Heimaturlaub: Helgoland

© Roland Rödermund

An den Landungsbrücken rauf! Der Halunder Jet, ein 56 Meter langes Riesenviech von Katamaran für 680 Passagiere, steht an diesem ersten Freitagmorgen im November bereit für den knapp dreieinhalbstündigen Törn nach Helgoland. Die Wolken und der Frühnebel lichten sich und so hat man gleich beste Sicht auf den Hafen und die Elbphilharmonie. Aber der wollen wir jetzt erstmal den Rücken kehren, und als der Katamaran nach und nach an der Strandperle am Alten Schweden und am Elbecamp vorbeigleitet, lässt man noch einmal den langen Hamburger Sommer Revue passieren. Nicht, dass man es sich jemals merkt, aber: Steuerbord heißt rechte, Backbord linke Schiffsseite.

Vom Wind zerzauste Haare sind immer noch das beste Styling – auf dem Wochenend-Trip hin zur Insel ist auf jeden Fall die Anreise schon ein Erlebnis. Die Fähre fährt von Cuxhaven ganzjährig nach Helgoland, für den Katamaran ist zwischen Anfang November und April Winterpause. Bisher war es eine ziemlich smoothe Fahrt. Als wir in Cuxhaven Zwischenstopp machen und noch Gäste zusteigen, werden dann bei schönstem Wetter die Frontfenster unter Deck mit dunklen, gelöcherten Platten abgedeckt, die aussehen wie schwarze Scheiben Schweizer Käse. Arglos fragt man ein Besatzungsmitglied, warum man denn jetzt nicht mehr rausgucken kann. „Ist das Sonnenschutz?“ Er lacht natürlich laut, immer diese Landratten. „Nee, das is, damit die Scheiben nicht brechen. Die Wellen werden wohl ein bisschen größer als heute morgen angesagt war.“ Na, mal abwarten.

Festhalten, es wird ruckelig

„Stimmt, ab Cuxi wird die See rough, hab ich ganz vergessen, dir zu sagen“, whatsappt eine Freundin. Und dann ist plötzlich der Himmel tiefgrau, der Katamaran fängt an zu wanken und eine wilde Schaukelfahrt beginnt. „Bitte gut festhalten. Und nach Möglichkeit nicht mehr den Platz verlassen. Passen Sie auf kleine Kinder auf!“ Da sprach Ihr Kapitän. Die Besatzung hat noch ein ziemlich entspanntes Gesicht und reicht Kotztüten nach, denn allmählich röchelt und hustet es laut durchs ganze wackelnde Schiff. Wieso kann man sich eigentlich nicht anschnallen? Es knallt und spritzt und dann dämmert es uns: Der Jet HÜPFT all the way to Helgoland. 40 Minuten können verdammt lang werden, auch wenn man glücklicherweise zur Minderheit der Nicht-Kotzer zählt.

© Roland Rödermund
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„Keine Sorge, das ist noch goar nix!“, sagt ein älterer Herr lächelnd. Er wohnt auf der Insel und bleibt bei unserer wilden Fahrt entspannt wie bei einer Kutschfahrt. Bei der Ankunft ist man sofort wieder fröhlich, denn man sieht die kleinen Hummerbuden an der Hafenpromenade  – bunt gestrichene Holzhütten, früher die Schuppen der Fischer, heute kleine Galerien, Kneipen, Restaurants (am zweiten und dritten Adventswochenende gibt es hier immer das „Hummerbudenvergnügen“ - da muss man eigentlich schon wegen des Namens hin!). Dann ist genug Zeit für ein kurzes Nickerchen, denn die Hauptinsel ist mit gerade mal etwas über einem Quadratkilometern recht klein. Deshalb gibt man sich hier auch nie die Hand, wie Levke Paulsen vom Helgoländer Tourismus Service erklärt: „Man trifft sich eh mindestens zwei-, drei Mal wieder. Da lohnt das nicht!“

Das Gästehaus „Rüm Hart“ ist solide, das angegliederte Restaurant „Weddig's Fischerstube“, wo auch gefrühstückt wird, spektakulär (http://www.fischerstube-helgoland.de). Doch dazu später mehr. Erstmal geht es vom Unter- zum Oberland, man hat die Wahl zwischen einem lustigen Aufzug mit Dudelmusik (60 Cent) oder einer Treppe mit etwa 200 Stufen. Von oben hat man einen super Blick und versteht, dass nicht nur zollfreies Einkaufen Helgoland zu eigenartig machen: Statt reetgedeckten Häuschen sieht man ausschließlich 50er Jahre Bauten, Haus an Haus mit BRD- statt Inselcharme.

Die Lange Anna

Bei der kurzen Wanderung hin zur Langen Anna, man könnte auch sagen „The Rock“, weil sie so berühmt ist, vorbei an historischen Schildern und dem riesigen Bombenkrater versteht man das ganze Ausmaß der Geschichte und wieso hier alles so neu ist: Beim „Big Bang“ am 18. April 1947 wurde die Insel von den Engländern in der größten nichtatomaren Sprengung aller Zeiten fast komplett zerstört, man hatte es auf das riesige Bunkersystem abgesehen. Über wie viele Blindgänger man wohl gerade läuft? Der eigentlich gemütliche und sehr idyllische Spaziergang wird zu einer eindrücklichen wie bedrückenden Geschichtsstunde. Dennoch: Es ist ziemlich schön hier oben, wenn der Wind so stark bläst, dass man sich fast waagerecht zurücklehnen kann. Vor allem die Steinnadel der Langen Anna, die eigentlich „Hengst“ hieß (warum bloß…?), steht da sehr pittoresk im Meer. Ihren Namen soll sie übrigens von einer hochgewachsenen jungen Dame gleichen Namens haben, die hier in den 1920er Jahren ein Ausflugslokal bewirtschaftete. Gegen den „blanken Hans“, wie man die tobenden Nordseewellen nennt, ist der Fels mit einem Schutzwall geschützt.

