Das Paulihaus – eine Abrechnung mit dem geplanten Büromonster neben der Rindermarkthalle

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Paulihaus – allein schon der Name! Wer das eigensinnige Viertel am Hafenrand nicht nur von Sauf- oder Sighseeingtouren kennt, sondern aus alltäglicher Erfahrung, spricht es selbst ohne Glaubensbekenntnis nie ohne behütendes „St.“ im Stadtteilnamen aus. „Pauli“ hingegen, das sagen allenfalls Tagestourist*innen oder Investor*innen, im schlimmsten Falle beides. Wie die Verantwortlichen der „Randbebauung Budapester Straße“ eben.

So hieß ein geplanter Prestigebau am Neuen Pferdemarkt, bevor er zunächst ins denglisch poppige „Built in St. Pauli“, dann zum noch „Paulihaus“ umgewidmet wurde – und mit Verzögerung den Widerstand der Umgebung auf sich zog. Kein Wunder. Denn dort, wo das verdichtete Quartier überhaupt noch Luft zum Atmen hat, wo die Sicht nicht von Tanztürmen und Konsumtempeln verbaut ist, wo der Blick über den Pavillon der alten Schlachthofkantine zum Millerntor geht oder aus umgekehrter Richtung ins Schanzenviertel, dort also soll nach dem Willen der kapitalfreien und Abrissstadt Hamburg der nächste Fremdkörper im Organismus St. Pauli wuchern.

Mit allen Mitteln

Wie das sechsstöckige Bürogebäude auf 17 Meter Tiefe und nahezu zehnfacher Länge gegen Anwohnerinteressen, Baurecht, Transparenz und Bedarf durchgeboxt werden soll, entspricht ja in jeder Planungsphase der bauherrlichen Willkürherrschaft einer Wirtschaftspolitik, die Hamburg seit Jahrhunderten den Interessen der Ökonomie unterordnet. Auch hier haben sich drei Schwergewichte hanseatischer Infrastrukturpolitik vereinigt, um aus der wilden Brache mit Kleingewerbe und Gastronomie Rendite zu schlagen: Die Stadtmanager der steg, das Immobilienunternehmen Hamburg Team und der Verkehrsplaner Argus – alle profitorientiert, alle privatorganisiert, alle nur dann an Kommunikation interessiert, wenn es dem Eigeninteresse dient.

Trotz ein paar Flyern plus Infoveranstaltung wurde der „hochbauliche Wettbewerb“ Ende 2017 in etwa so öffentlich beworben wie ein NPD-Parteitag.

Seit die städtebaulich zusehends rücksichtslose steg vor knapp fünf Jahren ein Auge aufs Filetstück am Westrand der Rindermarkthalle geworfen hat, wurde schließlich nur verlautbart, was sich kaum vermeiden ließ. Trotz ein paar Flyern plus Infoveranstaltung wurde der „hochbauliche Wettbewerb“ Ende 2017 in etwa so öffentlich beworben wie ein NPD-Parteitag. Als fünf der Entwürfe kurz darauf ausgestellt wurden, musste selbst die Presse Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen. Die Übergabe des Areals ans Baukonsortium verlief gleich ganz ohne Verlautbarung. Und dann ist da noch die Sache mit der Wirtschaftsförderung.

Trotz Leerstands – noch mehr Büro-Quadratmeter

Da das Projekt für die drei Projektgründer angeblich zu kostspielig war, zauberten sie Anfang des Jahres eine Werbeagentur als Partner aus dem Hut. Mit Kunden wie „Curry King“ fördert die Pahnke Markenmacherei zwar eher den Klimawandel als kommunales Miteinander; dafür geriert sie sich als Bewohnerin mit 70 Prozent Personal aus dem Viertel, das ohne Paulihaus – leider, leider – nach Berlin ziehen müsse. Das Argument ist zwar noch abstruser als die Vorstellung, Hamburg brauche bei 500.000 Quadratmetern Leerstand noch mehr Bürofläche; trotzdem wurde das Objekt zum Wirtschaftsförderungsfall erklärt, weshalb das Konsortium den Baugrund nicht kaufen muss, sondern zur Erbpacht erhält – ein ungleich billigeres Modell, dass eigentlich zur Unterstützung von Wohnraum gedacht ist.

Baumbestand, Hecken, Lärm für Anwohner*innen, bürgerlicher Protest – all das könnten die Entscheidungsträger bei ihrer bedingungslosen Unterstützung des Vorhabens berücksichtigen. Tun sie aber nicht.

Weil das Paulihaus laut Bundesfernstraßengesetzt viel zu nah an der Kreuzung Budapester Straße steht, dürfte der an dieser Stelle übrigens ebenso wenig entstehen wie Büros, aber egal. So egal wie die Abholzung von 21 Bäumen und 51 Meter wertvoller Hecke. Oder ein Denkmalschutz, der wie üblich in Hamburg nicht fürs Ensemble gilt. Oder Schallemissionen des grotesk dichten Durchgangsverkehrs, die der 23 Meter hohe Kubus auf gegenüberliegende Wohnhäuser zurückwirft. Oder bürgerlicher Protest, der über alle Schichten hinweg das gesamte Viertel vereint. All das könnten die Entscheidungsträger bei ihrer bedingungslosen Unterstützung des Vorhabens berücksichtigen. Tun sie aber nicht.

Nachhaltigkeit und Nachbarschaft – gelten nicht

Der Senat etwa lobte auf eine Kleine Anfrage der Linken hin lieber die fiktionale Zahl von 64 neuen Werbearbeitsplätzen, weigerte sich ansonsten aber, zum Verfahren Stellung zu nehmen. Als er noch Bezirksamtsleiter war, bügelte Innensenator Andy Grote die Kritik, dass der vereinbarte St. Pauli Code von Nachhaltigkeit und Nachbarschaft hier nicht gelte, emotionslos ab. Sein Nachfolger Falko Droßmann log der Initiative Unser Areal Rindermarkthalle frech ins Postfach, „Rückmeldungen, die uns bislang aus dem Stadtteil erreicht haben“, spiegeln die „einmütige Ablehnung des Vorhabens durch die lokale Öffentlichkeit nicht wider“, was die steg mit der Behauptung übertraf, „Diskussionen in den Quartiersbeiräten haben uns gezeigt, dass es kein Interesse an einer sachlich geführten Auseinandersetzung gibt“.

Wenn das Paulihaus gebaut wird, bricht der nächste Damm einer transparenten, nachhaltigen, lebenswerten Infrastrukturpolitik. Wer da weiter artig bleibt, hilft mit beim Unterspülen.

In der Tat: abgesehen von vielen Hundert Plakaten gab es auch Farbbeutelanschläge auf beteiligte Firmen. Und der Tonfall, das zeigte sich auf einer Stadteilversammlung Ende November, ist keineswegs nur gesittet. Doch was wäre denn die Alternative zur wachsenden Wut im Spekulationsepizentrum St. Pauli – noch mehr Demos gegen Gentrifizierung? Noch mehr Petititionen ohne Folgen? Noch mehr Essohäuser, deren vereinbarte Nutzung zum Wohle aller gerade in der Finanzbuchhaltung des Investors zerbröselt? Wenn das Paulihaus gebaut wird, bricht der nächste Damm einer transparenten, nachhaltigen, lebenswerten Infrastrukturpolitik. Wer da weiter artig bleibt, hilft mit beim Unterspülen.

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