Glaube, Liebe, Hamburg: Bitte lächeln!

Eine Depression zu haben ist nichts, das man jemand anderem wünscht. Niemandem. Noch nicht mal jemandem, den man wirklich, wirklich hasst. Denn eine Depression ist so, als würde man innerlich sterben. Eine Depression zu haben bedeutet, dass ein Teil von dir stirbt. Und du bist dabei. Du bist live dabei, wenn deine Freude stirbt, deine Hoffnung, deine Liebe, deine Zuversicht, deine Pläne, der Teil in dir, der sich auf und über etwas freuen kann, der sich Dinge wünscht und sich um sich kümmert.

Niemand würde merken, dass ich nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken kann. Denn ich funktioniere ja.

Irgendwann willst du nicht mal mehr aufstehen. Zu duschen fühlt sich an, als müsstest du eine sehr weite Strecke laufen, die absolut nicht zu schaffen ist. Eigentlich fühlt sich alles permanent so an. Egal, ob es um das Duschen geht oder auch nur darum, eine Frage zu beantworten. Alles ist unfassbar anstrengend, unfassbar unschaffbar.

Das ist die eine Seite der Depression. Die andere: Manche Menschen schaffen es irgendwie noch zu funktionieren. Zu denen gehöre ich auch. Ich kann in meinen schlimmsten Phasen noch arbeiten, noch in eine Kamera lachen und die ganze Nacht tanzen gehen. Dass ich danach, davor und immer mal wieder dazwischen stundenlang die Wand anstarre, morgens nicht aufstehen kann, dass ich mir kein Gespräch merken kann, dass ich gereizt, schlaflos und leer bin - würde niemand merken. Niemand würde merken, dass ich nicht mehr essen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken kann. Denn ich funktioniere ja. Ich mache ja Dinge. Ich lächle ja noch. Bis eben gar nichts mehr geht. Aber bis es so weit ist, geht immer noch eine Menge. Eine erschreckend große Menge.

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Und da gibt es nun zwei Möglichkeiten: darüber reden oder darüber schweigen. 

Immer wieder glauben selbst Depressive, dass andere, die auch depressiv sind, so zu sein haben wie sie selber. Dass eine Depression immer bedeuten muss, dass man auf Badezimmerböden sitzt und weint, dass man am Ende in einer Klinik ist und niemanden mehr sehen will. Aber Depressionen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie haben. Und genau deshalb wird es auch Zeit, dass das Bild verschwindet, das eigentlich überhaupt nicht erreicht, was es erreichen soll: da sitzen traurige Mädchen auf Badezimmerböden und weinen vor Badewannen. Oder ziehen sich die Decke über den Kopf. Oder sitzen auf dem Dielenboden. Eigentlich sitzt immer irgendwer irgendwo und alles ist schwarz / weiß und sehr, sehr traurig. Dass eine Depression aber auch ganz anders aussehen kann, dass sie auch bedeutet, dass man im Kameras lächelt, so tut als ob, eigentlich immer so tut als ob, sich versteckt, sich tarnt, es niemandem sagt, das zeigen auch diese beeindruckenden Bilder sehr deutlich.

Denn: Das Gesicht der Depression ist das Gesicht der Menschen. Und das kann lachend, weinend, glücklich, traurig, lakonisch oder wütend aussehen. Das hat so viele Gesichter, Fassaden, Mauern und Masken, dass wir nicht vergessen sollten: eine Depression sieht man niemandem unbedingt an. Ziemlich oft ist sie sogar ziemlich unsichtbar. Und da gibt es nun zwei Möglichkeiten: darüber reden oder darüber schweigen. Das Reden führt dazu, dass Menschen verstehen, dass eine Depression ein Weg ist. Dass sie nicht plötzlich über Nacht da ist, sondern sich entwickelt, größer wird, schwerer, achttausend Kilo schwer irgendwann.

 

Denn glaubt mir: Wir alle sind genau neben euch, zwischen euch, ein Teil von euch. Wir sind sehr viele und wir sind kein Tabu.

 

Darüber zu schweigen bedeutet, dass viele erst das Ende sehen: den Badezimmerboden, den Selbstmordversuch, die Akut-Psychiatrie. Aber, liebe Redakteure dieser Welt: Das ist das Ende einer Depression. Nicht der Anfang. Eine Depression sieht aus, wie all die Gesichter um euch herum, wie eure Freunde, Eltern, Brüder und Schwestern. Eine Depression ist ein riesiges Arschloch, ein Bruch im Inneren, Angst und Leere und Angst und Panik und Angst und Angst und Angst. Eine Depression sieht trotzdem aus wie wir alle. Und gerade das macht sie so wenig verschweigens- und vertuschenswert. Denn glaubt mir: Wir alle sind genau neben euch, zwischen euch, ein Teil von euch. Wir sind sehr viele und wir sind kein Tabu.

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