ die Pforten zum legendären MOJO-Club öffnen und in der 24. Etage im „clouds“-Restaurant noch genüsslich geschlemmt wird, gilt allerdings für die Mitarbeiter im Rest des Gebäudes: außen Tango, innen erst die Arbeit, dann Mit Vergnügen.

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