Ohne Herbst kein Hamburg

© via Instagram by kiki.bianchet

Wenn die Tage kürzer werden, die Stürme stärker und die Bäume kahler, dann beginnt für mich eine magische Zeit in Hamburg. Dann fühlt sich Hamburg genau richtig an.

Keine Frage, dieser Sommer war der Wahnsinn. Im Bikini am Elbstrand liegen, einen guten Teil des Gehalts in die Eisbande investieren und jegliche Sommerurlaubspläne streichen, weil es gerade nirgends besser sein kann als hier – danke, das nehme ich gerne jedes Jahr so.

Der hanseatische Charme entspringt nicht 30 Grad im Schatten

Aber sind wir mal ehrlich, wir leben alle nicht in Hamburg, weil wir hoffnungslose Sonnenanbeter*innen sind. Wir leben hier, weil wir dem hanseatischen Charme verfallen sind – und der ist nun mal nicht durch konstante 30 Grad im Schatten zu dem geworden, was er ist.

Denn von Oktober bis Mai haben die stürmischen, wolkigen und regnerischen Tage diese Stadt fest im Griff. Und dieses Wetter hier lehrt Gelassenheit, es lehrt, Dinge, die man nicht ändern kann, mit einem Schulterzucken zu akzeptieren und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Es hat über Jahrhunderte einen Schlag Menschen geformt, der nach außen kühl und schroff wirkt, aber mit einer stoischen Ruhe und Verlässlichkeit punktet.

Im Schietwetter sind wir alle gleich

Ich mag Hamburg, weil es hier so viel Raum für Veränderung gibt. Die Stadt verändert sich laufend, Menschen kommen, Menschen gehen, es ist Platz für jeden Lebensstil. Aber wenn es mir dann im Oktober (oder, in allen Jahren außer 2018, schon im September) horizontal ins Gesicht regnet, dann freue ich mich darüber, dass sich einige Dinge nie ändern werden. Dass Hamburgs Seele stets dieselbe bleiben wird – weil das Wetter die Stadt und ihre Bewohner immer wieder einnordet.

Denn das Hamburger Schietwetter ist auch ein Gleichmacher. Egal wie hip, egal wie reich, egal wie cool – diesem Wetter entkommt niemand. Dann tragen wir alle die gleiche Regenuniform, eilen mit der Kapuze tief ins Gesicht gezogen aneinander vorbei (Regenschirme sind für Touris) und dann tauschen wir wissende, mitfühlende Blicke mit den übrigen durchnässten Radfahrern, die wir an der Ampel treffen.

Niemand kann Herbst so gut wie die Hamburger

Und auch wenn jeder mal von nassen Füßen angenervt ist – ich hab noch an keinem Ort mehr Menschen getroffen, die sich so sehr auf den Herbst freuen, wie in Hamburg. Die sich nicht freuen, weil dann ja bald die Weihnachtzeit losgeht, sondern die einfach Bock auf Herbst haben.

Denn die Hamburger haben Herbst perfektioniert. Sich bei einem Spaziergang an der Elbe so richtig durchpusten lassen. Im Alten Land Äpfel pflücken und den Rest des Jahres Apfelmus essen. An einem grauen Samstagnachmittag von einem Café zum nächsten schlendern. Einen Konzertkalender für die Herbstsaison anlegen – und abarbeiten.

In Hamburg übers Wetter zu meckern ist in etwa so, wie sich auf Mallorca über Touristen zu ärgern oder sich über einen verspäteten ICE zu beschweren. Es gehört nun mal dazu. Also, machen wir das Beste auch aus dieser Herbstsaison!

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