Hamburg, deine Straßen: der Fischmarkt

© Jan Freitag

Es gibt Straßen, die gibt’s gar nicht. Weil sie einst umbenannt wurden wie (nahezu) alles, was Hitler und andere Nazis im Namen trug. Weil es weniger Straßen als Flächen sind. Oder weil niemand weiß, wo sich diese Straßen oder Flächen eigentlich genau befinden. Der Fischmarkt zum Beispiel: Abgesehen von Reeperbahn und Landungsbrücken hat Hamburg kein gepflastertes Stück Stadt, das mehr Menschen in aller Welt kennen. Besser noch: Zu kennen glauben. Fragt man nämlich mal vor Ort nach, wo genau er liegt, dieser legendäre Fischmarkt, blicken sich selbst Einheimische leicht unsicher in der Gegend um und weisen runter zur Elbe, während Ortsfremde meistens meinen, es gebe ihn bloß sonntags früh.

Fast.

Natürlich ist der Fischmarkt vor allem am Wochenende lebendig, wenn Tausende von Touristen, aber auch erstaunlich viele Menschen aus der Nachbarschaft ein ovales Areal ansteigenden Kopfsteinpflasters für vier, fünf Stunden zum Hotspot alltäglicher Eventkultur machen. Der Großteil dieses marktschreierischen PR-Ereignisses findet allerdings an der großen Uferpromenade Richtung City statt. Oder auf der Großen Elbstraße rings um die Fischauktionshalle, in der auch nach dem Budenzauber fix was los ist. Hamburgs bekanntester Freilufthandelsplatz dagegen schläft relativ schnell für volle sechs Tage ein, sobald der letzte Müllwagen die Reste vom Fest beseitigt hat. Ein bisschen zu sehr sogar. Meint wenigstens Nico.

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Seit fast drei Jahren betreibt er das Restaurant Hafenkante am Westrand der luftigen Häuserschlucht, die den Fischmarkt umgibt. Sonntags gibt’s hier Frühstück für alle, wochentags Mittagstisch für „Büroleute“, wie Nico sein Stammpublikum nennt, aber sonst? „Könnte dieser traumhafte Platz gern ein bisschen mehr bespielt werden.“ Mehr heißt in diesem Fall nicht nur mehr Gastronomie, sondern mehr soziales Leben. Schließlich kann man an einem spätsommerlich schönen Mittwochnachmittag die Passanten einer knappen Stunde Aufenthalt an zwei, drei Händen abzählen. Gegenüber serviert die Althelgoländer Fischstube maximal fünf Gästen Labskaus. Zwei Eingänge weiter fehlen bei der Renovierung einer Bar offenbar selbst zur Stoßzeit die Handwerker. Und das vegane Eiscafé neben der Hafenkante hat dichtgemacht.

In Barcelona wäre bei dem Wetter alles voller Menschen

meint Nico und appelliert damit an den Bezirk, doch wenigstens den historischen Springbrunnen mal wieder in Betrieb zu nehmen. Für die Atmosphäre. Dass sie selbst bei 22 Grad eher frostig ist, liegt jedoch nicht nur an der Verwaltung, sondern (wie so oft) ebenso am menschenverachtenden Werk renommierter Architekten. Die renditeverliebten Gerkan, Marg & Partner haben schließlich sämtliche Baulücken zwischen den vier, fünf Gründerzeitperlen vor gut 30 Jahren mit einem klinkerverblendeten Mittelmaß verfüllt, der nicht nur wegen seiner lindgrünen Stahlbalkone das Auge beleidigt.

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Wo Anfang Mai 1702 auf Geheiß des dänischen Königs erstmals Fisch verkauft wurde, um den Hamburger Pfeffersäcken von Altona aus Konkurrenz zu machen, sollte man gut 300 Jahre später also besser nicht den Kopf heben. Es sei denn man blickt von oben aus zum Hafen wie der zweifache Familienvater, dem die Saga seit fünf Jahren eine Altbauwohnung mit Elbblick vermietet. „Wenn Hamburg hier nicht grad seine räudigsten Feste vor die Tür kippt“, sagt er übers Ballermann-Entertainment von Schlagermove bis Cruise Days, „ist das hier ein megaprivilegierter Ort zum Leben“. Wegen einer gewachsenen Struktur, der viele Nachbarn in dritter, vierter Generation angehören; wegen der genossenschaftlichen Besitzverhältnisse, die den Mietpreis drücken; und ja, wegen des Wochenmarkts, der bei all dem Lärm und Dreck und Besonderheitsgehabe eben auch zur Nahversorgung dient.

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Schließlich liegt seiner Familie ja der sympathischere Teil des Fischmarktes zu Füßen. Weit schlimmer wird er nämlich ostwärts Richtung Davidstraße, wo dem „Fischmarkt“ noch „St. Pauli“ vorangestellt wird, der damit das verlängerte Gegenstück zum historischen Gegner aus Altona bildet. Schon vor Jahrhunderten wurden hier maritime Waren jeder Art verhökert. Heute jedoch ist der alte Handelsplatz trotz versprengter Firmen oder Restaurants mit „Fisch“ im Namen vor allem zweierlei: Tosende Hauptverkehrsader mit dem Charme des neuen Elbtunnels und totsanierter Boulevard mit dem einer Kleinstadtfußgängerzone – daran können auch Pudel Club oder Park Fiction nichts ändern, die ein Stück Subkultur über der Blechlawine kultivieren.

Selbst an Markttagen verkaufen fliegende Händler hier ja bestenfalls den Plastikmüll von morgen, lassen ihn im Zweifel aber einfach liegen. Aber gut – dass der Fischmarkt hier überhaupt noch Fischmarkt ist, wissen ja ohnehin nur historisch Eingeweihte. „Warum gibt’s den eigentlich nicht jeden Tag?“, fragt eine Besucherin aus Süddeutschland fröhlich, wo sie doch nur bis Samstag da ist. Weil hier Leute leben, lautet die Antwort. Bislang sogar ziemlich glücklich.

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