Ohlsdorfer Friedhof: Die ultimative Anleitung zum Central Park der Herzen

© Alexandra Brucker

Der Tod und ich, wir sind Freunde. Heute habe ich ein Date mit ihm. Geduldig wartet er am Eingang des Friedhofs. „Nenn mich Herr T., schlägt der Tod vor. Ich sage: „Mit Vergnügen.“ Herr T. schiebt die Hornbrille zurecht und strahlt : „Komm mit. Du wolltest dir den Friedhof Ohlsdorf anschauen? Ich zeig‘ ihn dir.“

Fabelwesen auflauern am Südteich

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Wir trotten los, Herr T. und ich. Herr T. steht auf einer eisernen Brücke und winkt mir ermunternd zu. Wir spazieren am Südteich vorbei. Rein in den Zauberwald. Gewaltige Baumriesen beugen sich zu uns runter. Das Laub unter den Füßen krächzt. Als hätte er meine Gedanken erraten, räuspert sich Herr T.: „Weißt du, seit einigen Jahren bietet unser Geschichtenerzähler im Friedhof Märchenspaziergänge an. Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind und das ganze Pi Pa Po - unsere Oldies, die ganzen Eichen, die vielen Steinfiguren sind nämlich wirklich geschwätzig.

Für die frivoleren Seelen organisieren wir auch erotische Spaziergänge. Schau nicht so verdutzt. Die ganzen Nackidei-Statuen und sexy Engel haben es faustdick hinter den Marmorohren. Bei dem Rundgang geht es um erotische Tode und tödliche Erotik. Das ist längst nicht alles: Wanderspaziergänge, Segway-Touren, Droschkenfahrten. Unser Veranstaltungskalender ist jeden Monat berstend voll.“

An uralten Rosen schnuppern

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Perplex folge ich Herrn T., der munter weiterplappert: „Das Rosarium riechst du, bevor du es siehst. Es enthält alte Landrosen, wie sie schon zur Zeit der Griechen, Römer und in den Klöstern des Mittelalters gepflegt wurden. Eine der ältesten unserer 50 Arten ist die „Rose des Quatres Saisons“. Sie blühte bereits im antiken Pompeji. Im Rosengarten wurde auch ein Denkmal für Cordes errichtet.“

Mein Blick fällt weg von einer XXL-Blüte, hin zu der Portraitbüste am südlichen Ende des Gartens: „Cordes?“ Herr T. bleibt abrupt stehen. Im Zeitlupentempo dreht er sich zu mir um. „Sag mir nicht, dass du Cordes nicht kennst?“ Ich drehe betreten an meinem Fotoobjektiv. „Wilhelm Cordes! Der Gründer dieses Friedhofs! Der Visionär! Der nicht „Todesstätte“ dachte, sondern „Landschaftspark“. Diesem Architekten verdankst du die Oase, die du heute betreten hast.“ Herr T.‘s Blick durchbohrt mich wie der Akkuschrauber das Billy-Regal. „Tut mir leid, es ist mein erstes Mal in Ohlsdorf“, nuschle ich.

Größer als der Central Park. Und du warst noch nie da?

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Herr T.‘s Ohren laufen rot an. „Das erste Mal in Ohlsdorf? Das darf doch nicht wahr sein. Seit wann kennen wir uns denn schon? Dieser Friedhof ist eine Attraktion! Wir sind größer als der Central Park! Wir sind zweimal Monaco! Wir sind neunmal der Vatikan! Wir sind fast 400 Hektar, zwei Buslinien, 2800 Bänke, unzählige Gärtner. Und-du-warst-noch-nie-da?“ Fast überschlägt sich seine Stimme. „WIR SIND AUF TRIPADVISOR!“ Eine Ader an Herrn T.‘s Stirn hat angefangen, gefährlich rhythmisch zu seinem Geschrei Cha-Cha-Cha zu tanzen.

