Clubs von gestern: Max Bar (1999-2007)

© Jan Freitag

Es gab eine Zeit, man kann das heute kaum glauben, da wurde nahezu immer geraucht. Beim Essen, vorm Schlafen, am Schreibtisch, im Flugzeug, selbst auf dem Fahrersitz mit Kleinkind zur Rechten und Großkind dahinter. Dass es auch eine Zeit gab, in der nahezu immer geraucht werden musste, ist dagegen weniger bekannt.

Und dazu lokal begrenzt: Auf die Paul-Roosen-Straße 35 zum Beispiel, einer Absturzkaschemme, deren Dasein im Rückblick auch ohne Tabakqualm so nebulös ist wie eine Hausbesetzung mit Hafenblick. Sie hieß Max Bar und stand am Rande von St. Pauli, als es mit dem alten, räudigen, dem verranzten, aber lebendigen Kiez weiter südlich dank der unaufhaltsamen Aufwertung ringsum bergab ging.

Eine Kneipe mit Durchhaltevermögen

Vor knapp 20 Jahren hatte das Operettenhaus längst so viele Busladungen bürgerlicher Fans singender Katzen ins seinerzeit schon neongrelle Rotlichtviertel gelockt, dass man Kneipen wie dieser nicht mal das Durchhaltevermögen der paar Sauerstoffatome im Innern zugetraut hätte. Theoretisch. Praktisch jedoch hielt das Erdgeschoss eines zweistöckigen Altbaus aus dem frühen 19. Jahrhundert mehr als ein volles Jahrzehnt unterm unscheinbaren Namen durch und wurde zu einer toxisch verrauchten Nachtlegende für all jene, die für echten Punkrock nicht dauernd die Reeperbahn Richtung Hafenstraße überqueren wollten.

Und echter Punkrock, das war diese Bar.

Weit mehr jedenfalls als vieles, was sich dieses Label zu Marketingzwecken gern anheftet. Schon um sie zu finden, musste man ja von ihr wissen. Die Fassade inklusive des knallgelben Schildes war von so viel bemitleidenswertem Efeu verwachsen, dass die Tür kaum sichtbar wurde, von den blickdicht erblindeten Fenstern ganz zu schweigen.

Und dahinter? Herrschte Dunkelheit und dichter Qualm, derbe Musik und noch derbere Gestalten, die ihre Irokesenschnitte ebenso wie Springerstiefel und Kleidungsruinen damals noch nicht als modische, sondern (falls überhaupt) politische Statements verstanden. Hier verdiente Punk noch wirklich den Namen. Hier war der Schnaps echter Schnaps und jedes Mischgetränk paritätisch gemixt. Hier ging man ja rein, um besoffen rauszufallen, was meistens gut gelang.

© via Pexels, CC0

Kickern um's Verderben

Weil die Anlage keine Tieftöner hatte, unterhielten sich bis dahin alle mit lautem Gebrüll, während sie darauf warteten, beim Kickern derart von zahnlosen Spaßprofis gedemütigt zu werden, dass die Höchststrafe von 0:6 ständig um eine weitere erweitert wurde: Auf Knien unterm Tisch durch. Und damit wurde anschließend kein Waschmittel fertig, von den Händen mal ganz zu schweigen.

Das schönste aber: Es war selbst Normexistenzen wie meiner egal. Ich habe selbst an der Seite meiner hochkompetenten Freundin, die direkt nebenan wohnte, vermutlich nie ein Spiel gewonnen, litt am Folgemorgen aber so verlässlich unterm beispiellosen Hangover, dass ich mich vermutlich ohnehin an keines erinnert hätte.

Das mag jetzt alles irgendwie nicht so verlockend klingen. Doch die Max Bar bezog ihren Charme aus etwas anderem als objektiv guter Unterhaltung: Ein Matsch aus kompromissloser Selbstzerstörung auf Zeit und dem Wissen, dabei in bester Gesellschaft zu sein, die für eine völlig irreale Durchmischung des Publikums sorgte und allen, wirklich allen ein Gefühl von Geborgenheit verlieh. Ich jedenfalls bin nirgends sonst jemals wieder mit so großer Freundlichkeit schlecht behandelt worden wie in der Max Bar.

Von der rauchigen Spelunke zum Nachbarschaftslokal

Auch deshalb waren Wut und Enttäuschung groß, als der Mietvertrag 2007 gekündigt wurde. Das Hafenklang veranstaltete fortan über Wochen Soli-Partys und Hardcore-Messen, doch nach einem Intermezzo namens Skorbut wurde die Max Bar durch ein Restaurant mit offener Küche ersetzt. Nichts gegen den „Krug“ übrigens; unter all dem Fancy Food des neuen Randkiezboulevards Paul-Roosen-Straße ist das Nachbarschaftskonzept darin fürwahr liebenswert.

Aber mit Punkrock hat das einstige Café eines Pornokinos, über dem 1960 nachweislich die Beatles gewohnt haben, weniger zu tun als der heutige Kiez mit Subkultur. Und machen wir uns nichts vor: das Gebäude ist trotz seiner fast 200 Jahre währenden, fast durchweg gastronomischen Geschichte dem Untergang geweiht. Da der Hamburger Denkmalschutz grundsätzlich nur schützt, was die Renditen meist ortsfremder Investoren nicht stört, werden die dreigeschossigen Bürgerhäuser eher früher als später durch doppelt so hohe Riegelbauten ersetzt.

Doch wer bis dahin die Nase vor Nummer 35 hält und aufmerksam die Luft einsaugt, wird ihn noch riechen – den Dunst aus Tausend Abstürzen einer Zeit, als nicht jeder Fußballprofi Irokese trug, sondern das Stammpublikum der letzten Punkerkneipe vor Ort.

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