Kleine, geile Firma: Korrekte Konfekte von kulturchoc

© Felix Valentin / Jupiter Union

„Jetzt machen wir mal was für Ladies“, hat sich Mona Taghavi Fallahpour vor etwa einem Jahr gedacht. Mit kulturchoc hilft sie seitdem geflüchteten Frauen und Migrantinnen beim kulturellen Austausch und beim Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Wie genau? Mit der Produktion von korrekten Konfekten! Wir haben Mona getroffen, um mit ihr über Schokolade als Türöffner, rührende Momente und ihr persönliches Erfolgsrezept zu sprechen.

Du bist vor Kurzem mit deinen „Ladies“ nach Berlin gefahren, um die Bundeskanzlerin zu besuchen. Auf Instagram sah man euch schon ein paar Tage vor der Verleihung strahlend im (leider jetzt abgebrannten) Burger Lab sitzen... 

Das stimmt! Wir gehören zu den zehn Organisationen, die deutschlandweit für den Integrationspreis der Bundeskanzlerin nominiert waren. Wir haben zwar nicht den Preis erhalten, aber es war für uns eine große Ehre, nominiert worden zu sein. Und natürlich ist es auch ein klares Signal, dass endlich erkannt wird, was für eine wichtige Rolle Mütter im Integrationsprozess ganzer Familien spielen. 

Bei der Preisverleihung des Integrationspreises saß neben Sami Khedira auch Integrationsforscherin Prof. Naika Foroutan in der Jury, die kulturchoc dafür lobte, wie ein Startup zu funktionieren und gleichzeitig eine oft unbeachtete Zielgruppe in den Fokus zu rücken.

Ihr produziert in eurer Küche korrekte Konfekte, die ihr dann auf Märkten verkauft. Was für Sorten habt ihr im Angebot?

Im Moment haben wir vier Rezeptvariationen, die alle auf Dattelbasis sind. Die Zutaten, die wir dafür benutzen, bekommen wir von Frauenkooperativen oder Kleinbauern, die in den Heimatländern der Frauen sitzen. Safran bekommen wir zum Beispiel von einer Frauenkooperative aus Afghanistan und Arganöl aus Marokko. Mit diesen Zutaten kreieren wir dann individuelle Geschmacksrichtungen. Unsere Konfekte haben natürlich nicht den Preis einer Tafel Milka-Schokolade, sie sind aber vegan und mindestens 4 Wochen haltbar.

Was für Frauen sind bei kulturchoc dabei? 

Die Frauen stammen aus der ganzen Welt: aus Syrien, Palästina, Ecuador, Afghanistan, aus der Türkei oder dem Iran. Wir haben Frauen dabei, die sind erst ein paar Monate in Deutschland, zum Beispiel Frauen aus Syrien, die gelernte Buchhalterinnen sind, hier aber keine beruflichen Einstiegsmöglichkeiten bekommen haben. Wir haben auch Migrantinnen, die seit über dreißig Jahren in Deutschland sind und ihre Kinder hier großgezogen haben.

© Mona Taghavi Fallahpou

Was macht es für diese Frauen so schwierig, Arbeit zu finden?

Vor allem die Sprache, denn dafür braucht man natürlich Austausch und den bietet unsere Gesellschaft einfach nicht sehr oft. Außerdem ist es ja nicht nur für migrantische Mütter schwierig auf dem Arbeitsmarkt. Aber wenn du dann noch eine Sprache nicht perfekt beherrschst und deine Ausbildung aus dem Heimatland nicht anerkannt wurde – wie willst du da reinkommen? Und wenn du älter als 35 bist, dann fördern Behörden in der Regel keine Ausbildung mehr. Außer Jobs in der Reinigung gibt es also nur noch wenig Optionen. Das war schon immer so, aber irgendwann muss das auch mal durchbrochen werden. 

Wie genau helft ihr den Frauen?

Wir haben ein Programm, das in der Regel drei Monate dauert. Die Frauen lernen bei uns nicht nur die Sprache und erleben einen Arbeitsalltag, sie lernen zum Beispiel auch, was ihre Rechte und Pflichten sind. Und wenn sie merken, dass sich die Sprache verbessert hat, unterstützen wir sie dabei, andere berufliche Möglichkeiten zu finden. Wir bieten außerdem Stimm- und Präsentationstrainings an und haben Schwimm- und Fahrradkurse. Damit erleben die Frauen eine ganz neue Bewegungsfreiheit und bekommen ein stärkeres Selbstbewusstsein.

