Zwei Jahre Panamericana: Was man auf Reisen über das Zuhause lernt

© Malte und Alexandra Ramthun

686 Reisetage und knapp 54.000 gefahrene Kilometer liegen hinter Malte, Alexandra (genannt Ali) und ihrem treuen Gefährt, dem Landrover “Dulli”. Von Feuerland bis Alaska sind sie der Panamericana gefolgt und haben sich viel Zeit genommen, um den Alltag hinter sich zu lassen und Land und Leute kennenzulernen. Im August sind sie nach Hamburg zurückgekehrt – und sprechen mit mir darüber, wie sich das Heimkommen nach einer so langen Reise anfühlt.

© Malte und Alexandra Ramthun

Es ist einer der ersten stürmischen und verregneten Herbstsamstage, an dem ich mit Malte und Ali zum Kaffee verabredet bin. Während der letzten zwei Jahre haben mir ihre Bilder und Updates aus der Antarktis, Mexiko oder Alaska regelmäßig Fernweh-Schübe beschert. Und während ich mir nun in ihrem Treppenhaus den ersten ordentlichen Hamburger Herbst-Schauer aus dem Regenmantel schüttel, frage ich mich: Warum sind sie nicht einfach in einem dieser paradiesischen Orte geblieben?

Was ist denn eigentlich das Paradies?

“Ganz einfach, alle Orte, an denen wir uns vorstellen konnten, zu leben, hatten eines gemeinsam: Sie haben uns an Zuhause erinnert”, beantwortet Ali meine Frage lachend. Zuhause, das ist in ihrem Fall Hamburg, Norddeutschland, die Küste. “Wir haben auf der Reise schnell gelernt, welche Umgebung uns glücklich macht und wo unsere Wurzeln sind”, erklärt sie. Da konnten die Anden noch so beeindruckend sein – nach einer Weile mussten die beiden einfach ganz dringend wieder Küstenwind in der Nase haben.

Und dann stellt Malte eine berechtigte Gegenfrage: “Was ist denn das Paradies?Kokosnüsse am Strand zu verkaufen und in einer Bambushütte wohnen? Für mich nicht.” Denn auch wenn – oder gerade weil die beiden fast zwei Jahre lang ein minimalistisches Reiseleben geführt haben, wissen sie die Sicherheit und die Jobchancen in ihrer Heimat sehr zu schätzen.

© Malte und Alexandra Ramthun

Auch wer nicht suchet, der findet

Sowieso sind die beiden im Oktober 2016 nicht etwa losgefahren, um ein neues Zuhause zu finden. “Wir haben unterwegs so viele Reisende getroffen, die vor etwas weglaufen oder irgendetwas suchen”, erzählt Malte. “Das war bei uns überhaupt nicht der Fall.” Stattdessen haben sich die zwei Hamburger einfach einen großen Traum erfüllt: aus dem Alltag auszubrechen und die absolute Freiheit zu genießen. Ihre Jobs hatten beide zwar vorher gekündigt, doch ihre Wohnung lediglich untervermietet.

Doch auch wer nicht suchet, der findet – und das war in Malte und Alis Fall zwar kein neues Zuhause, aber eine ganze Menge Erkenntnisse darüber, wie sie eigentlich leben wollen. Und vielleicht ist das eine viel größere Errungenschaft als eine Strandhütte in der Karibik,

Vor ihrer großen Reise, so erzählen beide, war ihr Leben und Tagesablauf größtenteils von außen bestimmt, von der Arbeit, vom Sport und von dem Druck, den man von seinem Umfeld übernimmt. Das Wort “Hamsterrad” fällt mehr als einmal während unseres Gesprächs – und mehr als einmal fühle ich mich ertappt.

Ganze drei Monate hätte er gebraucht, um sich wirklich ganz von Gedanken an die Arbeit zu lösen, erzählt Malte. Drei Monate! Da fragt man sich doch, ob der dreiwöchige Sommerurlaub überhaupt eine nachhaltige Erholung vom Alltagsstress sein kann.

© Malte und Alexandra Ramthun

Reisen stärkt das Immunsystem

Knapp zwei Jahre waren aber dann definitiv genug, um besagtes Hamsterrad weit hinter sich zu lassen. Die beiden sind, wie sie selbst sagen, deutlich ruhiger und gelassener geworden. Woran sie das gemerkt haben? Das Erste, was an ihnen nach ihrer Rückkehr nach Hamburg aufgefallen ist: Wie unglaublich gestresst alle um sie herum sind. Und: Wie viel Angst viele Menschen hier haben. Vor Fremden, vor der Zukunft, vor Krankheiten.

A propros Krankheiten: Auch hier haben die beiden viel gelernt. Sie haben zwar ein paar abenteuerliche Anekdoten über südamerikanische Provinzkrankenhäuser in petto, sind aber in den zwei Jahren nicht ernsthaft krank gewesen – und haben sich die meiste Zeit topfit gefühlt. Zufall? Vielleicht nicht:

“Auf Reisen lernst du, deinem normalen menschlichen Rhythmus zu folgen”, sagt Malte. Das heißt: Schlafen, wenn es dunkel wird, Pausen machen, wenn du erschöpft bist  und essen, wenn du Hunger hast. Klingt nicht nach Raketenwissenschaft – aber ganz ehrlich, wer von uns lebt denn heute so?

© Malte und Alexandra Ramthun

“Die meisten Menschen reisen zu schnell und brennen dann aus”

Die große Herausforderung wird nun sein, diese neu gewonnene Gelassenheit und den natürlichen Lebensstil in den Hamburger Alltag zu retten. Doch dafür gibt es bereits eine Strategie: Sie hat vier Beine, eine Fellnase und heißt Linda. Die junge Kurzhaarcollie-Hündin durfte vor wenigen Tagen bei Malte und Ali einziehen. Ihre Hauptaufgabe wird sein: Die beiden daran zu erinnern, dass es draußen doch am Schönsten ist und nichts so glücklich macht, wie ein Streifzug durch die Natur.

Und sollten sie doch wieder in die Nähe des Hamsterrads rutschen, haben sie noch eine weiter Taktik, die sie auf der Reise gelernt haben: Immer wenn sie etwas reismüde wurden, oder von den Eindrücken überfordert waren, sind sie einfach: Stehen geblieben. Haben sich die Zeit genommen, einen Ort besser kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. “Die meisten Menschen reisen zu schnell und brennen dann aus”, sagt Ali. Und eigentlich kann man hier “reisen” auch ganz gut durch “leben” ersetzen, oder?

Als ich mit Malte und Ali zum Kaffee treffe, haben sie übrigens gerade Besuch aus den USA verabschiedet. Ein paar Tage lang haben sie das komplette Touristenprogramm abgespult: Alster, Michel, Schanze, Hafen, Blankenese. Und mit jedem “Wow, wie schön!” der Gäste wuchs kehrte auch den beiden Rückkehrern wieder ins Bewusstsein: Es ist wirklich verdammt schön hier. Zuhause.

Wer sich dafür interessiert, wie sich Malte und Ali auf ihre Reise vorbereitet haben, und was sie unterwegs alles erlebt haben, der kann sich auf ihrem Blog “Dulliexploring”  umschauen. Aber, Obacht: Fernwehgarantie!

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