Schöner die Seiten nie raschelten: 11 Bücher zum Verschenken

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

O holy book! Wer viel liest, lebt länger. Etliche Studien dokumentieren die Wohltaten des Buches: Schmökern stärkt die Konzentration, verbessert das Gedächtnis, erweitert die Allgemeinbildung, reduziert Stress und entspannt. Ja, es kann sogar den Verlauf von Alzheimer und Demenz verzögern. Du willst Gesundheit, Liebe und allerbeste Unterhaltung verschenken? Stopp den unnötigen Ramsch-Geschenke-Rausch und husche in die Buchhandlung deines Vertrauens. Wir liefern dir unsere liebsten Büchertipps, absolute Lese-Leckerbissen und eine wahre Geschenke-Wundertüte für jederman(n) und -frau, von alt bis jung, von mordslustig bis Herzschmerz-Glück-suchend. Schöner die Seiten nie raschelten…

1. Für Schwarzhumorler und Lachtränenvergießer

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

„Darf ich sie kurz unterbrechen?“ – „Ja?“ – Was ja?“ – „Womit?“ – „Nichts. Mein Interesse war bloß erschöpft.“ Klingt fies, ist dieses Buch auch. Jeder Satz ein kleines Monster, hervorragend geeignet für Freund*innen und Verwandte, die gepfefferte Dialoge lieben und gerne in tiefschwarzem Humor baden. „Rate, wer zum Essen bleibt“ schildert die grässliche Situation, in der ein Paar einen für die Karriere sehr wichtigen Gast erwartet, minutiös ein schniekes Essen plant – und genau an dem Tag platzen unangemeldet ein missglückter, verdrängter Bruder und eine grauenhafte ehemalige Freundin herein. Das Duo des Schreckens bleibt und ruiniert taktlos den Abend. Vielleicht entlarven die zwei aber auch nur all die gesellschaftlichen Lügen? Als Leserschaft futtert man sich grinsend und lachend durch die Seiten und freut sich, bei diesem schrecklich verunglückenden Abendessen nur Außenstehender zu sein. Wer erwartet an Weihnachten wunderbaren Besuch? 

Der erste Satz: „Felix, das ist der wichtigste Abend meines Lebens!“

Das Buch: Philipp Tingler | „Rate, wer zum Essen bleibt“ | Kein & Aber Verlag | Oktober 2019

2. Für Brieffreunde, Großstadt- und Hundeflüsterer

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Obacht, Lieblingsbuch-Gefahr. Warmherzig und witzig schreibt die wunderbar schrullige Helene Hanff nicht nur über die Objekte ihres Herzens, Bücher, (in „84, Charing Cross Road“) und das Land ihres Herzens, England, (in „Die Herzogin der Bloomsbury Street“). Auch die Stadt, in der sie lebt(e), bringt sie uns in Nullkommanichts näher: New York, New York! Die Schriftstellerin hat von 1978 bis 1984 in der BBC Radiosendung „Woman's Hour“ einmal monatlich von ihr verfasste Texte in einem fünfminütigen Beitrag vorgetragen. Diese Texte wurden 1992 in Buchform zusammengefasst. Wie Hanff die Menschen, Ereignisse und vor allem Hunde beschreibt, die ihre Leben teilen und bereichern, ist so fröhlich, bescheiden und lustig, dass Ihr beim Lesen unmittelbar das Gefühl haben werdet, Teil ihrer Freundesclique zu sein. Nebenbei füttert uns die Autorin mit allerlei lustigen Anekdoten und Stadtgeschichten: Wir erfahren, wieso der Central Park als „Garten“ aller New Yorker gilt, wie sich die Upper East von der Upper West Side unterscheidet und was es mit den unzähligen Paraden in der Stadt auf sich hat. Ein absolutes Herzens- und Wohlfühlbuch für City- und Hundeflüsterer sowie New York-Fans und jene, die es noch werden wollen.

