Das Kaufhaus auf dem jüdischen Friedhof

© Andreas Baur

Tausende Menschen gehen tagtäglich ein und aus – suchen sich im Sale für wenig Geld die Styles der letzten Saison, besorgen sich noch schnell was zum Abendessen oder gehen einfach nur kurz rein, einfach um zu bummeln. Was die wenigsten wissen: sie shoppen nur wenige Meter über den Gräbern von Hunderten jüdischen Hamburgern. Welche Geschichte steckt hinter dem Kaufhaus, welches nur eine Betondecke von einem Friedhof trennt? Und reichen ein paar Glastafeln, um dem Andenken der verstorbenen jüdischen Mitbürgern gerecht zu werden?

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Das Dorf Ottensen

Bis ins 17. Jahrhundert geht die Geschichte des jüdischen Friedhofs zu Ottensen zurück. Die Hamburger Aschkenasim erwarb ein Gelände von der dänischen Krone, direkt am noch heute bestehenden Hahnenkamp im Dorf Ottensen. Zu diesem Zeitpunkt war Hamburg als Stadt wie wir sie heute kennen nicht präsent, sondern vielmehr nur eine von wenigen kleinen Städten. Auch Altona war zu diesem Zeitpunkt eigenständig und lag über die Jahre im Konflikt mit Hamburg.

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Ende des 19. Jahrhunderts nahm der jüdische Friedhof dem mittlerweile weiter gewachsenen Dorf Ottensen den Raum für infrastrukturelle Pläne. Die Stadt Altona – Ottensen war mittlerweile der Stadt Altona eingemeindet worden – beschloss einen stellenweisen Überbau des Friedhofs. Eine Grabstätte opfern, um infrastrukturelle Lösungen sauberer zu bewältigen? Klingt zunächst problematisch.

„Tritt nicht näher – denn die Stelle auf der du stehst ist heiliger Boden“
Exodus 3, 5

Die Lösung fand sich darin, dass zwar nicht zwangsläufig die Grabsteine, aber die Gebeine als letzte Ruhestätte bestehen bleiben müssten. Der Boden des Friedhofes hatte unberührt zu bleiben, was eine Betondecke mit einem Abstand von zwanzig Zentimetern zur Grabstätte garantieren sollte. Eine Lösung, die beide Seiten zufrieden stellen sollte.

Opfer des Nationalsozialismus

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges fiel das Gelände zwangsläufig an die Nationalsozialisten im Zuge einer Enteignung der jüdischen Gemeinde Hamburgs. Die ursprüngliche Einigung einer Beton-Überwölbung wurde übergangen – und ein Luftschutzbunker wurde nach Aushebung der meisten Gräber auf die Fläche des ehemaligen Ottenser jüdischen Friedhofs gepflanzt.

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Nach dem Krieg ging das Gelände wieder zur jüdischen Gemeinde über – doch trotz großer Proteste wurde die Betondecke schließlich als Untergrund genutzt, um ein Kaufhaus zu bauen. Genau hier steht heute das Mercado.

Die Würdigung des jüdischen Lebens

Doch ist diese Geschichte, die einen bedeutsamen Teil der Historie dieser Stadt ausmacht, wirklich bekannt? Nachfragen in meinem Umfeld ergaben: kaum jemand weiß davon, jedem ist jedoch das Mercado in Ottensen ein Begriff.

Die Glastafeln auf dem Weg in den Keller beinhalten eine Kurzabhandlung der jahrhundertelang andauernden Ereignisse an der Ottenser Hauptstraße. Geht man die Treppen in Richtung Keller, fällt der Blick eher auf das große Sale-Schild das gegenüberliegenden Bekleidungsgeschäfts. Aus dem Augenwinkel könnte man die Tafeln als Werbefläche oder Richtungsweiser deuten. Beim Aufgang der Treppe erst wird es eindeutig – ein deutlich zu erkennender Davidstern prangt an den Glastafeln. Problematisch ist nur: kaum jemand nutzt die Treppe nach oben, denn wenige Meter weiter befindet sich eine Rolltreppe zum EG.

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Dass die Glastafeln direkt auf Erdreichhöhe hängen, ist natürlich kein Zufall. Symbolisch soll dies für die Unantastbarkeit des Erdreichs stehen. Dass die Eigentümer des Mercados zumindest Gedenktafeln angebracht haben – das halte ich für eine Selbstverständlichkeit. Doch verdient der Umgang nicht ein wenig mehr Fingerspitzengefühl? Eine deutlichere Symbolisierung von dem, was unter dem Shoppingtempel verborgen liegt, würde ganz sicherlich nicht schaden und das jüdische Leben in Deutschland mehr in den Mittelpunkt rücken.

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