Clubs von gestern: Cocteau (ca. 1990 – 2002)

© Jan Freitag

Was ein Club ist, bleibt selbst unter Clubbing-Ästheten chronisch umstritten. Braucht er zum Beispiel zwingend eine Tanzfläche oder reicht bereits die räumliche Möglichkeit, sich rhythmisch zwischen den Sitzgruppen zu bewegen? Muss es unbedingt ein wechselndes Musikprogramm wahrhaftiger Bands und DJs auf amtlicher Anlage und gedrucktem Ablaufplan geben oder reicht ein Laptop der Tresenkraft mit Digitalboxenzugang? Kann, soll, darf man im Club glaubhaft politisch sein oder beißt sich das mit dem hedonistischen Grundimpuls des beschwingten Abfeierns? Und nicht zuletzt: Hat ein Club wirklich indoor zu sein?

Eine Bar, ein Club, ein Versteck auf St. Pauli

Solche Fragen, besonders die letzte, ließen sich einst ausnehmend gut in der Wohlwillstraße beantworten, als sie vom lässigen Kulturkriegerkiez heutiger Prägung noch weiter entfernt war als die Reeperbahn heutzutage von gediegener Abendgestaltung. Damals nämlich, bis Anfang des neuen Jahrhunderts, existierte dort das hintergründig berühmte Cocteau. Und wer sich jetzt nicht ans Kneipenbarcaféirgendwas zwischen Lockengelöt und Suicicles erinnern kann – kein Problem! Schon als das maisonettenartige Hochparterre noch Gäste begrüßt hat, wussten selbst Stammgäste selten so recht, was genau sich darin eigentlich befindet.

Für Tiefenentspannte war er schließlich ein vergleichsweise kultivierter Ort zum korporierten Gelage, für Aufgewühltere eines der Epizentren linker Debattenkultur. Für alle gemeinsam stand jedoch fest, dass es sich vor der Panoramascheibe noch besser feiern ließ als dahinter.

War halt so ein Rumsitzladen, der Hamburgs alternative Bohème in erstaunlich großer Zahl bei Kaffee, Bier, Schnaps plus einer Fingerschale Umsturzgedanken versammelte. Und als der intellektuelle Underground Anfang der Neunziger überall im Land gegen Nazis anzuschrammeln begann, wurde die robuste Rock-gegen-Rechts-Bewegung nicht ohne Grund an einem Ort verfeinert, der nach dem surrealistischen Dichter Jean C. benannt wurde. Für Tiefenentspannte war er schließlich ein vergleichsweise kultivierter Ort zum korporierten Gelage, für Aufgewühltere eines der Epizentren linker Debattenkultur. Für alle gemeinsam stand jedoch fest, dass es sich vor der Panoramascheibe noch besser feiern ließ als dahinter.

Party im Hinterhof, linkes Zentrum vor der Tür

Während die Urban Soundclash genannte Riesenpartys seinerzeit gern im hinteren Bereich vorbereitet wurden, erholten sich die Straßenkämpfer nach den vielfach wilden Demos der damals noch jungen Roten Flora schließlich oft zu Hunderten auf dem Pflaster davor. Und dieses anwohnerentnervende Schauspiel wiederholte sich auch nach Spielen des FC St. Pauli, wenn es gegen Stressvereine aus dem Osten ging. Die politisch ähnlich gepolte taz schrieb entsprechend schon vor 21 Jahren, als sich die Wohlwillstraße langsam zu St. Paulis lässigem Parallelkiez entwickelte: „Wenn sich vor dem – zugegeben äußerst angenehmen, aber abends meist brechend vollen – Cocteau dreißig Leute auf zwei Bänke und sechs Plastikstühle quetschen, sind im Hinterhof der Sicherheit meistens noch einige Plätzchen frei."

Kurzum: Der Laden blieb für den Mainstream allein deshalb weitestgehend unsichtbar, weil es buchstäblich hinter Menschenmassen verschwand, die man mit dem Inneren irgendwie nicht organisch assoziieren konnte. Im Grunde war es nämlich ein bisschen zu sauber fürs Klischee vom Systemsturz, zu aufgeräumt und lichtdurchlässig, ja freundlich. Auf anderthalb Etagen wirkte die Atmosphäre eher gemütlich als renitent, und mit ihr die örtliche Debattenkultur. Es gab zwar Musik, aber sie blieb hintergründig dezent. Zwischendurch gab es sogar richtige Partys, aber auch die verliefen meist gesittet.

Die gesittet aufsässige Avantgarde

Im Gefühl des sicheren Geleits zogen selbst Autonome auf Adrenalin daher schon mal die Kapuze vom Kopf. Bernd Kroschewsky, einst Eingeborener des Heinz Karmers, erinnert sich in Christoph Twickels Läden, Schuppen, Kaschemmen entsprechend, wie dessen trauernde Stammkundschaft am Abrisstag der Club-Legende genervt vom destruktiven Furor in ihrer alten Heimstatt Richtung Cocteau flohen. Bloß fort vom randalierenden Partypöbel gewissermaßen, hin zur gesittet aufsässigen Avantgarde. Denn der lag zeitgleich nichts ferner, als einen völlig unschuldigen Unterhaltungstempel in Schutt und Asche zu zerlegen.

Lange, bevor das Modewort „cornern“ Eingang in die Alltagssprache gefunden hatte, wurde das Cocteau zu einem Ort von fast schon mediterraner Freiluftkultur.

Da passt es vielleicht ins Bild, dass der Nachfolger der ähnlich bedeutsamen Sonderbar Anfang des Jahrhunderts relativ geräuschlos zum Vorläufer des längst wieder vergangenen Local wurde, das zügig erst von Leerstand, heute von einem Chichi-Store voll überflüssigem Lifestylezeugs mit Hafenblablabezug ersetzt wurde, aber ohnehin nie auch nur annähernd so belebt war wie das Cocteau – vom Bürgersteig nebst Fahrbahn davor mal ganz zu schweigen, den es lange, bevor das Modewort „Cornern“ Eingang in die Alltagssprache gefunden hatte, zu einem Ort von fast schon mediterraner Freiluftkultur machte. Es ist daher auch dem teilüberdachten Open-Air-Club auf zwei Ebenen zu verdanken, dass die Wohlwillstraße ein Refugium alternativer Nachbarschaftskultur in St. Pauli ist.

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