Lack, Leder, Lust: Im Gespräch mit Bingo, dem Hamburger SM-Sklaven

© Kevin Goonewardena

Sein Körper von Kopf bis Fuß in Lack gehüllt, nahtlos, nur drei Schlitze für Augen und Mund frei, so hockte er da, der Sklave Bingo, angeleint, zu Füßen seiner damaligen Herrin und sagte kein Wort. Hier in Hammerbrook, wo sich S-Bahntrassen und Ausfallstraßen kreuzen, wo Tausende in Büros schwitzen, Druck aushalten und weiterreichen, eher seltener abbauen dürften. Wie passend, dass man auch hier Prostituierte findet, wie eh überall in der Stadt verteilt, nicht nur auf St. Pauli.

Jeder weiß das, der es wissen will. Im zur Geiz-Kette gehörenden Tiefgaragenpuff zum Beispiel, schon vor Jahren verewigt in Fatih Akins Soul Kitchen. Hier in Hammerbrook kann man sich prima anketten, einsperren, an's Kreuz nageln lassen, wie Bingo, wie die anderen, die bei seiner Herrin ein und ausgingen.

© Andreas Baur

Thomas Baldischwyler knipste und Bingo sagte kein Wort, auch wenn der Mund ausgespart geblieben war, aber das allein erlaubt das Sprechen ja nicht. Währenddessen interviewte ich seine damalige Herrin und ihr selbsternannte Social Media-Beauftragte filmte uns ab – denn auch Dominas gehen mit der Zeit. 

Das ist nun alles zwei Jahre her.

Und nun sitzt mir Sklave Bingo wieder gegenüber; beim Vietnamesen zwischen Hauptbahnhof und Ballindamm. Es gibt nicht nur cool und uncool und wie man sich fühlt, es gibt auch auffällig und unauffällig und Sklave Bingo ist unauffällig, was wieder auffällig passend ist. Seine grauen, ja weißen Haare sind schütter, ausgedünnt. Dünn, wie er selbst, denn er ist schmal gebaut. Er trägt Polohemd und Jeans und Halbschuhe, irgendwie die Richtung, ich weiß es nicht mal mehr.

Er könnte Jeder sein, eben auch einer der zu einer Domina geht, denn da geht eben vor allem eine Kategorie Mensch hin: Jedermann.
© Kevin Goonewardena

Let’s play master and servant

1988 bin ich das erste Mal bei einer Domina gewesen, das war eher zufällig. Wir sind mit ein paar Jungs von der Bundeswehr übern Kiez, wollten ein wenig feiern. Einer nach dem anderen verschwand links und rechts in den Häusern. Ich landete schließlich bei einer Dame, die mich fragte ob ich nicht Lust hätte mich fesseln zu lassen. Bis dahin kannte ich so was nicht, auch kein Soft-SM.

Erst viele Jahre später, das Internet hielt langsam Einzug in die bundesdeutschen Privathauhalte, lernte Bingo, der sich erst ab dem Zeitpunkt auch so nannte, denn sein Szenename ist natürlich einem Chatnickname geschuldet, seine Vorlieben besser kennen und konnte sie erst dann so richtig ausleben. „Bis ich Ende der 90er das Internet für mich entdeckte, habe ich auch ein paar klassische Beziehungen geführt. Für meine Vorlieben ansonsten Dominas aufgesucht – andere Möglichkeiten hatte ich damals ja noch gar nicht. Meine ersten Gehversuche in der Szene unternahm ich dann später in einschlägigen Chatrooms. Die aufzutun war nicht schwer – man hat sie einfach gesucht, gegoogelt würde man heute sagen: Aber selbst Google hatte damals bei weitem nicht die Größe von heute – irgendwie unvorstellbar.“ 

