Glaube, Liebe, Hamburg: Über/freunde

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Ich sitze oft im Badezimmer auf dem Rand der Badewanne und lasse den Tag Revue passieren. Oft lache ich, mal weine ich und ab und an schau ich einfach meine wirklich komisch gewachsenen Zehen an und höre Musik. Wahrscheinlich Genesis oder Oasis. Oder beide. Dann überlege ich, wie schön es wäre jeden Tag einen Song zu schreiben, wenn ich denn Songs schreiben könnte. Und wie schön es wäre, wenn alle Songs gut wären. Der Song für den 1. Februar wäre schön - da hat Opa Geburtstag. Der Song für den 7. März wäre ein Cover von Thees Uhlmann – seinen Song kann man nicht toppen. Der Song für den 16. Mai wäre auch schön, da habe ich den Bus nicht verpasst. Und der Song für den 19. September wäre besonders schön, da haben wir uns kennen gelernt.

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Freundschaften als Beziehung

Einige meiner Freundschaften sind gescheitert, oder flammen wieder neu auf, oder entstehen gerade erst. Heutzutage hat man anscheinend mehrere gute Freunde – und das ist unglaublich schön und wichtig. Freunde zum Frühstücken, Freunde, um gemeinsam Sport zu machen, Freunde, mit denen man besser über ernste Themen reden kann und Freunde, mit denen man besser über witzige Themen sprechen kann.

Ich habe festgestellt, dass die meisten Freundschaften heutzutage viel länger halten als die Lieben, die wir oft als Liebe unseres Lebens bezeichnen. Ein Rundblick in meinem Kreis reicht da. Mit der gewissen Disziplin und dem starken Interesse können Freundschaften auch die weitesten Distanzen überleben. Wir erwarten von unseren Freunden nicht so viel Aufmerksamkeit wie von unseren Partnern sind auch nicht direkt stinkig, weil wir nicht jede Verfehlung als Angriff verstehen. Das führt in Liebesbeziehungen vielleicht oft zu den meisten Missverständnissen. Klar, auch Freunde kennen Eifersucht, oder können sich vernachlässigt fühlen. Ich bringe die Serie „Sex & The City“  als unterstützenden Beweis vor.

Ob eine Freundschaft hält und bleibt, das entscheidet sich nicht in durchtanzten und volltrunkenen Nächten und an langen Küchengesprächen, das entscheidet sich in wirklich wichtigen Momenten. Ob man rangeht, wenn der andere mitten in der Nacht versucht, anzurufen. Ob man nur eine Nachricht schreibt und seine Hilfe anbietet oder hinfährt, wenn man das Gefühl hat, es stimmt etwas nicht. Ob man sich traut, ehrlich zu sein, wenn es um die großen Fragen und Antworten geht.

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Wenn es drauf ankommt

Lina, Judith und ich sind beste Freundinnen. Oder liebste Freundinnen. Oder wie man das eben nennt, wenn man nicht mehr nur eine beste Freundin hat, sondern zwei oder drei oder vier sehr liebe Freundinnen. Lina wohnt in Kiel, Judith bald endlich wieder in Hamburg. Der tägliche Kontakt findet über Whatsapp statt, oder wir markieren uns unter bescheuerten Videos auf Facebook. Es gibt nichts, was nicht bis ins Kleinste besprochen oder durch ein Meme im sozialen Netzwerk beantwortet werden kann. Die Zwei sind nicht nur Partyfreunde, Frühstücksfreunde, Schachfreunde, Sofafreunde, Tupperfreunde, Modefreunde, Musikfreunde, Jogginghosenfreunde, Lauffreunde, Kunstfreunde. Sie sind ein warmes Bett, ein heißer Pfannkuchen, ein Stück Geramont-Käse nachts um 5:00 Uhr, eine Schnapsidee, ein schlechter Witz, eine späte Zigarette, ein geliehenes T-Shirt. Sie sind Überfreunde.

Mehr als alles

Mein Papa ist letztes Jahr gestorben. Diesen furchtbaren, plötzlichen Riss in meinem Leben versuchen meine Freunde mit der edelsten Nadel und dem schönsten Faden zu schließen. Sie haben mir gezeigt, dass sie alles sind und noch mehr. Dass sie ihre Kanadaurlaube frühzeitig abbrechen und zurück zu mir fliegen. Dass sie die ganze Nacht wach sind und meinen Kopf kraulen. Dass sie schweigend mit mir drei Tage hintereinander auf dem Sofa liegen. Dass sie die richtige Musik zur richtigen Zeit anmachen und dass sie sich immer einmischen. Hört niemals auf euch einzumischen!

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Lina und Judith sind meine Lieblingsmädchen. Wir sagen uns regelmäßig, dass wir uns lieben. Als wären wir ein langjähriges Trio, schreiben wir es beiläufig unter eine Nachricht: Ich liebe euch. Oder flüstern es ins Telefon, wenn etwas Aufregendes bevorsteht oder etwas Schreckliches passiert ist. Wir werden gerade so was wie erwachsen. Nach einigen Entscheidungen, Enttäuschungen, Partnern, Jobs, Erfolgen und Abstürzen sitzen wir morgen zum Glück immer noch zu dritt zusammen und nicht als drei Einzelne. Ich freue mich auf euch, den Sommer und das Leben. Auch mit komisch gewachsenen Zehen ist das Freibad toll. Ich hoffe, ihr bleibt neben meinen anderen Freunden die größte Liebesbeziehung in meinem Leben.

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