Die Frauen starten jetzt ein neues Leben – mit Freude und natürlich auch mal mit traurigen Momenten.

Was „schockt“ die Frauen, wenn sie hier nach Hamburg kommen?

Das Wetter (lacht). Ich habe jetzt schon öfter gehört, dass es echt schwierig ist, in den Austausch zu kommen. Die Menschen leben hier nebeneinanderher her. Außerdem ist oft seitens der Frauen das Selbstbewusstsein nicht da, einfach auf Hamburgerinnen oder Hamburger zuzugehen.

Wie geht ihr mit traumatischen Ereignissen der Teilnehmerinnen um? 

Ich kenne natürlich viele Geschichten aber ich gucke vor allem darauf, die Energie der Frauen für die Zukunft zu bündeln. Wir sagen deshalb: Ja, das ist Teil der Erfahrungen, die wir gemacht haben und jetzt konzentrieren wir uns darauf, dass es weiter geht. Die Frauen starten jetzt ein neues Leben – mit Freude und natürlich auch mal mit traurigen Momenten. Aber wenn ich sehe, wie sie dann auf den Fahrrädern vor sich hin klingeln und losdüsen, dann merke ich auch, dass da eine Verarbeitung stattfindet.

© Mona Taghavi Fallahpour

Nach welchen Kriterien sucht ihr die Frauen aus und wie kann man mit euch in Kontakt kommen?

Wir nehmen Frauen ab dem Deutschniveau A2 auf und ansonsten sollten sie einfach nur Lust haben, zu lernen ­und längere Zeit am Stück stehen können. Interessierte Frauen können sich dann direkt bei mir melden und wir laden sie für ein Kennenlernen in die Küche ein. Wenn es für beide Seiten gut passt, dann geht es auch schon ganz schnell los!

Mona hat klassische Archäologie und Iranistik studiert aber schon während des Studiums in Bildungsprojekten mitgearbeitet. Nach der Uni hat sie verschiedene Programme konzipiert und für Vereine, Organisationen und Stiftungen umgesetzt – immer mit dem Fokus, verschiedene Zielgruppen auf dem Weg zum Studium, in eine Ausbildung oder Arbeit zu unterstützen. Wenn man ihr zuhört, gerät man selbst schnell in Begeisterung, denn sie spricht stolz und voller Tatendrang über ihr Projekt. 

Gibt es bestimmte Momente, die dich besonders motiviert haben?

Also ich erlebe fast jeden Tag Momente, wo ich nicht glauben kann, wie schnell das jetzt alles gegangen ist. Aber am meisten berühren mich die Teilnehmerinnen, wie die sich im Laufe der Zeit verändern. Eine Teilnehmerin ist jetzt schon seit über einem Jahr dabei und sie meinte letztens, dass kulturchoc für sie wie eine Therapie ist. Sie war sehr unglücklich in der Ehe, hat über siebzig Bewerbungen geschrieben und immer wurde ihr gesagt, sie ist zu alt. Außerdem war sie körperlich nicht sehr fit. Jetzt geht sie jede Woche zum Complete Body Workout, kann Fahrradfahren und sagt, sie hätte nie gedacht, dass sie in ihrem Leben noch mal schwimmen lernt. Diese Unabhängigkeit von staatlichen Hilfen und von einem Partner – das berührt mich sehr und treibt mich voran.

© Mona Taghavi Fallahpour

Wenn man dir zuhört, klingt das alles ganz leicht. Hattest du auch mal Hürden zu meistern?

Na klar, jeden Tag gibt es Hürden. Aber ich habe jetzt die Chance, alles ganz genauso zu machen, wie ich es für richtig halte. Das ist mein Antrieb. Ich merke, dass viele Leute offen dafür sind, gesellschaftliche Probleme zu lösen und wenn es dann auch noch lecker ist – das macht einfach allen Spaß. 

Was hast du fürs nächste Jahr im Kopf? 

Wir möchten noch mehr Teilnehmerinnen aufnehmen und bis Mitte nächsten Jahres soll auch ein Onlineshop eingerichtet werden. Dann möchten wir irgendwann auch ein kleines Café aufmachen, wo die Frauen den Service lernen, in den Kontakt kommen und die Kunden direkt sehen können, wie unsere Produkte hergestellt werden.

Wer Lust auf die korrekten Konfekte hat, findet kulturchoc am 07. Dezember auf der Marktzeit in der alten Fabrik und am 14. und 15. Dezember beim Holy Shit Shopping in den Messehallen. Ab 20 Packungen können Bestellungen auch per Mail aufgegeben werden.

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