Von Istanbul über Berlin bis Hamburg – ist Heimat wirklich ein Ort?

© Talika Öztürk

Anlässlich der bevorstehenden Europawahl haben auch wir uns in der Redaktion dazu Gedanken gemacht. Dass Wählen gehen wahnsinnig wichtig ist und es Unmengen an Informationsmaterial zur Wahl gibt, wisst ihr schlauen Leser*innen natürlich schon. Wir wollen mit dieser Textreihe auf einen sehr persönlichen Punkt eingehen, der uns alle beschäftigt und bei jedem anders definiert ist. Wir möchten in Zeiten von zunehmendem Nationalismus, der auch immer häufiger in öffentlichen Diskussionen stattfindet, wissen: Was bedeutet Heimat und wie definieren wir sie für uns?

In diesem Moment sitze ich im Zug aus Berlin, meinem Geburtsort, zurück nach Hamburg, meinem Wohnort, und stelle mir die Frage: Wo oder was ist Heimat? Das Wort Heimat kam in meinem Wortschatz nicht wirklich vor. Zuhause, ja! Aber Heimat? Der Begriff wird im aktuellen politischen Diskurs so häufig verwendet und hat doch für jede*n eine andere Bedeutung.

Wenn man meinen Nachnamen Öztürk liest, kommt man schnell auf die Idee, dass ich nicht nur eine Heimat hier in Deutschland habe. Meine Großeltern sind 1964, wie viele andere, als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Um zu arbeiten und ihren Kindern einen höheren Lebensstandard bieten zu können, mussten sie ihre alte Heimat verlassen. Und eine neue finden?

Für Deutschland und für mich war es ein großes Glück, dass in den 1960er Jahren so viele Menschen aus der Türkei so mutig waren, ihre Heimat zu verlassen und in Deutschland das Wirtschaftswunder mitzutragen. Vergangene Woche habe ich meinen Opa gefragt, was seine Heimat ist und er hat gesagt:“ Ich bin Berliner“. Wenn es nicht möglich wäre eine neue Heimat zu finden, würde es mich und alle andere Gastarbeiter-Kinder, die teilweise schon in der vierten oder fünften Generation in Deutschland leben, gar nicht geben.

Kann man eine neue Heimat finden?

Drei Jahre nachdem meine Großeltern nach Deutschland gekommen sind, ist mein Papa geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen, zum Kindergarten und zur Schule gegangen, hat mit seiner Mutter zuhause Deutsch gesprochen. Aber in den Ferien ging es immer für sechs Wochen in die Heimat, die Türkei. Mein Papa und meine Tante erzählen noch heute von den tagelangen Autofahrten durch Europa und wie sie bei 30 Grad ihre Sommerferien am Meer verbracht haben.

Mein Papa würde wohl immer sagen, dass Berlin und Deutschland seine Heimat ist – seine Freunde sind hier, der Großteil seiner Familie. Er hat hier meine Mama kennengelernt und sie haben eine Familie gegründet.

Als ich anderthalb Jahre alt war, ging es für uns jedoch aus beruflichen Gründen meines Vaters in die eigentliche Heimat meiner Großeltern – die Türkei. Genauer gesagt: Istanbul. Dort bin ich die ersten Jahre meines Lebens aufgewachsen, zum Kindergarten gegangen, habe mit meinen Freund*innen auf dem Spielplatz gespielt und „Urlaub“ in Deutschland gemacht, fließend Deutsch und Türkisch gesprochen. An diese Zeit kann ich mich aber nur in Bruchstücken erinnern, ich war einfach noch sehr klein.

2000 sind wir dann zurück nach Berlin und ich bin in die Schule gekommen, habe neue Freunde gefunden, bin unterschiedlichsten Hobbys nachgegangen und war (wenn überhaupt) zum Sommerurlaub mal in der Türkei. Zuhause und mit meinem Papa habe ich nie Türkisch gesprochen, zwar ab und an mit meiner Oma, aber ich habe es im Laufe der Zeit mehr und mehr verlernt.

Seit ich denken kann, wohnen wir im selben Haus. Ich habe dort die meiste Zeit meines Lebens verbracht, habe Übernachtungspartys mit Freundinnen im Wohnzimmer gemacht, im Garten gezeltet, bin im See nebenan schwimmen gegangen, bin mit dem Fahrrad zu meinen Großeltern gefahren, habe mich mehr als einmal mit meiner Schwester gestritten, mein Zimmer in den buntesten Farben gestrichen, habe die ersten wilden Homepartys veranstaltet und für’s Abi gelernt – mehr oder weniger.

Nach der Schule sind fast alle meine Freund*innen in Berlin geblieben, haben angefangen zu studieren, Ausbildungen gemacht oder erstmal gechillt. Auch ich habe meinen Bachelor angefangen und bin erstmal zuhause wohnen geblieben. Freundschaften aus der Schule haben sich verändert, neue Freund*innen sind dazugekommen, mit anderen hat man sich auseinandergelebt.

Wer aus Berlin kommt, verlässt diese Stadt für gewöhnlich nicht - kommt mir zumindest so vor.

Aber nach dem Bachelor wollte ich irgendwie nochmal raus. Berlin ist meine Heimat. Ich bin hier geboren und habe die meiste Zeit meiner Kindheit hier verbracht, bin hier aufgewachsen und so gut wie meine ganze Familie lebt hier. Istanbul ist auch ein Stückchen Heimat – aber eine vergangene. Auch hier bin ich aufgewachsen, das erste Mal Fahrrad gefahren, habe den türkischen Teil meiner Familie kennengelernt und habe mit meiner kleinen Schwester im Sandkasten gespielt.

Auch wenn ich immer glücklich in meiner Heimatstadt war, wollte ich nach Hamburg. Weil Hamburg schön ist, lebenswert und die perfekte Größe hat. Diese Stadt habe ich mir ausgesucht! Hier habe ich meinen Master gemacht, mir einen neuen Freundeskreis aufgebaut, mir mein erstes eigenes Zuhause geschaffen, bin so richtig selbstständig geworden und ein bisschen erwachsen. Ich fühle mich hier sehr wohl und würde sagen auch, hier habe ich Heimat gefunden. Aber woher kommt dieses Gefühl von Heimat?

Heimat sind Menschen.

Heimat sind Menschen. Und Gerüche, Orte, Farben, Geräusche. Heimat ist, wenn ich bei meinen Eltern ins Haus komme und mich unser Hund freudig begrüßt. Heimat ist, wenn wir seit Jahren jedes Wochenende, wenn ich zu Besuch bin, ins gleiche Restaurant essen gehen. Heimat ist der Käsekuchen von meinen Großeltern. Heimat ist, wenn ich mit Freunden aus Hamburg nach Berlin fahre und ihnen zeige, wo ich was in meiner Teenie-Zeit erlebt habe.

Wie schon Herbert Grönemeyer gesagt hat: Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.

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