Glaube Liebe Hamburg: Die unterschätzten Bekannten

(c) Daughterville Festival & Lina Hansen

Segel Setzen #3

Unseren festen Freundeskreis möchten wir nicht missen und genießen es, Menschen um uns herum zu haben, die wir seit Jahren in- und auswendig kennen. Das ist etwas, was unsere zahlreichen losen Bekanntschaften einfach nicht leisten können. Was Bekannte jedoch ausnahmslos auszeichnet: Sie erweitern unseren Horizont. Und das sollten wir nicht unterschätzen.

Die Zeit der Open Airs ist angelaufen, und wer schon einmal alleine nach Entenwerder gefahren ist, weil die Freunde alle erst später nachkommen konnten, weiß, dass diese 20 Minuten alleine in der Feiermenge sich ganz schön hinziehen können. Wenn du dann beim Tanzen plötzlich die Clique zu treffen, die aus den üblichen Feierverdächtigen besteht – und die du auch eigentlich nur beim Feiern siehst, ist das Glücksgefühl ziemlich bombastisch. Ihr habt Spaß zusammen, leiht euch gegenseitig Tabak und freut euch über den traumhaften Sonntagnachmittag. Am nächsten Tag triffst du zum Kaffee trotzdem andere Leute. In ein paar Wochen sieht man sich sowieso beim Rave wieder oder im Club oder in der Bar.

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Ebenso die Bekannte aus dem Sportkurs, mit der du hin und wieder ein paar Sätze in der Umkleide wechselst. Du weißt von ihrem Studium, ihrem Job und ihrem geplanten Urlaub – sonst weißt du nichts von ihr. Manchmal triffst du sie auch bei EDEKA, weil ihr beide in der Nähe der Osterstraße arbeitet. Wenn sie aus ihrer Wohnung auszieht, wird sie dich als Nachmieterin an die Hausverwaltung weiterempfehlen – und wenn nicht, dann macht das auch nichts. Denn eure lose Verbindung, die man gerade noch so als gute Bekanntschaft bezeichnen könnte, bemisst sich in ihrem Wert nicht an dem objektiven Nutzen, den du aus ihr ziehst. Sie erweitert deinen Horizont und bringt bestenfalls neue Blickwinkel in dein Leben. Du wirst nicht sofort bei ihr auf der Matte stehen, wenn du Liebeskummer hast. Aber du wirst dich freuen, ein bekanntes Gesicht im quälenden Sportkurs zu entdecken.

Manche Beziehungen funktionieren eben nur in ihrem vorgegebenen Setting.
Lina Hansen

Oder was ist mit der Barfrau, die du in deiner Lieblingskneipe verlässlich jeden Freitagabend triffst? Sie hat schon so einige schiefgegangene Dates von dir erlebt und du hast ein, zwei Mal ausgeholfen, als Not am Mann war. Ihr hattet schon öfter überlegt, mal zusammen wegzugehen. Letztendlich ist nie etwas daraus geworden und – seien wir ehrlich – das wird es auch nicht. Das ist absolut okay. Manche Beziehungen funktionieren eben nur in ihrem vorgegebenen Setting.

Sportsfreunde, Feierbekanntschaften, Freunde von Freunden oder Kommilitonen. Bestrebungen, diese Bekanntschaft auf das nächste Level zu heben, gibt es zahlreich. Tatsächliche Umsetzung dessen – eher nicht so. Oft merkt man auch, dass man außerhalb dieser vordefinierten Rollen gar nicht so gut zueinander passt. Lebensstile, Werte oder Musikgeschmack sind eben sehr unterschiedlich und sie sollten in ihrer Unterschiedlichkeit nicht zu gegenseitiger Enttäuschung führen. Dann kann die nächste Begegnung in der Umkleidekabine nämlich ganz schön unangenehm werden.

(c) Daughterville Festival & Lina Hansen

Beste Freunde hingegen passen zu uns wie die Faust aufs Auge. Sie machen uns glücklich, wir machen sie glücklich. Sie leihen uns ihre Klamotten und manchmal auch ihre Schulter zum Ausheulen. Wir kennen uns in- und auswendig. Ein Blick in der richtigen Situation und beide denken: Ist das nicht der Typ, der neulich auf der WG-Party... Ja! Freunde sind echt super! Neben Freunden, Familie und Lebensabschnittspartnern sollten wir Bekanntschaften trotzdem nicht vernachlässigen.

Sie sind es, die wir voller Freude und weinbeschwipst auf der Party treffen und die die Worte „Wir müssen echt mal wieder einen Kaffee trinken gehen“ wohl so oft gehört und selbst ausgesprochen haben, wie kaum jemand anderes. Dazu kommt es meist gar nicht – weil es nicht muss. Dass es manchmal auch in Ordnung ist, wenn aus der Beziehung zwischen zwei Menschen nichts Großes entsteht, hat sogar Marcus Wiebusch von kettcar schon gesungen.

Nein, viel schöner ist es doch, diese unterschätzte Beziehung so zu akzeptieren, wie sie ist. Ohne Erwartungen, aber mit viel Freude, wenn man sich sieht. Sie sind manchmal konstanter als Freundschaften und einige Bekannte sehen wir sogar regelmäßiger als langjährige Freunde.

Wie toll es ist, bekannte Menschen zu entdecken, wenn man sie gerade nicht erwartet. Vorausgesetzt, man mag diese Bekannten auch, denn leider nicht immer der. In solchen Momenten würde ich alles für einen Tarnumhang geben.

(c) Lina Hansen

Menschen unregelmäßig zum Kaffee zu treffen, mit ihnen zu plaudern und endlich mal aus der immer dichter werdenden Bubble herauszukommen, die einen so im Freundeskreis umgibt. Neue Perspektiven. Denkanstöße. Ideen. Oft sind es auch gemeinsame Interessen, die uns mit unseren Bekannten verbinden und die wir im Freundeskreis manchmal nicht vertreten sehen. Auch solche vermeintlich zweckgebundenen Austauschgemeinschaften sind unheimlich viel wert – endlich können wir mal ungebremst zu dem Nerd werden, der wir insgeheim sind.

Unsere Eckpunkte, die uns miteinander verbinden, machen uns in unserer Persönlichkeit aus.
Lina Hansen

Während Freunde unser sozialer Kern sind, unser geballtes Vertrauen, unsere Felsen in der Brandung, sind Bekannte unser Netz, das wir bewusst oder unbewusst spinnen und das uns in irgendeiner Form ebenso festhält. Unsere Eckpunkte, die uns miteinander verbinden, machen uns in unserer Persönlichkeit schließlich aus.

Auch wenn wir Bekanntschaften nicht künstlich zu etwas machen sollten, was sie nicht sind, so sollten wir dieses soziale Netz trotzdem nicht unterschätzen. Lose Kontakte sind wichtiger als wir denken und wer sich immer nur mit den gleichen Menschen umgibt, dem geht ganz schön viel an Horizonterweiterung verloren.

Wer kommt übrigens mit zum Open Air am nächsten Sonntag?

Lina ist geboren und aufgewachsen in Hamburg und hat auf keiner ihrer Reisen jemals eine Stadt gesehen, die sie so gefangen nimmt. In ihrer Kolumne „Segel setzen“ schreibt sie regelmäßig über die großen und kleinen Themen des Alltags einer Mittezwanzigjährigen – und natürlich über die Liebe zur Herzensstadt.

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