Dem Karoviertel wurde sein Herz entrissen: Yoko Mono (2000-2017)

Yoko Mono

Billard? Das muss man Spätgeborenen erst mal kurz erklären. Billard, sprich: Biljard, ist ein Gesellschaftsspiel, das bis in die frühen Neunziger hinein Leute gespielt haben, die man im Rückblick wohl als cool bezeichnen könnte. Bis dato war Billard also ein schwer angesagtes Kneipenrequisit, bevor es ebenso wie der einst unerlässliche Flipper vom Kicker verdrängt wurde, der allerdings auch nicht mehr ganz so lässig wirkt wie zu Beginn des laufenden Jahrhunderts. Poolbillard, also das mit den Löchern, ist demnach nicht nur wegen seiner beachtlichen Größe im Gastronomie-Kontext eher sperrig. Es sei denn, er steht im Yoko Mono. Besser: stand.

Kaum ein anderer Laden dieser Größenordnung verstand es ja konsequenter, den internen Tabakqualm vor eventuell einströmendem Sauerstoff zu bewahren.

Mit der sorgsam verranzten Souterrain-Bar im Herzen des Karoviertels ist nämlich die nächste Partyinstitution verschwunden, und mit ihr der zerschlissene Spieltisch im knallengen Hinterzimmer. Wobei Zimmer hier mal nicht metaphorisch gemeint ist, sondern buchstäblich. Die namentlich japanisch angehauchte Nachfolgerin von Bob’s Bar war ja keine im klassischen Sinne. Weder strikt öffentlich noch strikt privat. Man fühlte sich im wohnstubenartigen Ambiente eher wie bei einer permanenten WG-Party der örtlichen Kiez-Boheme, zu der auch scharenweise Menschen ohne Einladung kommen, aber meist so rasant mit den geladenen Gästen bekannt werden, dass sie sich umgehend zuhause fühlen.

Vorbei am Engpass Eingangsbereich, den kurzen Tresen zur Linken, herrschte im verblichenen Farbinferno zwischen Hornhautbeigebraun und Jugendherbergsgrüngrau schließlich eine sturmumtoste Gelassenheit, die selbst im understatementbewussten St. Pauli selten ist. Obwohl der Sound trotz des angrenzenden Wohnumfelds immer eine Spur zu laut war, oft auch etwas soulig, aber bei aller Trashigkeit nie so richtig mies, wurde an der ausgedehnten Fensterfront in einer Intimität kommuniziert, die bedingungslos für die Hörkraft der Anwesenden spricht und überhaupt für deren Belastbarkeit in Extremsituationen. Kaum ein anderer Laden dieser Größenordnung verstand es ja konsequenter, den internen Tabakqualm vor eventuell einströmendem Sauerstoff zu bewahren.

Dafür bedurfte es gar nicht mal der tobsüchtigen Partys mit Luka Skywalker am Plattenteller oder Rick McPhail als Conférencier. Es reichten gewöhnliche Alltagsnachtschichten ohne Tanzzwang und Exzess. Ich selbst zum Beispiel hatte tags drauf nie zuvor schlimmere Kopfschmerzen als nach meinem ersten DJ-Einsatz am winzigen Pult mit Markstraßenblick gleich neben dem Eingang. Und das lag explizit nicht an den beherzt gemischten Longdrinks. Schuld war die infernalische Atemluft, deren Toxizität nur vom Frühdunst in den verlotterten Klos übertroffen wurde. Umso bemerkenswerter ist es da, dass niemand je aufbegehrte. Yoko Mono, das hieß halt Leiden mit Niveau aus Liebe zum Moment ohne Sorge vorm Morgen.

Der örtliche Denkmalschutz ist ungefähr so durchsetzungsfähig wie eine UN-Resolution im Krisengebiet

Und heute?

Kein Abend-Astra mehr im Zigarettendunst, kein Nachmittagskaffee mehr im Sonnenschein, stattdessen das nächste Loch im Herzen des subkulturell zusehends ausgeweideten Lebensraums Hamburg Mitte. Wie so viele ihrer Leidensgenossen wurde die Yoko Mono Bar vom ortsüblichen Scharfgericht aus wirtschaftlichem Profitinteresse, privatem Gezänk und städtebaulicher Ignoranz erst Anfang des Jahres zur Höchststrafe verurteilt und nach kurzer, aber intensiver Zeit im Todestrakt hingerichtet. Zuvor gab es Unterschriftensammlungen, Durchhalteparolen und einen Leichenschmaus, den das durchmachende Stammpublikum über sieben Tage bierseliger Kondolenz hinzog. Einspruch abgewiesen.

Was mit dem 130 Jahre alten Eckhaus geschieht, ist nun völlig unklar. Weil der örtliche Denkmalschutz ungefähr so durchsetzungsfähig ist wie eine UN-Resolution im Krisengebiet, scheint selbst der Abriss des prachtvollen Altbaus nicht ausgeschlossen. Und um dem Frost der Konsumgesellschaft noch ein paar Grad abzuziehen, hat die Beatles-Witwe Yoko Ono kurz vorm Ende noch Wind vom vermeintlichen Missbrauch ihres Namens bekommen und die Betreiber stolze 17 Jahre nach der Eröffnung erfolgreich auf Unterlassung verklagt. So feierte das Stammpublikum bis zuletzt ohne Yoko vorm Mono, als gäb’s doch ein Morgen. Als Ausweichmöglichkeit empfahl der letzte Inhaber Nima Garous-Pour dem „Abendblatt“ übrigens das John Lemon im nahen Eimsbüttel. Dessen Namenspatron kann wenigstens nicht mehr klagen…

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