Singlelicous: Vom Loslassenen und der Spannung vor dem Sex

© Franzi simon

Zu Schulzeiten dachte ich: Wenn du in deinen Zwanzigern steckst, dann bist du erwachsen. Eigene Wohnung, geregelter Alltag und ein Freund, als potenziellen Ehemann. Pustekuchen. Aber auch halb so wild. Lieber stolpere ich mit meiner Freundin in der rechten Hand und einem Glas Prosecco in der linken durchs Singledasein. Wer meine Wege kreuzt und welche Geschichten mein Leben schreibt erzähle ich euch in meiner Kolumne „Singlelicious“.

Folge 12: Sex oder kein Sex? – Das ist hier die Frage

Ich möchte euch dieses Mal die Geschichte einer meiner Freundinnen erzählen. Das meine ich ernst, es geht ausnahmsweise mal nicht um mich – war für mich mindestens genauso schwer zu akzeptieren ist, wie für euch. Und trotzdem: Die Geschichte, die ich gleich erzählen werde, haben wohl bereits die meisten von uns schon erlebt – einschließlich mir.

Meine Freundin lernte ihn, besagten Mister X, über ihre engsten Freunde kennen. Er, ein fester Bestandteil des inneren Zirkels ihrer Clique. Natürlich kommt einem nun die Frage in den Kopf: Die zwei haben den gleichen engeren Freundeskreis, aber kennen sich nicht? Wie geht das? Er, gebürtiger Hamburger, zog für sein Studium weg. Aber nicht etwa in eine andere Stadt, sondern direkt in ein anderes Land. Als ich sie kennenlernte, war Runde eins des Dramas zwischen den beiden bereits entschieden.

Ich schätze sie sonst für ihre Abgeklärtheit, sie lässt in Sachen Männer nichts anbrenne – doch dieses Mal war es anders. Es waren ernsthafte Gefühle im Spiel. Als sie mir das erste Mal von ihm erzählte, wartete ich natürlich gespannt auf den Teil, in dem sowas wie: "Und dann rissen wir uns die Klamotten vom Leib und hatten wilden Sex", aus ihr heraussprudeln würde. Doch das passierte nicht. Die beiden hatten noch nie miteinander geschlafen.

Es lief alles – außer Sex

"Vielleicht sollten wir einfach mal miteinander schlafen. Dann wäre diese unerträgliche Spannung bestimmt endlich verschwunden", klagte sie mir. Ich konnte das alles irgendwie nicht richtig begreifen. Nochmal von vorne: "Ihr gesteht euch eure Liebe, schüttet euch eure Herzen gegenseitig aus, könnt nicht miteinander aber auch nicht ohne einander, teilt euch ab und an ein Bett, knutscht miteinander und das wars!?" – "Ja, so in etwa". Ich begriff den Ernst der Lage und konnte verstehen, was sie fühlte, da ich diese Situation nur zu gut kannte.

Nicht jeder Bann lässt sich brechen

Jedes Mal, wenn er in Hamburg aufschlug, war sie vom Erdboden verschluckt und mit einmal drehte sich alles um ihn. Nicht, dass sie sich zum romantischen Spaziergang verabredeten, es ging eher um heiße Flirts im Beisein der Rest der Clique und heimliches Geknutsche in Nächten, die man am nächsten Morgen bloß bereut. Dass er während der ganzen Nummer in seinem weit entfernten Zuhause eine wartende Freundin sitzen hatte, störte ihn herzlich wenig. Sie probierte mehrmals den Sex zu provozieren, um den Bann zu brechen. Aber: Keine Reaktion. Doch ganz gehen lassen wollte er sie auch nicht. Er musste sich entscheiden, da waren wir uns einig.

Gefangen im Hamsterrad

Bevor ich die Moralkeule schwinge, wollte ich schonmal vorweg nehmen: Es hat sich bis heute nichts zwischen den beiden geändert. Er besucht regelmäßig seine Jungs in Hamburg, landet an ihrem Bartresen, säuselt ihr ein, zwei nette Sätze ins Ohr und gibt ihr zum Abschied einen flüchtigen Kuss – und sie springt voll drauf an. Und leidet darunter. Doch kann sie sich selbst nicht aus dem Kreislauf befreien. Wenn er dem Spiel kein Ende setzt, wird es wahrscheinlich bis ans Ende ihrer Tage so weiter laufen.

Einmal einen dicken Cocktail Liebeskummer zum Mitnehmen. Danke!

Ich wäre wohl nicht eure Singlelicous-Fee, hätte ich nicht schon mal in einer ähnlichen Situation gesteckt. Bei "How I Met your Mother" (was ihr hoffentlich alle geguckt habt) heißt das Prinzip "Füger und Strecker". Eine Person streckt sich immer nach der anderen, in unserem Fall meine Freundin und eine Person fügt, also der Sexscheue. Je stärker beide in die klassischen Rollenmuster des Fügers und der Streckerin verfallen, desto mehr Spannung baut sich vor dem Sex auf. Hinzukommt der bunte Salat aus Emotionen, die sich eigentlich erst nach der Nacht der Nächte zu Wort melden sollte. Ein gefährlicher Cocktail aus: Ich hänge an deinem Harken, habe Gefühle für dich, die du erwiderst – aber ich kann dich nicht haben.

Vom Fügen und Strecken

Der Füger ist in dieser Situation eigentlich schwächer als der Strecker. Während der Strecker nämlich zu seinen ehrlichen Gefühlen steht, diese kommuniziert und sich langfristig emotional öffnen möchte, ist es für den Füger bloß ein Spiel. Zwar kein Spiel ohne Emotionen, aber er hat alleine die Macht und kann diese missbrauchen.

Es geht also gar nicht mal mehr so sehr um den Sex oder die prickelnde Spannung, sondern viel mehr ums Spielchen spielen. Und der einzige, der diese Spielchen beenden kann, ist der Füger. Es kostet viel Kraft jemanden gehen zu lassen, den man liebt und egal welcher Eisblock euer Herz umgibt, spätestens danach wird dieser geschmolzen sein und euer Herz einen richtig dicken Riss haben. Doch was man liebt, das lässt man gehen.

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