Bin ich introvertiert oder nur gerne alleine? Wie ich gelernt habe, auf meine soziale Batterie zu achten

© Kinga Howard | Unsplash

"Sorry, ich muss heute Abend leider verschieben!" – Solche Nachrichten bekommen wir wohl alle regelmäßig, wenn Freund*innen sich erkälten oder zu viel auf der Arbeit zu tun ist. Und ich schwanke dann zwischen: "Manno, schade!" und "Juhu, Zeit für mich!" Denn so lieb ich meine Freund*innen auch habe, ich verbringe einfach echt gerne Zeit mit mir selbst. Aber das war nicht immer so.

Vor etwa einem Jahr bekam ich plötzlich Schwindel, der monatelang nicht wegging. Ich und auch die Ärzt*innen waren ratlos, schickten mich durchs MRT, machten Hör- und Sehtests. Alles war in Ordnung und trotzdem drehte sich meine Welt ständig. Bis ein Arzt zu mir meinte: "Ihr Nacken ist komplett dicht, das kommt vom Stress!" Dabei hatte ich eigentlich das Gefühl, ein ausgewogenes Leben zu führen. Toller Freundeskreis, tolle Partnerschaft, ein Job, der mich erfüllt, liebe Kolleginnen. Ich fuhr in den Urlaub, war für den Job unterwegs, ging feiern, tanzte auf Hochzeiten, ging brunchen und in Bars. Wo war denn der Stress? Liest man sich den vorletzten Satz noch einmal durch, erkennt man es eigentlich sofort: Denn nicht jeder Stress fußt auf Überarbeitung oder toxischen Beziehungen, auch sozialer Stress kann kaputt machen. Vor allem, wenn die soziale Batterie schnell leer geht – doch das musste ich erst einmal lernen.

Denn nicht jeder Stress fußt auf Überarbeitung oder toxischen Beziehungen, auch sozialer Stress kann kaputt machen.
© Franzi Simon

Es ist nicht so, dass ich ein unsozialer Mensch bin. Ich liebe es unter Menschen zu sein, gehe gerne auf Konzerte, veranstalte Dinnerpartys oder gehe in großer Runde brunchen. Das letzte Jahr hat mir jetzt aber gezeigt, dass ich solche Events gut planen muss. Mindestens ein Tag Pause sollte dazwischen liegen; am Wochenende zwei Verabredungen am gleichen Tag? Auf keinen Fall. Lieber morgens zum Sport vor der Party oder nach dem Brunch aufs Sofa und lesen. Me-Time und Social-Time müssen sich die Waage halten.

Das ist natürlich nicht immer machbar und es gibt Wochen, in denen ich mich überschätze und meinen Kalender "überplane". Weil ich unbedingt noch eine Freundin sehen will, die nur dann in der Stadt ist oder eine Arbeitsveranstaltung reinrutscht, die ich nicht absagen kann. Genau dann freue ich mich über spontane Absagen – einfach, weil sie mir wieder etwas Luft verschaffen.

© Franzi Simon

Direkt zu Beginn, als klar wurde, woher der Schwindel kam, hat mich das traurig gemacht. Ich hatte FOMO, wollte nicht zu Hause bleiben, während alle anderen unterwegs waren, habe mich darüber geärgert, nicht mehr so viel "abzukönnen". Doch die Rechnung kam dann immer wieder, in Form von Schwindel oder anderen mentalen Anzeichen, dass es mir einfach nicht gut ging.

Mittlerweile habe ich mich mit meiner sozialen Batterie angefreundet. Und weiß, sie vernünftig zu nutzen. Vier Tage München-Reise für ein Harry Styles Konzert? Gib mir, lohnt sich! Das Wochenende danach wird dann aber ruhig gemacht. Und das bedeutet auch nicht, gar nichts zu machen. Stattdessen habe ich, seitdem ich mich besser kennengelernt habe, eine Sportroutine, schlafe besser, weil ich zu regelmäßigen Zeiten ins Bett gehe, lese mehr, um herunterzukommen – und habe eine Katze adoptiert. Die lädt meine Batterie nämlich auf, statt Strom zu verbrauchen. Und wenn die Batterie dann wieder voll ist, stürze ich mich wieder ins Getümmel!

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