Der erste Satz: „Sie können sich nicht vorstellen, wie es hier im Oktober ist.“

Das Buch: Helene Hanff | „Briefe aus New York“ | Atlantik Verlag | März 2019

3. Für Weltenbummler und Menschenentdecker

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

„Haben wir einen Plan“ – „Natürlich, wir wandern, bis wir aufhören zu wandern, und vielleicht finden wir unterwegs so etwas wie eine Zukunft.“ – „Das ist ein guter Plan.“ Ein wirklich guter Plan ist es, dieses Buch in die Hände zu nehmen. „Der Salzweg“ ist ein etwas anderer Reise- und Wanderbericht, beruhend auf einer wahren Begebenheit. Raynor und ihr Ehemann Moth verlieren ihr Haus, ihr Vermögen, ihre Arbeit durch einen undurchsichtigen Finanzakt. Obdachlos geworden, schnallen sie sich ihre Rucksäcke um und begeben sich auf den 1000 Kilometer langen South West Coast Path. Sie kämpfen gegen Naturgewalten, Hunger und Erschöpfung an und haben keine Ahnung, was nach dieser Wanderung mit ihnen geschehen wird. Kein Dach über dem Kopf, dafür kreischende Möwen und Kälte in allen Gliedern. Budget pro Woche: 50 Euro. Sie haben alles verloren, aber irgendwann finden sie sich selbst und gewinnen das Leben. Wir sind jetzt noch berührt.

Der erste Satz: „Der Geräusch der Brandung ist unverwechselbar.“

Das Buch: Raynor Winn | „Der Salzpfad“ | Mairdumont Reiseverlag | November 2019

4. Für Mordslustige und Hobbydetektive

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Schließt die Augen und stellt euch vor: Agatha Christie spielt auf Downton Abbey am Murmeltiertag Cluedo und beschließt dann einen richtig abgefahrenen Krimi zu schreiben. Ersetzt nun den Namen Agatha Christie mit Stuart Turton. Dieser Mann hat „es“ geschrieben: „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ unterhält Krimifans auf makabre Art, fesselt sie und stürzt sie in tiefe Verwirrung. Der perfekte Mord und Ratschlag für jeden Hobbydetektiv! Worum geht’s? Auf dem Maskenball der Familie Hardcastle wird deren Tochter Evelyn ermordet. Unter den Gästen befindet sich jemand, der mehr über diesen Tod weiß. Tatsächlich hat Aiden Bishop zuvor eine seltsame Nachricht erreicht: „Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“ Tatsächlich wird Evelyn nicht nur einmal sterben. Gefangen in einer Endlosschleife muss Aiden Bishop das Rätsel ihres Todes lösen. Denn immer, wenn ein neuer Tag anbricht, erwacht Aiden im Körper eines anderen Gastes und muss das Durcheinander aus Feind und Freund entwirren. Ein großartiges Buch mit furiosem Überraschungsfinale! 

Der erste Satz: „Zwischen einem Schritt und dem nächsten vergesse ich alles.“

Das Buch: Stuart Turton | „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ | Tropen Verlag |August 2019

5. Für Sagenhafte und Antike-Lover

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Wer kennt sie, die Heldensagen, die Männer erheben und lobhuldigen? Frauenperspektiven? Fehlanzeige. Sie spielen die Rolle der Ablenkung, Spieleinsatz oder Beute. Das ist jetzt Vergangenheit, denn Madeline Miller hat mit „Ich bin Circe“ den Antike-Stoff entstaubt! Worum geht’s? Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Nymphe Perse, ist anders als ihre göttlichen Geschwister und muss unter Spott und Häme aufwachsen. Wegen ihres unzähmbaren Temperaments wird sie auf eine einsame Insel verbannt, studiert Pflanzenmagie, zähmt wilde Tiere, verliebt sich in einen Sterblichen und entdeckt ihre mächtigen Kräfte. Millers „Circe“ besticht als bezaubernd eigenwillige Protagonistin, die auf erfrischende Weise ihre eigene Emanzipationsgeschichte erzählt. Mythologie-Fans werden das Buch verschlingen. Die Seiten fliegen dahin und man befindet sich mittendrin in den Abenteuern um Circe, Daidalus, Hermes, Athene, Minotaurus und Odysseus. Lasst euch becircen!

Der erste Satz: „Als ich geboren wurde, gab es für das, was ich war, keinen Namen.“

