56 Tonnen Müll: Der Schlagermove war das Inferno der Wegwerfgesellschaft

Was die Umwelt verdreckt und was nicht, ist auch eine Frage der Perspektive. Für Spießbürger ist ein Fuß auf der Busbank die denkbar größte Sauerei, während im Fleugzeug nach Bangkok eher Glücksschweine sitzen; sieht ja keiner, wie die Turbinen das Klima zerstören… Komplizierter wird es dagegen mit klarer ersichtlichem Müll. Man stelle sich vor, rein hypothetisch, ein Großstadtmensch aus, sagen wir: St. Pauli, fährt in schrillen Trucks durchs Dorf, wirft von Punkrock beschallt Verpackungsmüll in die Gärten und pisst obendrein obendrauf. Was da los wäre? Nicht zu Unrecht die Hölle!

Umso weniger kann es schaden, sich dieses Reaktionsmuster Anfang Juli jeden Jahres im maximal urbanen Raum à la Hamburg-Mitte vor Augen zu halten. Durch den fahren nämlich viele der hypothetisch betroffenen Dorfbewohner*innen in schrillen Trucks, werfen von Schlager beschallt Verpackungsmüll auf die Straßen und pissen obendrein obendrauf. So machten zuletzt die 300.000 Besucherinnen und Besucher des Schlagermoves und produzierten nebenbei 56 Tonnen Abfall. Rekord! Getränkedosen, Glasflaschen, Plastikbecher in den Grünanlagen der Umgebung noch gar nicht mitgerechnet. So ordentlich, leise, sauber es die Provinzbevölkerung daheim mag – im selbstbewusst dreckigen St. Pauli hinterlässt sie nicht nur bei dieser Großveranstaltung ein stinkendes Inferno der Wegwerfgesellschaft.

Von Jahr zu Jahr mehr Müll

Harley Days, Hafengeburtstag, Hansemarathon: mit den Asis von St. Pauli – scheint sich das Stadtmarketing zu denken – kann man’s ja machen. Wer auf hamburg.de die Namen der ortsfremden Megaevents in die Suchmaske tippt, findet daher ausschließlich Jubelberichte. Müll, Lärm, Fäkalien, Alkohol, Konsum oder Ordnungswidrigkeiten? Fehlanzeige! „Die Müllmenge steigt Jahr für Jahr“, beklagt der Linken-Abgeordnete Stephan Jersch in einer kleinen Anfrage, „aber der Senat bemüht sich nur um neue Zahlen zu den Einnahmen“. Offenbar ist Müll nur unerwünscht, wenn er von Einheimischen stammt. Dabei geht es auch ganz ohne. Wie das Haldern Pop Festival beweist.

Nach Abzug der 7.000 Gäste nämlich, ließen die Veranstalter kürzlich auf Facebook wissen, war die Veranstaltungswiese praktisch sauber. Und weil dafür kein Müllkonzept vonnöten war, verweist Geschäftsführer Stefan Reichmann aufs innige Verhältnis des Publikums zu einer Veranstaltung, die seit 36 Jahren eher Familienfest als Event ist. Genau darin besteht auch der grundlegende Unterschied zum Schlagermove: Wer seinem gutsortierten Alltag kurz mal zur Unkenntlichkeit maskiert entkommt und nach dem Ausnüchtern ins heimische Kleinstadtidyll zurückkehrt, hält den Ort des Ausbruchs rasch für exakt jene Müllkippe, die er oder sie selbst als solche hinterlässt.

Sobald es ums hanseatische Trendthema Tourismus geht, sinkt das globale Trendthema Klima auf Dringlichkeitsliste zügig abwärts.

Dass der Veranstalter alle Verantwortung dafür an Kiosk-Besitzer delegiert und aufs eigene Mehrwegsystem verweist, macht da keins der 56 Millionen Gramm Verpackungsmüll ungeschehen – auch wenn die Hossa Hossa GmbH aus dem Hamburger Speckgürtel das Gros der Entsorgungskosten – deren Höhe sie gleichwohl verschweigt – alleine trägt. Davon abgesehen umfasst die Reinigung nur den offiziellen Teil der Route; abseits davon bleibt der Müll nicht nur am Pflaster, sondern Steuerzahler kleben. Ein Steuerzahler übrigens, zu dem Hossa Hossa „in regelmäßigem Austausch“ stehe. Neben Social Media und 5000 Flyern nennt Sprecher Axel Annink da unter anderem die wirtschaftsnahe IG St. Pauli.

Dass aus der naturgemäß kein Gegenwind zu erwarten ist, zeigte sich im Januar beim City-Auschuss Mitte. Als Annink dort den Schlagermove verteidigte, forderten Bezirkspolitiker und Anwohner lautstark dessen Verlegung Richtung Randbezirke; der Einzelhandel hingegen bestand darauf, dass der heillos überlastete Lebensraum St. Pauli der beste Ort für Massenaufmärsche jeder Art sei. Sobald es ums hanseatische Trendthema Tourismus geht, sinkt das globale Trendthema Klima auf Dringlichkeitsliste zügig abwärts. Die zuständige Umweltbehörde fühlt sich auf Nachfrage zwar verpflichtet, „für Veranstalter eine Handreichung zu nachhaltigen Veranstaltungen mit einfach anwendbaren Checklisten zu entwickeln“. De facto hat sich das Müllaufkommen trotz dieser Anstrengung „aller Behörden und Bezirke“ jedoch seit 2012 verdreifacht.

Dreifach so viel Müll wie noch 2012

Kein Wunder. Da die Stadt bei Megaevents keine Bußgelder für ordnungswidrige Entsorgung verhängt, ist der Anreiz enthemmter Massen zur Müllvermeidung gering. Behördensprecher Björn Marzahn verweist hier auf nachhaltige Festivals wie Futur 2 auf Entenwerder, wo die Müllmenge bei 30 Gramm pro Person, also „kaum mehr als eine Papierserviette“ lag; doch wenn er den Ökostrom lobt, mit dem der Hamburger Dom versorgt werde, stellt sich die Frage, warum das zugehörige Feuerwerk zwölfmal pro Jahr kubikmeterweise Feinstaub in die Atemluft von 23.000 Anrainern blasen darf.

Mainstream-Ereignisse wie dieses stehen nun mal ebenso wenig zur Disposition wie 223 anlegende Kreuzfahrtschiffe, deren Schweröl-Emissionen ein dichtbevölkertes Wohngebiet verpesten. Die Harley Days wurden zwar von der Reeperbahn Richtung Elbbrücken verbannt; das atavistische Testosteron-Gemetzel ganz zu verbieten, bleibt aber schon wegen der Übernachtungszahlen indiskutabel – obwohl es angesichts der Lärm- und Luftbelastung nicht nur möglich, sondern rechtlich geboten wäre. Hamburg, meint Umweltsenator Jens Kerstan, „setzt schon seit längerem viele Impulse für klimafreundliche, umweltgerechte und nachhaltige Veranstaltungen.“ Zumindest, sofern sie nicht in St. Pauli stattfinden.

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