Ich muss den Tod, diesen alten Lokalpatrioten, beruhigen. „Oh schau, die hübsche Kapelle!“ Herr T., der zur nächsten Tirade angesetzt hat, stockt, dreht den Kopf und folgt meinem zitternden Zeigefinger. Seine Erregung ist blitzschnell wie eine Milchschaumkrone in sich zusammengeschrumpft. „Die Kapellen! Jaaa… du musst wissen...!“ Ich seufze unmerklich auf. Der Tod ist nicht gestorben, meine Tour kann weitergehen.

Tai-Chi zwischen den Grabsteinen üben

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Herr T. plappert bereits begeistert weiter. „…Café oder Ort der Stille. Eine Kita in die nicht mehr benutzte Kapelle. Kunstausstellungen. Meditative Wiesen für Tai-Chi und besinnliches Herumliegen. So oder so ähnlich wird es mal kommen auf Europas größtem Friedhof. Wir nennen das Projekt „Ohlsdorf 2050“, bei dem Fachleute, Bürger und Bürgerinnen über die Zukunft dieses Friedhofs nachdenken.“ - „Leben im Friedhof“, wundere ich mich. - „Ja! Wieso auch nicht? Die Menschen haben hierzulande zu mir und ihren Friedhöfen so eine verkrampfte Einstellung.“

New Orleans Stimmung wittern beim Tag des Offenen Denkmals

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Während wir am historischen Wasserturm vorbeischlendern, spinnt Herr T. seine Gedanken weiter: „Was unser Verhalten auf dem Friedhof angeht: Trauer, Tränen, Ruhe gehören selbstverständlich zu diesem Ort. Aber um unseren Verstorbenen zu gedenken, tut uns ein bisschen mehr Stimmung oft ganz gut. Denk‘ nur einmal an die Jazzbeerdigungen im Mississippi Style.“ – „Ob das im kühlen Norden funktionieren könnte?“, frage ich Herrn T. skeptisch. „Zumindest testen wir es bereits!“, erwidert der. „Beim Tag des Friedhofs am 17. September wird die New Orleans Marching Band anlässlich des 140-jährigen Jubiläums durch den Friedhof marschieren.“

Am Día de los Muertos mit den Toten Party machen

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Stimmt, in anderen Ländern ist der Tod wirklich präsenter, fröhlicher, bunter. Lebendiger? „Am 29. Oktober feiern wir im Forum Ohlsdorf mit der Sängerin Maria Yebra eine Vernissage zum mexikanischen Tag der Toten. Straßenparade mit Sensenmann, Partys auf dem Friedhof: Der Día de los Muertos gleicht einem fröhlichen Volksfest. In der Nacht, treffen sich die Familien auf Friedhöfen, um ihren Verstorbenen Geschenke zu bringen, gemeinsam mit ihnen zu essen und Musik zu hören.“ Herr T.‘s Augen funkeln. Ich kann ihn verstehen. Was sich makaber anhört, ist doch nichts anderes als eine Verneigung vor dem Leben. Eine Auseinandersetzung mit dem Tod, die auf der Straße stattfindet. Dort, wo Herr T. eben meistens unterwegs ist, im Alltag.

Frauenpower erleben im Garten der Frauen

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Inzwischen sind wir hinter dem Wasserturm längst in einen der vielen gewundenen Wege eingebogen, die Ohlsdorf ausmachen. Herr T. bleibt vor einem Rosenbogen stehen und wedelt nonchalant mit seiner Hand: „ Et voilà. Hier siehst du eine unserer neueren Errungenschaften: Der Garten der Frauen wurde 2001 gegründet, um an die Frauen zu erinnern, die Hamburgs Geschichte mitgeprägt haben. Denn im Gegensatz zu unseren männlichen gerieten viele weibliche Persönlichkeiten schnell in Vergessenheit.“

Mein Blick fällt auf ein viktorianisches Gartenhäuschen, auf der anderen Seite kreiselt sich eine Erinnerungsspirale aus Steinen. Die Gräber sind in diesem Garten so vielfältig wie die Frauen, die sie ehren. Ich nähere mich einer Inschrift, auf dem eine Zitrone und ein toter Spatz thronen. Hier wird echten Hamburger Originalen gedacht, der Zitronen- und der Vogeljette.

