Clubs von gestern: Mojo (1989-2003)

Es hätte symbolhafter kaum sein können für diese Stadt, ihre sieche Clublandschaft, das Erbe kulturpolitischer Grausamkeiten: ein Loch. Und nicht irgendeines, nein – groß wie ein Fußballplatz, tief wie die Hölle, voller Kräne bis zum Himmelsrand. Gigantisch war es, kaum zu stopfen und wurde doch verfüllt. Erst mit zwei tanzenden Türmen, dann mit etwas, das zwar Mojo Club heißt, aber kein Mojo Club ist.

Dreizehn Jahre ist es nun her, dass Hamburgs seinerzeit berühmtester Tanzsaal seit dem seligen Star-Club dicht machte, und noch heute überkommt einen dieses schmerzhafte Gefühl der Leere. Denn ungefähr da, wo heute zwei futuristische Hebetore in den abgesenkten Tanzkeller von Ex-Weltruf führen, befand sich einst ein begehbarer Präsentierteller. Er nannte sich “le café abstrait” und irgendwas mit “lounge”, als der Begriff bereits seinen lässigen Sound Richtung Mainstream zu verlassen drohte. Der Glaskasten war ein Vorposten des Mojo Clubs, wo neue Klänge, die die Hansestadt bis dato nicht kannte, zu hören waren: Dancefloor Jazz, Acid House, Triphop. All sowas in einer Institution, die 1989 schon Club hieß. Damals, als man damit hierzulande noch Sportverein und Billardtisch assoziierte.

Gegenüber, hinter kalten Betonsäulen, auch tagsüber rot ausgeleuchtet, stets von aufgereihten Menschenmengen belagert, befand sich der Eingang in die Heilige Halle – über den ich nur ziemlich selten hinauskam. Gleich links war das Jazzcafé mit der gemütlichsten Sicht auf den erwachenden Kiez, die sogar das wärmste Bier der örtlichen Kneipenszene ein bisschen erträglicher machte.

Hier hing man so rum, nur ein paar Meter zum Haupttresen, die Bässe im Rücken. Allein bis zum Klo war es weit, durch einen tiefschwarzen Raum, den so mancher Gast in hundert Besuchen kaum mal ganz durchschritten hat, weil er zu schmucklos war und stickig, zu wuselig, heiß und fern. Schon bei DJs, mehr noch bei Konzerten.

Irgendwann hat ein gewisser Goldie mal richtig viel Eintritt gekostet, 25 Mark, mindestens, und hinterher wurde hafenweit von dem Abend geschwärmt, als ein zappeliger Partystil namens Drum’n’Bass in die frühen Neunziger wummerte. Das sagenumwobene Goldzahngebiss vom Godfather of Breakbeats zu Gesicht bekamen allerdings nur jene, die sich nach dem Einlass flugs zur Bühne vorgekämpft hatten und ihren Platz für zwei, drei Stunden nicht verließen. Wer sich gegen den sauerstofflosen Saal entschied, sicherte sich also lieber einen Schaufenstersessel mit Blick auf jenen Himmel, den man durch die Panoramascheibe des vollverglasten Separees nur erahnen konnte.

mojo

Er schien damals helle auf den düsteren Mojo-Club. Auch, da das Rotlicht ringsum im Laserstrahl des modernen Entertainments verglimmte. Ende der Achtziger bereiteten ja erst VHS, dann HIV aller Ludenherrlichkeit langsam ein Ende. Wo staatliche Vernachlässigung und schießwütige Bandenkriege das Viertel zwei Jahrzehnte lang zur Sperrzone der bürgerlichen Mittelschicht gemacht hatten, entstand eine alternative Partykultur, atmosphärisch befeuert von der besetzten Hafenstraße zwei Blocks weiter zur Elbe.

Peepshows, Spelunken und Puffs wichen Tempelhof, Soul Kitchen und, eben, dem Mojo-Club. In seiner Blüte war er der beliebteste Club im Land, besucht aus allen Erdteilen, Hamburgs missing link zum Londoner Vorbild, mit einer maßgeblichen Plattenserie, die ihren Ursprung überlebt hat. Doch wie so oft war genau dies der Anfang vom Ende. Das Mojo war eben auch eine Marke, bevor ganz Hamburg dazu erkoren wurde, ein Tempel moderner Avantgarde inmitten des beginnenden Wahnsinns verwertbarer Feierlaune. Das einzig wahre Tor zur Welt – und als solcher irgendwann ebenso wenig marktkonform wie der Fünfzigerjahre-Klotz, in dem er sich befand.

Spätestens als 1995 mit dem Top Ten der letzte wirklich krasse Kiezschuppen dicht machte, war das Feld planiert für den hanseatischen Wahn bedenkenloser Renditehörigkeit. Von architektonischen Monströsitäten à la Hadi Teherani, die den Lebensraum Stadt Tag für Tag tiefer ins Glasstahlbad eitler Investorenträume tauchen.

Da ist es kein Zufall, dass die Politberserker der CDU-geförderten Schill-Partei just zu jener Zeit, als der Stararchitekt 2003 sein Tanzturmprojekt vorstellte, den verödeten Spielbudenplatz gegenüber mit einem Riesenschnurrbart an zwei Kränen von Jeff Koons verunstalten wollten. Damals dekorierte sich Hamburg gerade zu einer Art RTL2 deutscher Reiseziele, mit St. Pauli als Shoppingkanal – seelenlos, geldwert, ohne Herz, Hirn, vor allem ohne Sound. Das Hamburger Loch am Millerntor sang exakt davon, als man hineinsah, wie in einen Höllenschlund.

Hier, unter Teheranis Tanzenden Türmen, in denen allenfalls youporn-geprägte Distanzromantiker ein eng umschlungenes Tangopaar erkennen, ist der Mojo Club zwar auferstanden und heißt sogar so. Aber er ist ein anderer als zuvor, eher hochglänzender PR-Faktor als liebenswerter Fusion-Schuppen. Ein Hot-Spot, so schön wie aseptisch. Hätte schlimmer kommen können. War mal besser. Wie der ganze Kiez.


Die Artikel für unsere Serie "Clubs von gestern" hat Jan Freitag verfasst. Sie sind auch auf seiner Seite www.freitagsmedien.com nachzulesen, wo sie zuerst erschienen sind. Weitere Folgen der Serie findest hier.

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