Wie wir konstruktiv mit den Geschehnissen des G20-Gipfels umgehen können

© Maria Kotylevskaja

Fünf Tage, ein Drama in drei Akten, das uns am Ende erschüttert zurücklässt. Mathieu von Rohr, stellvertretender Ressortleiter Ausland bei Spiegel Online hat unter Anderem den Arabischen Frühling vor Ort miterlebt und schreibt auf Facebook "Was steckt dahinter? Soziale Unzufriedenheit oder doch eher Langeweile, Lust auf Abenteuer, Hedonismus und Selbstinszenierung? Ich habe sehr wenige Antworten, aber sehr viele Fragen."

So geht es vielen. Fragen, auf die kein Wikipedia-Eintrag uns Antworten liefern kann. Deshalb sprechen wir darüber – um zu verarbeiten. Viel zu oft lesen wir dieser Tage jedoch auch wilde Beleidigungen, "Statements" von Privatpersonen die auf der Suche nach einem Schwarz-Weiß-Muster in zum Teil furchteinflößender Härte nach Strafen lechzen.

Nichts ist Schwarz-Weiß (von Marius)

© Maria Kotylevskaja

"Randalierer hatten Freitagnacht die Fensterscheibe zu einem O2-Laden aufgebrochen. Junge Männer leuchteten mit ihren Handys ins Ladeninnere, kistenweise trugen sie die Ware davon. Dann schob ein Linksradikaler einen Flachbildschirm mit Ständer über die Straße. Er nahm ihn nicht wie die anderen Plünderer mit nach Hause, sondern warf das Gerät ins Feuer. Sofort schlugen die Flammen hoch. Was war passiert? Konsumlust und Konsumkritik trafen in diesem Moment aufeinander." So beschreibt Spiegel Online Reporter Sven Becker die Szenen von Freitag.

Sie machen deutlich: Es gab diesen einen Mob, aber seine Teilnehmer waren weder ausschließlich Linksradikale noch Partykrawallmacher. Die Vermischung von Situationstätern, politischen Extremisten und Gaffern, die dann doch noch eine Ladung "kostenlosen" Rasierschaum aus dem REWE mitnehmen, ist im Nachhinein nicht wirklich auseinander zu halten. Deshalb sollten wir es auch nicht versuchen. Fakt ist nur, dass es passiert ist und dass es nichts mit Protest zu tun hat. Dass es schlecht ist – für alle.

Mit der gesehenen Gewalt umgehen (Von Franzi)

© Maria Kotylevskaja

Die eigene Stadt brennt, dort wo man eigentlich mit Kaffee oder Bier in der Hand sitzt, wird auf einmal geplündert und zerstört. Schwarz Vermummte schlagen Scheiben ein, rauben Läden aus, verbrennen Mülltonnen und schmeißen Flaschen. Plötzlich weicht das Heimatgefühl einem Gefühl von Unsicherheit, Angst und, ja, auch Wut gegen diejenigen, die die gewohnten und geliebten Straßen zerstören.

Doch was tun? Den Verhassten mit Hass begegnen? Sich ebenfalls bewaffnen und die Stadt „verteidigen“?! Nein, denn das wäre blindlings und würde das Unsicherheitsgefühl nur nähren. Stattdessen sollte sich darauf konzentriert werden, die Sicherheit wiederherzustellen – im Inneren, wie auch auf der Straße. Sich mit anderen über die Geschehnisse austauschen hilft, vor allem auch mit Fremden, nicht nur mit Freunden. Zusammen anpacken, nicht mit einem Kloß im Hals an der verbrannten Mülltonne vorbeilaufen, sondern sie beseitigen. Ein Solidaritätsgefühl entwickeln mit denjenigen, die ähnlich fühlen. Zerbrochene Scheiben lassen sich kleben, es sind die Menschen, die eine Stadt zur Heimat machen. Und die dafür sorgen, dass man sich in den Straßen wieder sicher und geborgen fühlt.

Den Maßnahmen der Polizei einschätzen (Von Andi)

© Maria Kotylevskaja

Der schwarze Block bei der Welcome-to-Hell-Demo wollte in Teilen die Vermummung nicht abnehmen – und die Polizei ging mit aller Härte gegen ihn vor. Rein rechtlich wurde es vom Polizei-Einsatzleiter legitimiert. Dennoch bleibt ein trüber Beigeschmack, denn neben den Vermummten wurden auch viele der umstehenden Demonstranten verletzt. Das Vertrauen in die Hamburger Polizei ist dadurch bei vielen nach diesem Wochenende nicht unbedingt gewachsen.

Auch abseits der Demonstrationen fühlte es sich unbehaglich an: Polizei-Karawanen an jeder Straße, teilweise wurden Anwohner auch mit gültigem Personalausweis nicht in die eigene Wohnung  gelassen. Die Stadt fühlte sich für ihre Bewohner nach Belagerung an, die aufgefahrenen Hundertschaften lösten oft mehr Unsicherheit aus, als ein Sicherheitsgefühl zu geben. Schutzlos fühlten sich viele, während sie stundenlang im Straßensperren ausharrten, während ein paar wenige, die Teilnehmer des G20-Gipfels, unter höchstem Aufgebot eskortiert wurden.

Klar ist, die Prioritäten, nach denen die Polizei während des Gipfels gehandelt hat, lagen nicht im Schutze der Bürger, wie auch der Hamburger Polizist Jan Reinicke im Video bestätigt. Beim nächsten Mal (und es wäre schön, wenn es dazu erstmal nicht kommt) wäre es im Sinne aller, dass der "normale Bürger" in diesem Stellungskampf nicht vergessen wird.

Gesehene Bilder verarbeiten (von Isabel)

© Maria Kotylevskaja

Schon mehrere Tage im Voraus wurde das Stadtbild von Polizei-Kolonnen auf der Straße, Hubschraubern am Himmel und Schlauchbooten mit bewaffneten Polizisten auf der Alster verändert. Ein Gefühl von Sicherheit beschlich dabei die Wenigsten. Mit einer so starken Präsenz der Staatsgewalt wurde natürlich gerechnet, aber einen Wasserwerfer neben dem anderen auf dem alltäglichen Weg zur Arbeit zu sehen, war dann doch viel einschneidender, als die bloße Vorstellungen davon. Hamburgs Optik litt schon da.

Und selbst wer beschloss die Stadt zu verlassen, den erreichten über die nächsten Tage verstörende Bilder. Was fängt man nun mit Fotos und Videos seines Hamburgs an, die Gotham City ähneln und wo es keinen Batman gibt, der die Bösewichte zur Rechenschaft bringt? Löschen kann man sie nicht und soll man auch nicht – drüber reden soll man.

Hamburg sieht nach der großen Aufräumaktion am Sonntag wieder relativ „normal“ aus – die Chaos-Bilder bleiben aber im Kopf. An vielen Orten auf der Welt sieht es genauso aus, wie in dem Hamburg von Donnerstag bis Sonntag, und das jeden einzelnen Tag. Jetzt, wo es vor der eigenen Tür brennt, rütteln die Bilder mehr auf – und zwar jeden. Was nicht vergessen werden darf: Aktionen fordern Reaktionen und ganz schnell wird aus einer friedlichen Weltstadt eine Stadt, die wenig mit Heimat zu tun hat. 

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