Berlin vs. Hamburg: Warum gehen wir nicht mehr auf die Straße?

© Max Scharff

Hamburg war Mitte der Siebziger ein Zentrum der deutschen Punkszene. Noch heute schwärmen Rock n' Roll-Größen wie Pete Doherty von dem Flair der Hansestadt – von den Beatles mal ganz zu schweigen. Nahe der Innenstadt steht eines der letzten besetzten linksautonomen Zentren Europas und Hamburg steht für HipHop. Den Ruf nimmt uns keiner. Man könnte meinen in der Hansestadt geht es ziemlich rough, wild, ehrlich und tolerant zu – doch irgendwie passiert genau das Gegenteil, finde ich.

Letztes Wochenende haben sich in Berlin 25 Tausend Menschen versammelt, um die AFD "wegzubassen"

Wer "Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit" gesehen hat, der weiß: Berlin lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Sie sind taff, bunt, laut und dabei unglaublich liebenswert.

Natürlich, auch ich weiß, dass G20 vieles in Hamburg verändert hat (eine Bewertung der Situation vor, während und nach G20 überlasse ich bewusst jedem selbst).

Doch wie kann es sein, dass die Berliner bei der kleinsten Clubschließung, Mieterhöhung oder eben politischen Veranstaltung ihre Techno-, HipHop- oder RnB-Musikwagen in funkelnde Alufolie hüllen, sich zu Tausenden zusammenfinden, die Mucke aufdrehen und mit breitem Grinsen auf die Straße laufen, während wir vor unserem Ostfriesentee sitzen, warten bis das Schietwetter rum ist und uns über WhatsApp erzählen, wie unfassbar betroffen wir von der letzten Clubschließung sind, weil genau dieser Club – und kein anderer – schon immer unsere kreative Heimat war?

AFD Wegbassen

Hallo Herr Gauland,

Sie wirken auf mich immer so traurig und ich dachte es wäre nett, wenn Sie auch ein paar Eindrücke unseres bunten Zusammenseins sehen könnten. Sie waren ja leider verhindert und mit weniger schönen Sachen beschäftigt. Kommen Sie uns doch mal in einem unserer zahlreichen Clubs besuchen. Wir zeigen Ihnen dann auch wie das mit dem echten Lächeln geht. Versprochen!

Viele Grüße aus Berlin
Björn Mager

Video: www.bjoernmager.de
Musik: Claptone - The Drums (Din Daa Daa)

Posted by Björn Mager Videoproduktion on Monday, May 28, 2018

Oh doch, du kannst Hamburg – Nur warum willst du nicht?

Zu oft habe ich darüber nachgedacht, ob es einfach der Spirit der beiden Städte ist: Vielleicht catcht mich der Berliner Spirit mehr, als der Hamburger – vielleicht liegt es an mir? Nein, so ist das nicht. Ich liebe Hamburg, nach wie vor.

Besonders nach dem G20 Gipfel, bei den Aufräumaktionen, war ich garantiert nicht die Einzige, die der Zusammenhalt der Stadt eine dicke Gänsehaut beschert hat. Wir können es doch – warum machen wir es nicht viel öfter? Und warum nutzen wir diesen Zusammenhalt nicht einfach mal anders?

Uns sterben in Hamburg reihenweise die Clubs weg. Die Viertel werden gentrifiziert. Wer halbwegs zentral wohnen will, kann dies kaum noch ohne zwei Jobs alleine bezahlen. Leipzig gilt bereits als DAS neue kreative Zentrum Deutschlands.

Und ja, wir Hamburger finden das alles total daneben. Starten Petitionen auf change.org, erstellen uns Facebookseiten und machen uns in unseren Instagramstories Luft. Doch ich sage: Wir sollten raus vor die Tür gehen. Wir sollten uns unsere Freunde und deren Freundesfreunde schnappen und für das einstehen, was uns wichtig ist, damit wir Hamburg genau so am Leben erhalten wie wir es lieben und wie so viele andere Menschen Hamburg lieben gelernt haben.

Wenn du eine Idee hast, dann Schnapp dir deine Freunde und setzt sie um. Zusammen kann man viel erreichen!

Als ich davon erfuhr, dass nun jeden Montag Gegendemonstrationen zu den "Merkel muss weg"-Demos am Dammtor stattfinden würden, dachte ich: HELL YES! Endlich tut sich was. Aber das Glück war von kurzer Dauer und so wirklich laut aufgeschrien hat wegen der Gegendemos auch niemand, um es mit anderen Worten zu sagen "so richtig Wellen hat das auch nicht geschlagen".

So viele Fragen, so wenige Antworten

Woran kann das liegen? Sind wir zu faul? Geht es uns zu gut? Sind wir egoistisch? Oder ist an der norddeutschen Kühle doch was dran?

Ich kann nur für meinen Teil sprechen, wenn ich sage: Ich, als junger Mensch, der diese Stadt aktiv gestalten kann, bin jederzeit bereit mein Netflix zu schließen und mich für das stark zu machen, was wirklich wichtig ist – unseren Lebensraum, in dem sich jeder wohlfühlen sollte.

Brauchst du mehr Berlin, liebes Hamburg?

Die WELT titelte nach der "AFD Wegbassen"-Demo vorletzten Sonntag: "Warum wir wieder mehr Techno in Deutschland brauchen".

Vielleicht brauchst du wieder ein bisschen mehr Berlin, liebes Hamburg? Bevor du irgendwann endgültig zur Stadt der Millionäre an Alster und Elbe geworden wirst, die ihre Kreativen und Künstler selbst in andere Zentren verdrängt hat.

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