Selbstoptimierung oder Unsicherheit: Warum will ich nicht alleine sein?

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Öffne ich den Terminkalender auf meinem Laptop, springen mir so viele bunte Farben entgegen, dass ich meine sozialen Verpflichtungen kaum noch auseinander halten kann: Sport hier, Wein trinken dort, Party machen zwei Tage hintereinander, zwischendurch zur Kosmetik und einkaufen rennen, dieses Wochenende kommen die Eltern nach Hamburg und klar, ich hab abends noch Zeit für zwei berufliche Termine – gar kein Problem für mich!

Würde ich alle meine Termine und Verpflichtungen in einer Woche zusammenzählen, wäre sie bestimmt so voll, wie die eines Geschäftsführers. Ich bin ständig auf Achse und wenn ich grad nicht unter meinem, auf hohem Niveau bejammerten, Freizeitstress leide, dann erlege ich mir selbst beruflichen Stress auf. Alles, nur kein Stillstand.

Dabei nehme ich mir jede Woche vor: Jetzt bleibst du mal zuhause. Nur Du, dein Laptop, Pizza und Netflix.

Pustekuchen. Bevor ich das ganze Wochenende alleine zuhause im Bett liege, quäle ich mich lieber in das Fitnessstudio um die Ecke. Aber warum ist das so? Warum will ich nicht alleine sein?

FOMO: Fear of missing out. So ein Quatsch!

Fear of missing out: Die Angst etwas zu verpassen. Ich kann wohl ehrlich und voller Stolz sagen, dass ich unter dieser Angst nicht leide und noch nie gelitten habe. In meinem Fall ist das ziemlicher Quatsch. Ich bin selbstbewusst genug dafür, nicht auf jeder Party tanzen zu müssen, nicht jedes Bier am Kiosk mit trinken zu müssen und mein Gesicht nicht in jede Kamera halten zu müssen. Meine Freunde bleiben auch so meine Freunde, da bin ich mir ganz sicher. Aber trotzdem: Alleine zuhause hocken mag ich auch nicht, da mache ich lieber irgendwas, was mir mittelmäßig viel Spaß macht, anstatt gar nichts zu erleben.

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Du musst dir schon selbst Konfetti in dein Leben pusten

Ich möchte ständig möglichst viel erleben und alles so perfekt wie möglich hinbekommen: Arbeit, Karriereplanung, soziales Leben, Freizeit, WG-Miteinander und wenn man mal wirklich ehrlich ist, muss man sich ab und an auch mal um sich kümmern. Das kann für jeden etwas anderes heißen, für mich ist es Sport, um mir so zumindest vorzugaukeln, ich würde ein halbwegs gesundes Leben führen.

Allein bei dem Versuch alles perfekt zu schaffen, werde ich scheitern – das weiß ich. Irgendwas von meinen Pflichten/Vergnügungen wird auf der Strecke bleiben. Und was wenn ich das niemals akzeptieren kann – zu scheitern? Dann bleibt mir irgendwann gar keine Zeit mehr für mich. Dann spielt mein Leben sich zwischen Arbeit, Restaurants, Bars, Fitnesstudios und Selbstoptimierungzwang ab und auf der Strecke bleibt dann niemand geringeres als ICH, höchstpersönlich.

Selbstoptimierung oder es anderen Recht machen wollen?

Selbst hohe Ansprüche an sich zu stellen, hat für mich wenig damit zu tun, es anderen immer Recht machen zu wollen. Man möchte einfach in jeder Beziehung sein Bestes geben, um nicht von sich selbst enttäuscht zu sein –  Recht machen will ich es nur mir selbst. Nun bleibt die Frage: Muss ich meine Ansprüche runterschrauben? Wenn ja, warum? Kann ich mit kleineren Ansprüche die gleiche Zufriedenheit erreichen?

Muss ich meine Ansprüche für mehr Zufriedenheit herunter schrauben?

Meiner Meinung nach: Nein, auf gar keinen Fall. Jeder hat seine ganz eigene Vorstellung vom großen Lebensglück. Für den einen kann das Familie heißen, für den anderen Karriere und für den ganz anderen ein autarkes Leben in einer Hippie-Komune auf der anderen Seite der Welt. Doch ich habe an den Beispielen anderer gesehen: das eigene Wohlbefinden sollte dabei auf der Prioritätenliste stets den ersten Platz haben.

Denn: Was nützt es mir, habe ich am Ende des Tages zwanzig Aufgaben erledigt, fünf Freunde getroffen und die Karriere in Gang geschoben, wenn ich spätabends tot ins Bett falle und völlig ausgebrannt bin?

Ich weiß, was das Worst Case Szenario sein könnte: Die Kreativität geht flöten und ich hab überhaupt keinen Bock mehr zu machen, was ich eigentlich so gern gemacht habe.

Ziele vor Augen zu haben, das ist für mich unerlässlich. Doch mir wird auch immer bewusster, dass das nicht bedeutet mich mit Freunden, Familie oder Partner zu umgeben. Denn die meiste Zeit im Leben verbringe ich mit mir selbst. Ist dann die Ich-Beziehung nicht die, die es am meisten zu pflegen gilt? Wenn ich das weiß, warum mache ich es dann nicht?

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Alleine sein kann man lernen – probier es einfach mal aus

Alleine zu sein ist nicht mit sozialem Stillstand gleichzusetzen und wenn mal nichts Aufregendes passiert, dann bedeutet das auch nicht gleich dass das Karriereende naht. Momentan gewöhne ich mich an den Gedanken, dass gute Dinge im Leben Zeit, Geduld und Kraft brauchen. Nichts davon wirst du aus verkaterten Tagen in deinem Bett schöpfen, weil die letzte Nacht so hart war.

Alleine zu sein heißt ab und an mal seine Akkus aufzuladen, sich neuen Input zu holen, Sachen zu machen, die man schon immer mal machen wollte und sich einfach mal um sich selbst zu kümmern. Es hilft dir den Kopf freizukriegen, kann dich riesige Schritte nach vorne machen lassen und dir Geschwindigkeit und Stress nehmen.

Probier' es einfach aus, auch wenn es anfangs Überwindung kostet. Ich werde gleich dieses Wochenende anfangen, machst du mit?

 

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