Corona Cornern: Wenn die Sehnsucht alle Vorsicht zunichte macht

© Marit Blossey

Cornern war schon vor Corona ein zwiespältiger Spaß. Auf der einen Seite steht die Freiheit, sich unkompliziert und spontan mit Freund*innen in den Straßen zu versammeln bei einem kühlen Getränk. Und das an so ziemlich jeder Ecke, denn die Versorgung steht durch die zahlreichen Kioske. Cornern ist Sommer.

Auf der anderen Seite klagen schon seit Jahren Kneipenbesitzer*innen über diese Feierabendbeschäftigung. Sie verdienen nichts daran, wenn vor ihren Türen die günstigeren Getränke aus dem Kiosk gekauft werden und die Bar nur für den Toilettenbesuch genutzt wird.

Doch 2020 geht es nicht nur um die Bewahrung der Eckkneipenkultur – sondern auch der Gesundheit. In Coronazeiten sollten Menschenansammlungen eigentlich verhindert werden, doch am letzten Wochenende cornerten hunderte Menschen am Schulterblatt, beim Grünen Jäger und auf dem Alma-Wartenberg-Platz in Ottensen. Es wurden Bußgelder verteilt, der Alkoholausschank verboten und sogar Läden vorübergehend geschlossen.

Schluss mit Vorsicht

In Zeiten von geschlossenen Clubs und abgesagten Festivals ist es verständlich, dass die Stadtbevölkerung einen anderen Weg sucht um beisammen zu sein. Um im Rausch auf Fremde zu treffen, mit Freund*innen die Gläser aneinander klirren zu lassen und auf den sonnengewärmten Kantsteinen bis tief in die Nacht zu versacken. Doch diese Sehnsucht nach Exzess ist alles, aber nur nicht vernünftig.

In den letzten Wochen kam es in verschiedenen Regionen zu "Superspreading-Events", Infektionsherden durch Menschenansammlungen. In Fleischfabriken, auf Familienfeiern und ganzen Wohnkomplexen. Und während der Aufschrei und die Sorge um hohe Infektionszahlen nach den Black-Lives-Matter-Demonstrationen groß war, scheint die Lage beim Cornern eine andere zu sein. Sie wird gebilligt, von allen Seiten. Wurde sich in Berlin noch über Raver in der Spree beschwert, gibt es einen Monat später keine Kontaktbeschränkungen mehr. Am Dienstag werden im Hamburger Senat neue Entscheidungen gefällt.

Vorbei mit der Solidarität

Schon jetzt ist keine Maske mehr zu sehen – wie auch, wenn man am Caipi schlürft. Von Mindestabstand keine Spur. Und während auf der Reeperbahn die Clubs stillgelegt sind, Musiker*innen keine Konzerte spielen dürfen und Theater noch immer Live-Streams anbieten, statt vor Publikum zu spielen – da fragt man sich doch, ob das Cornern das alles wert ist. Wurde zu Beginn der Krise noch getrauert um die Lieblingsbars, verhüllen diese in einem ohnmächtiger Protest ihre Fassaden. Während um die Existenz gebangt wird, stehen auf dem Schulterblatt mehr Menschen beisammen, als eine Bar fassen könnte.

Wenn wir im Herbst wieder alleine mit dem Kaltgetränk auf dem Sofa sitzen, in Videocalls mit unseren Freund*innen versuchen Normalität walten zu lassen, wenn sämtliche Schankwirtschaften wieder verrammelt und die Clubs endgültig in den Ruin getrieben sind – dann werden wir uns fragen, ob wir unsere Sehnsucht nicht anders hätten stillen können.

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