Helmut Schmidt, Sexy Cora und andere Promis suchen

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Herr T. klopft mir sanft auf die Schulter. „Das sind nicht die einzigen Promis hier auf dem Friedhof. Im ganzen Park sind Persönlichkeiten begraben.“ Er bringt mich ans Grab von Loki und Helmut Schmidt. In Ohlsdorf findet man auch die Gräber von Humorist Heinz Erhardt, Tierpark-Gründer Carl Hagenbeck, Schauspielerin Inge Meysel, Pornostar „Sexy Cora“ und so vielen mehr. An der schlichten Steinplatte des Ehepaars Schmidt hält Herr T. inne: „Weißt du, die meisten Menschen unterschätzen Friedhöfe. Dabei verraten sie so viel über die Bewohner ihrer Stadt. Ohlsdorf, das ist die Visitenkarte Hamburgs.“ – „ So die Stadt, so ihre Gräber?“ frage ich zaghaft. Herr T. lacht herzhaft: „Ja. Ich bin verwundert, dass ich hier nicht öfters Besuch von Lebenden erhalte. Wieso fragt sich eigentlich niemand: Wie stirbt es sich in Hamburg?“

Hier ist einfach der ideale Ort, um Heimlichkeiten zu vergraben
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Wir biegen in den „Stillen Weg“ ein. Dieser Fußweg zieht sich wie eine niemals endende Spaghetti durch den Park, vom Wasserturm an der Cordesallee bis zur sogenannten Dichterecke. Nachdem ein Radfahrer an uns vorbeigedüst und sich ein aufgebrachter Spatz beruhigt hat, macht der „Stille Weg“ seinem Namen alle Ehre. Herr T. lächelt „Hier sind nicht nur Menschen unterwegs, sondern Igel, Fledermäuse, Uhus, Wasserschildkröten und Rehe. Allein für dieses innerstädtische Refugium lohnt sich der Besuch.“ Wie um diese Worte zu untermalen, schwimmen uns beim Nordteich fünf Enten entgegen.

Wir haben uns auf eine Bank gesetzt. Herr T. schaut auf die Enten, die vorlaut an uns vorbeiziehen. „Manchmal bin ich etwas übersättigt von den Geheimnissen, die mir Besucher erzählen. Aber hier ist einfach der ideale Ort, um Heimlichkeiten zu vergraben. Ohlsdorf bedeutet auch: spazieren, meditieren und den Kopf frei kriegen.“ Nachdem wir ein paar Minuten ruhig aufs Wasser gestarrt haben, schüttelt sich Herr T. und rückt die Hornbrille zurecht. „Schade, dass ich schon weiter muss, aber ich habe gleich einen Termin. Hier trennen sich unsere Wege. Ich hoffe, es hat dir gefallen.“ – „Klar! Mach’s gut und danke für die Führung.“

Wie ihr hinkommt:

Von den S1 und U1-Haltestellen „Ohlsdorf“ seid ihr keine 5 Minuten zu Fuß vom Haupteingang des Friedhofs entfernt. Innerhalb des Parks fahren die Buslinien 170 und 270. Für Autos hat der Friedhof vier Ein- bzw. Ausfahrten: die Fuhlsbüttler Straße, die Bramfelder Chaussee, den Seehof und den Kornweg. An allen Kapellen befinden sich Parkplätze. Der Friedhof verfügt über 17 km Straßennetz.

Wichtiger Hinweis:

Das gesamte Gelände misst von Ost nach West 3,8 Kilometer, von Nord nach Süd 2,2 Kilometer. Beachtet, dass die Fußwege sehr lang sein können und besorgt euch zur Orientierung unbedingt einen kostenlosen Friedhofsplan im Beratungszentrum Fuhlsbüttler Str. 756 oder im Infohaus am Fußgängereingang beim U/S-Bahnhof Ohlsdorf.

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