Das Buch: Madeline Miller | „Ich bin Circe“ | Eisele Verlag | August 2019

6. Für Parallelweltler und Möchtegern-Magier

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Fantasyfreunde, aufgepasst: Die Welt, wie wir sie kennen, ist vor vielen Jahren in mehrere Teile zersprungen. Die Menschheit überlebt auf schwebenden Inseln, den sogenannte Archen. Ophelia und ihre Familie leben auf „Anima“, wo Gegenstände eine Seele haben. Aus politischen Gründen wird die leise, zurückhaltende und ziemlich schrullige junge Frau nach „Pol“ verheiratet, eine Eiswüste, deren Bewohner sich besonders gut auf die Kunst des Täuschens verstehen. Ophelia erkennt schnell, dass ihrem zukünftigen Ehemann am allerwenigsten zu trauen ist. Zum Glück besitzt sie die Fähigkeit, durch Spiegel zu steigen und mit ihren Händen die Vergangenheit von Gegenständen zu „lesen“. Christelle Dabos baut aus Steampunk-Elementen, klassischer Fantasy und französischer Geschichte eine vielgestaltige, fantastische Welt. In Frankreich ist die Reihe um die „die Spiegelreisende“ bereits ein absoluter Hit! Für alle, die ihren Spaß an magischen Kräften, Hofintrigen, Liebes- und Freundschaftsgeschichten und lustigen, einfallsreichen Details haben, ist Ophelias Welt der ideale Lesestoff.

Der erste Satz: „ Am Anfang waren wir eins.“

Das Buch: Christelle Dabos | Die Spiegelreisende. Die Verlobten des Winters | Insel Verlag | März 2019

7. Für Superwomen und coole Socken

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Christine, „Oreo“ genannt, ist wie der Keks außen „schwarz“ und innen „weiß“. Ihre Eltern sind afroamerikanisch und jüdisch. Mühelos tänzelt die junge Frau zwischen diesen Kulturen hin und her. Die flapsig-coole Heldin macht sich auf Vatersuche durch das Amerika der Sechziger. Doch in New York werden nicht nur Väter und Sandalen wie von Theseus gesucht, sondern auch Feuer gelegt, Manager gehenkt, Zwerge gerissen, Sex ausprobiert und Ansagen gemacht. Und das ist erst der Anfang einer wilden literarischen Odyssee aus dem Jahr, das Nixon aus dem Weißen Haus schleuderte. „Oreo“ erzählt eine urkomische Familiengeschichte. Sprachlich dürfen wir den Hut vor der Übersetzerin Pieke Biermann ziehen, denn das Wortgerüst der Geschichte ist ein Nudelsalat aus Jiddisch, amerikanischem Slang, Fachjargon und Wortneuschöpfungen. Ein schräges Buch über eine coole Protagonistin, leichtfüßig und trotzdem mit Tiefgang, außerdem voller historischer und literarischer Anspielungen. Kurzum: ein lesens- und verschenkenswerter Papier-Keks.

Der erste Satz: „Als Frieda Schwartz von ihrem Schmuel erfuhr, dass er (a) ein schwarzes Mädchen heiraten werde, hatte sie spontan ein chiaroscuro aus dem weißen Satin einer chuppa und der Hautfarbe einer schwartze vor dem inneren Auge, und das Blut rauschte und stockte ihr in sämtlichen Kanälen; als er ihr mitteilte, er werde (b) die Schule abbrechen und mithin nie und nimmer amtlich zugelassener Buchprüfer werden – rebojne-shelojlem! -, stieß sie ein geschrei sondergleichen aus und erlag einem rassistischen/mein-Sohn-ein-Gammler-Herzinfarkt.“

Das Buch: Fran Ross | „Oreo“ | dtv Verlagsgesellschaft | September 2019

8. Für Geschichts-Apachen und Hinter-die-Kulissen-Blicker

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Auf dem Powwow – einem großen indianischen Fest –  treffen sie aufeinander, um zu ihrer verlorenen Familie zurückzukehren, ihren Vätern zu begegnen, ihre Wurzeln im traditionellen Tanz zu finden und das Leben als Native zu dokumentieren. „Dort dort“ erzählt die Geschichte von zwölf Native Americans, die ganz gewöhnliche und vor allem urbane Leben in Oakland führen.  Sie alle verbindet ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihr Elend. Sie alle hadern auf unterschiedliche Weise zwischen ihrem kulturellen Erbe und ihrer städtischen Alltagsmisere. Da ist zum Beispiel Internet-Nerd Edwin, der auf der Suche nach seinem Vater ist. Oder Orwil. Der will unbedingt beim Powwow tanzen, übt zuhause vor dem Spiegel, fühlt sich allerdings „als Indianer verkleidet“. Doch nicht jeder hat Gutes im Sinn, auf dem Powwow spitzt sich eine Katastrophe zu. Tommy Orange (selbst ein Cheyenne) schreibt authentisch, klischeefrei und vielstimmig über das Leben der Natives im heutigen Amerika. 