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Mehr als nur Sanddorntee trinken

Am nächsten Morgen vervollständigt eine zweistündige Bunkerführung das Bild der wohl deutschesten aller Inseln, die durch ihre strategische Lage in beiden Weltkriegen eine Schlüsselrolle einnahm – was die Bewohner auf schlimmste Weise ausbaden mussten (zwei mal wurde Helgoland vollständig evakuiert). Schon nach nicht mal 24 Stunden hat man mehr erlebt, als beim Sanddorntee trinken und am Strand spazieren, was man sonst so auf Nordseeinseln so tut. Und was nun? Wie kriegt man die beklemmende Führung wieder aus den Knochen? Am besten, wenn man den Robben auf der Düne Hallo sagt („Moin“ sagen Helgoländer übrigens nicht). Die Insel besteht seit Silvester 1721 aus zwei Teilen – die Düne wurde fortgerissen und heute können die Seehunde und Kegelrobben relativ ungestört abhängen und ihre Babys großziehen. Und jetzt, im November sind auch schon ein paar Jungtiere da. Aber bitte nicht mehr als 30 Meter nähern! Ihr wollt ja auch keine Eindringlinge in Eurer Kinderstube haben, oder? Eine kleine Fähre pendelt halbstündlich zwischen Insel und Düne.

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Zurück auf „Haupt-Helgoland“ gibt es zur Stärkung ein Glas Rosé und dazu Hummer-Lasagne im „Rickmers Seafood“ in einer der kleinen Hummerbuden. Es ist so ziemlich der einzige richtige Luxus-Schuppen, der uns auffällt, die meisten Kneipen und Restaurants sind (durchaus als Kompliment gemeint!) ehrliche und etwas runtergerockte Läden. Die Lasagne ist zum Niederknien, einzig die traurigen Portraits der Seebären aus vergangenen Zeiten an der Wand verschaffen dem Szenario einen leicht melancholischen Filter (https://www.klippen-kulinarik.de). Draußen strahlt die Herbstsonne (durch den Golfstrom ist es hier selten kälter als fünf und heißer als 28 Grad).

Zwischen Parfümflakons und Gin Tonics

Nach einer weiteren Runde über die Insel (man trifft sich übrigens sogar drei- oder viermal hier!) kehren wir bei Antony's Bar- äh Parfümerie ein. Hinter den Regalen mit Flakons (hier gibt es überall übrigens sehr versierte, up-to-date-Parfümverkäufer, das muss man sagen!) steht eine Bar und wir werden von Inhaberin Marielle auf einen Gin Tonic eingeladen, nachdem wir uns großflächig eingedieselt haben. Man könnte locker mit ihr versacken, aber angetütert Parfüm kaufen ist wohl keine gute Idee. Also ab zum Abendessen, endlich!

© Roland Rödermund

„Weddig's Fischerstube“, wo es auch das Frühstück gibt, ist eine heimelige, knarzende Kombüse mit alten englischen Kirchenbänken, Seefahrerköpfen (aus Holz!) an der Wand und Schiffsmodellen. Wer auch immer diesen Kartoffelsalat gemacht hat, man möchte ihn oder sie sofort heiraten oder adoptieren! Die Fischplatte und überhaupt alles ist genauso, wie man es sich immer wünscht, wenn man am Meer Urlaub macht, aber nie findet: Entweder landet man in einer Touri- oder Fettfalle. Doch die Fischerstube von Angelo Bras und seiner Familie ist ein solches Gesamtmeisterwerk, es könnte auch der Dreh- und Angelpunkt eines Helgolandkrimis sein. Man möchte gar nicht mehr aufstehen (kann man nach Hauptgang und einer Schüssel roter Grütze auch fast gar nicht mehr). Wäre da nicht nebenan (okay, hier ist irgendwie alles nebenan) Karaoke Night im „Sailor“ (kleiner Tipp: „Dancing With Myself“ von Billy Idol ist keine so gute Idee).

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Die perfekte Mischung zwischen Aktivität und Wellness

Der dichte Nebel am nächsten Morgen passt ganz gut zum Befinden, aber das Katerfrühstücks-Buffet bei Angelo stärkt für eine erneute Wanderung durchs Oberland, das jetzt schön morbide unterm Nebelschleier liegt. Es bleibt sogar Zeit für ein bisschen Shopping und einen zweiten Abstecher auf die Düne, denn praktischerweise muss man Helgoland erst am späten Nachmittag wieder verlassen. Man lässt noch einmal diese drollige, urdeutsche und irgendwie einzigartige Insel mit all ihrer Historie, den Zigaretteneinkäufern, den Kegelrobben, den Fischern und Hummerbuden auf sich wirken – und stellt fest, dass man viel mehr unternommen hat, als man sich das vorgestellt hätte. Sich aber trotzdem wie nach drei Tagen Wellness fühlt. Als es schon dunkel ist, geht es wieder auf den Halunder Jet. Unter lautem Tuten sagen wir Tschüs – und nach einer sanften Rückfahrt gibt es noch ein letztes Glanzlicht – den Hamburger Hafen by night.

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Info: Von April bis Anfang November fährt der Halunder Jet von den Landungsbrücken über Cuxhafen nach Helgoland (ab 89,90 Euro inkl. Rückfahrt); ganzjährig verkehrt die Fähre MS täglich ab Cuxhaven (52,00 Euro inkl. Rückfahrt)

Für diesen Heimaturlaub wurde wir freundlichst eingeladen von: Helgoland Tourismus Service.

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