Mein Lieblingsort in Hamburg #5: auf der Fähre

© simonwierzba via Instagram

Es ist nicht leicht, meinen Lieblingsort in Hamburg zu finden. Denn mein Lieblingsort ist keiner. Es ist eine Bewegung. Ich fahre gerne Fähre. Ich stehe nicht auf Kranballett. Ich romantisiere auch keine Containerschiffe. Aber auf der Fahrt zwischen Landungsbrücken - Finkenwerder und zurück, da packt mich ein wohliger Überwasserblues. Wieso? Wahrscheinlich, weil im Schwebezustand zwischen Abfahren und Ankommen ein Zauber liegt, der Wanderlustige wie mich antreibt. Oder weil in den Tiefen des trüben Elbwassers eine geheime Liebesgeschichte schlummert.

Realitätscheck, zwischen Löwen und Emigranten

Landungsbrücke 3. Elbphilharmonie. Rickmer Rickmers. Fischbrötchen. Schließt die Augen und blendet alles aus. Auch die Touristen. Vor allem die Touristen. Von Touristen, die auf Schuhschachteln zum König der Löwen schipperten, war um 1900 schließlich nie die Rede. Vielmehr standen Menschen an den Landungsbrücken, die was wagten. Richtige Abenteurer. Emigranten. Wenn ich heutzutage Fähre fahre, wandere ich wohl kaum aus. Aber meine Gedanken tun es. Sie saugen an der Hoffnung, an dem Mut, an der Angst und an dem Wahnsinn, den diese fünf Millionen Menschen aufbrachten, die zwischen 1850 und 1939 ihrer Heimat den Rücken kehrten und von Hamburg aus in eine neue, fremde Welt reisten. In Schiffsungetümen namens „Imperator“,  „Ithaka“ oder „Asturia“ steuerten sie New York, Buenos Aires, Adelaide und weitere Häfen an.  Augen auf, Realitätscheck – ich bin noch beim unermüdlichen Löwen, der Elbphilharmonie und den Touristen. Die Fähre nähert sich der Brücke. Die wartende Menschenmasse setzt sich in Bewegung und eiert von rechts nach links und von links nach rechts, same procedure as every week. Jeder will den besten Sitzplatz an Deck ergattern. Ich lasse die Übereifrigen vorbeieilen und suche mir einen Fensterplatz im warmen Schiffsbauch, neben der Heizung, nahe der Gischt.

Was für ein Käse: die Fahrt über den Elbtunnel

Die Fähre legt ab und ich denke an Käse. Immer. Schuld ist meine Faszination darüber, dass Großstädte „unten herum“ wie Emmentaler aussehen. U-Bahn-Tunnel, Schächte, Unterführungen. Über die Krönung dieser löchrigen Torte tuckert die Fähre gerade drüber – über den Alten Elbtunnel. Führt Euch diese Jahreszahl nur einmal vor Augen: 1911 wurde der Alte Elbtunnel gebaut. 1911! Da war der Reißverschluss noch nicht  einmal erfunden worden. (Den erfand Otto Frederick Gideon Sundback erst 1914.) Ich weiß nicht, wie es Euch damit geht, aber bei den genialen, erfinderischen Windungen des menschlichen Gehirns packt mich manchmal tiefe Ehrfurcht. Gleich darauf meldet sich mein eigenes Gehirn (nicht übermäßig genial, aber zumindest erfinderisch) und sagt: „Erinnerst Du Dich noch? Erinnerst Du Dich an diese kleine, unnütze Liebesgeschichte, die du an Deinem allerersten Tag in Hamburg aufgeschnappt hast?“ Selbstverständlich erinnere ich mich. Habt Ihr Zeit für ein Unterwassermärchen? Natürlich. Wir haben alle Zeit der Welt. Wir fahren Fähre.