Der erste Satz: „Bis Ende der siebziger Jahre wurde ein Indianerkopf, der Kopf eines Indianers, die 1939 von einem unbekannten Künstler angefertigte Zeichnung des Kopfes eines langhaarigen Indianers mit Federhaube, an alle amerikanischen Fernseher gesendet, wenn das Programm zu Ende war.“

Das Buch: Tommy Orange | „Dort dort“ | Hanser Berlin | August 2019

9. Für Herz-Schmerz-Glück-Sucher und Katz-und-Maus-Fans

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Radio-Moderatorin Nora Tewes bräuchte nur „Test, Test, Test“ zu sagen und der Toningenieur würde nicht wollen, dass der Test je zu Ende ginge. Und damit wäre er nicht alleine. Denn wenn sie zu hören ist, werden die Radios lauter gedreht, die Gespräche stocken: Nora hat die perfekte Radiostimme - und einen Plan. Gemeinsam mit dem Rechtsreferendar Simon möchte sie den Radiosender nutzen, um das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und einen langen davongekommenen Täter in die Enge treiben. Als es fast zu spät ist, findet sie vielleicht noch einen anderen Weg. Dabei werden die Grenzen der Legalität ziemlich strapaziert. Doch das ist nur eine Sache. Eine andere die Frage, was Nora und Simon füreinander sein können außer „companions against crime“. Ein schmerzlich-intensiv-schöner Roman mit liebenswürdiger Hauptbotschaft. Das Buch erzählt aber auch temporeich von einem finsteren Verbrechen und alten Wunden.

Der erste Satz: „Als sie das erste Mal auf Sendung ging, ließen die Vorarbeiter im Hafenbüro ihre Einsatzpläne sinken.“

Das Buch: Karin Kalisa | „Radio Activity“ | C.H. Beck | Juli 2019

10. Für Künstlerseelen und Musikkavaliere

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Es war ein aufregender Fund, den Autorin Lea Singer da machte: Sie entdeckte Briefe des einzigartigen Pianisten Vladimir Horowitz an einen jungen Schweizer. Der 12 Jahre jüngere Nico Kaufmann aus einem Zürcher Arzthaushalt wurde der allererste Klavierschüler des 34jährigen Weltstars – und sein Geliebter. Nur zwei Jahre, von 1937 bis 1939, währte dieses Liebesdrama voll Eifersucht, Krisen und erhitzter Begierde. Singer ist es gelungen, aus dem Stoff eine ungeheuer dichte, spannende und bewegende Lovestory zu spinnen. Sie erzählt das Ganze in der Rückblende. Erzähler im Jahr 1986 ist der nun siebzig Jahre alte Nico Kaufmann, der alles aus Gründen, die erst ganz allmählich offenbart werden, einem Unbekannten anvertraut. Mit ihm reist er zu den Hotels und Schauplätzen in der Schweiz, wo er sich damals mit dem verheirateten Weltstar traf. „Der Klavierschüler“ ist ein Buch, das mit Hingabe von Liebe, Leidenschaft und verheimlichter Homosexualität, von Berühmten und weniger Berühmten erzählt – und natürlich von der Musik. Ein Lese-Leckerbissen mit Taktgefühl, das unsere menschlichen Saiten und Seiten höher schwingen lässt.

Der erste Satz: „Wir sollten aufhören, über ihn zu reden, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz, als er die Autotür öffnete.“

Das Buch: Lea Singer | „Der Klavierschüler | Kampa Verlag | Februar 2019

11. Für alle und everyone for future

© Alexandra Brucker / Martina Pezzino

Der Klimawandel kompakt, knackig und grafisch erklärt – auf 130 Seiten. Mit diesem Ziel haben die beiden Wirtschaftsstudenten David Nelles und Christian Serrer ihr Buch „Kleine Gase – große Wirkung“ verfasst. 115 Wissenschaftler haben die Autoren beraten. Ihr sucht ein Einsteigerbuch, um Freund*innen und Familie zu sensibilisieren? Mit gerade einmal fünf Euro ist Nelles und Serrers kleines Werk ein super Geschenk für praktisch jeden – Omi, Opi, Vater, Mutter, Kind, Tante Ursel und Onkel Friederich for future.

Erster Satz: „Das Klima ist die statistische Beschreibung des Wetters über einen langen Zeitraum – nach der Weltorganisation für Meteorologie umfasst dieser Zeitraum mindestens 30 Jahre.“

Das Buch: David Nelles, Christian Serrer | „Kleine Gase - große Wirkung“ | KlimaWandel Verlag | Dezember 2019

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