Raus aus dem Internet, rein in die reale Welt: Dem virtuellen Treffpunkt folgten Stammtische – Man traf sich in Kneipen, Bars und Hinterzimmern der Hansestadt  – äußerlich unauffällige Lokalitäten, einschlägig bekannt bei Eingeweihten, wie dem einst legendären Cafe‘ SittsaM.“ Hin und wieder trifft sich Bingo in der Folge auch mit Einzelpersonen, Paaren, Privatleuten. Professionelle sind ihm aber am liebsten.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Privatleute dann doch oft Erwartungen haben, das irgendeine Form von Verpflichtung entsteht, die ich nicht gewollt habe. Manchmal kommen gar Gefühle ins Spiel. Das heißt nicht, dass es professionellen Dominas oder Bizarrladies keinen Spaß machen würde, aber es ist immer noch in erster Linie deren Job.“

Es sei in der Tat schwierig, das zu erkennen – schließlich müssten die Damen schon von Berufswegen unnahbar sein. Aber man könne das in den Augen sehen „Wenn sie leuchten“, so Bingo.

Bei ihm hört es allerdings ab einer gewissen Grenze auf. "Alles was Narben hinterlässt ist für mich ein Tabu“, sagt Bingo. Die Rolle des Geldsklave, sowieso - die würden nur ausgenutzt werden. „Da ist für mich auch nichts Sexuelles dabei und ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jemand darauf steht anderen alle finanziellen Wünsche zu erfüllen. Für mich ist das einfach nur naiv.“

Umso mehr steht Bingo auf Bondage und andere Arten von Fixierungen. Klammern, Wachs und auch dosierte Schläge mit Rohrstock, Gerte oder Peitsche. “Was SM ist und was nicht, dass soll jeder für sich entscheiden. Ich habe zwar meine Meinung dazu, lasse aber jedem seine Definition. Ich bin darüber hinweg zu beurteilen ob Jemand „richtigen“ oder „falschen“ SM verfolgt – das steht mir auch nicht zu."

Als aber damals die “Fifty Shades of Grey“-Reihe herauskam, hat sich das schon in den Domizilen bemerkbar gemacht – und was Szenefremde unter SM verstehen, na ja, das war schon was ganz anderes

My house is your house

Seit zehn Jahren hat Bingo in diversen Häusern nicht nur als Gast verkehrt, sondern auch als Helfer. „In den Studios bin ich "Freund des Hauses" ich helfe ab und zu mal. Aber nicht als Sklave sondern aus Hilfsbereitschaft. Es stimuliert mich nicht. Ich sorge dafür, dass alles vorbereitet ist, dass sich die Ladies vor den Sessions um nichts mehr kümmern müssen.“ In seinen Alltagsklamotten, danach liege er auch schon mal „im Garten und lese ein Buch.“

Probiert die Herrin neue Praktiken an Gästen aus, steht er ihr zur Verfügung. „Manchmal bin ich auch ganz froh, dass ich nicht an Stelle meiner Herrin bin – wenn sich zum Beispiel etwas endlos wiederholt, ein Gast beispielsweise nur die Füße lecken will.“ Andere Situationen wiederum muss Bingo selbst aushalten „Als ein Gast einmal den Wunsch hatte mich oral zu befriedigen, habe ich mir eine Frau vorstellen müssen, um erregt zu werden. Das kommt aber selten vor, es kommt ja auch immer auf den Gast an. Nicht jeder will mehr als die Lady dabei haben. 

Bingo spricht viel. Er schaut mich dabei kaum an, meistens an mir vorbei. „Meine Leben besteht nicht nur aus SM, genauso wenig meine Sexualität. Bei Manchen ist das so, ich hingegen nehme manchmal mehrmals im Monat an Sessions teil, dann wieder zwei Monate nicht.“  Eine mehrheitskonforme Sexualität scheint seine Sache dennoch weniger zu sein. Ob er gerne ein Beziehungsmensch wäre? Seine Vorliebe für SM mache es schwer, eine Partnerin zu finden, sagt er. Hat er es jemals versucht, in der Szene oder mit einer früheren Partnerin sich dem Thema annähern wollen? Ich lasse es offen. 

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