© Anissa Brinkhoff

Eine Liebesgeschichte: Otto + Elisabeth = Kachel

Es war einmal im Jahr 1907 ein junger, genialer, erfinderischer Mann namens Otto Stockhausen. Kaum schüchterne 29 Lenze alt, wurde Otto mit der Aufsicht über Europas spektakulärste Baustelle beauftragt – dem Elbtunnel. Doch – oh weh – was tun? Otto wollte doch Elisabeth Banten heiraten. Als er im selben Jahr eigens nach New York reiste, um sich mit den amerikanischen Ingenieuren über den riskanten Tunnelbau zu beraten, fasste er allerdings den Entschluss: Geheiratet wird erst, wenn der Tunnel gebaut ist. Zu gefährlich waren die Arbeiten unter Wasser. Zu groß die Gefahr, Elisabeth schneller zur Witwe zu machen, als sie „Moin Schatz“ sagen konnte. Die Entscheidung war nicht unbegründet: Insgesamt starben drei Bauarbeiter an der Taucherkrankheit, 800 erkrankten an der Arbeit unter Tage. 1909 schoss über der Elbe sogar eine Wasserfontäne in die Höhe, darunter drangen Erde und Wasser in die Oströhre. Nun ist es kein Rätsel, wie die Geschichte ausging: Schließlich düsen die Hamburger heutzutage täglich mit ihren Rädern oder zu Fuß relativ unbeschwert durch den Tunnel. Otto konnte Elisabeth folglich heiraten. Was allerdings nicht jedermann und –frau weiß: Der junge Ingenieur ließ an die Wand des Tunnels einen geheimen Liebesbeweis anbringen. Denn wer aufmerksam schaut, wird im Alten Elbtunnel nicht nur etliche Kacheln mit Fischen, Krebsen und Muscheln entdecken. Eine Kachel zeigt eine andere, ungewöhnliche Szene: Darauf kauern ein Mann und eine Frau in einem Tunnel und reichen sich, über einen großen Berg hinweg, der den Tunnel fast ausfüllt, die Hände. Wer diese zwei Turteltäubchen sind, muss ich wohl nicht verraten.

Der Schwipp-Schwapp-Effekt (oder Yoga für Fährefahrer)

Und wenn sie zwar gestorben sind, dann hängt die Kachel dort noch heute. Anekdote vorbei, die Fähre ist in Fahrt. Noch bevor das Schiff beim Fischmarkt andockt, habe ich also traditionell bereits an Auswanderung, städtischen Underground-Käse und eine romantische Kachel gedacht. Meist erlaube ich meinem Kopf nun, in eine Art kreativen Standby zu verfallen. Es herrscht Handy-Verbot, zumindest für mich. Nicht für die Touristen, die um mich herum in Instagram-Ekstase verfallen. Spätestens ab der Fischauktionshalle hat sich in mir das spezielle Fährerlebnis eingestellt. Ruhe und Glückseligkeit. Was anderen das Ein- und Ausatmen beim Yoga, das ist für mich das Schwipp und das Schwapp der Linie 62. Mit jeder Wasserwoge fahre ich Stadt, Land, Mensch einfach davon. Es macht mich glücklich, zu wissen, dass ich keinen festen Boden unter den Füßen brauche, um mich wohl zu fühlen. Im Gegenteil, an Orten des Transits – Zügen, U-Bahnen, Fähren – lösen sich für mich Grenzen, Ängste, Sorgen auf. Durch die Fortbewegung meines Transportmittels bewegen sich auch meine Gedanken wie durch Zauberhand einen Schritt weiter als sonst.

Fahrt Fähre! Wandert aus!

Es gibt ja diese Menschen, deren Weltbild so klar ist wie das Parallelogramm des Dockland-Gebäudes, das die Fähre gerade hinter sich gelassen hat. Sie schaffen es, alles in Gut und Böse, Normal und Verrückt, Schwarz und Weiß, Deutsch und Ausländer oder weiß der Geier zu unterteilen. Ein „dazwischen“ ist nicht gerne gesehen. Diesen Menschen würde ich gerne zurufen: Betrachtet die Liebeskachel. Reicht Euch durch den Tunnel die Hände. Lasst Eure Gedanken auswandern. Fahrt weg. Fahrt Fähre. Ihr werdet in neue Welten und aufregende Leerstellen eintauchen. Denn das ist eine Fähre doch: ein kleines Stück schwimmender Leerraum. Ein Ort ohne Ort, in sich geschlossen und zugleich dem Wasser ausgeliefert. Zwischen den Stationen, im Abfahren und Ankommen, liegen für mich Abenteuerspielplatz und innere Heimat zugleich. Im schunkelnden Schiff reifen meine Ideen, Texte, Entschlüsse. Heine-Park – Donners Park – Rosengarten – Övelgönne. Während die Fähre an Hamburgs grünen und sandigen Flecken vorbeifährt, lädt sich mein innerer Akku vollkommen auf.

© Alexandra Brucker

Heimatgefühl: Südwind spüren, Nordwind einatmen

Am Bubendey-Ufer und in Finkenwerder erlangt die Mischung an Reisenden ihren Höhepunkt: Finkenwerder Bevölkerung trifft auf Hafenarbeiter trifft auf Touris trifft auf Leute wie Euch und mich. Oft wehen auf der Rückfahrt nicht nur Wind, sondern auch Wortfetzen durch die Lüfte. Sprachen und Dialekte aus allen Himmelsrichtungen vermischen sich zu einem Multikulti-Vitamin-H(eimat)-Cocktail. Ich bilde mir ein, ein bisschen Südwind zu spüren und dabei Nordwind einzuatmen. Und der Kompass, der dreht sich dabei wild im Kreis. Landungsbrücken – Finkenwerder und zurück. Zurück zu Stadt, Land, Mensch.

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