Ich hasse die Reeperbahn, aber liebe St. Pauli

© Mitch Altman via Flickr CC BY 2.0

Es ist kultureller Schlag in die Fresse, jedes Mal, wenn aus den Kaschemmen der Reeperbahn „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ von Hans Albers ertönt: ein Lied über einen fast schon romantischen Bummel über den Kiez, gepaart mit dem obligatorischen Sexismus der Sechziger Jahre. Einige Jahrzehnte später wurde die Romantik der Hamburger Schiffsfahrer ersetzt durch Erbrochenes, in Giraffen-Kostüme eingehüllte Junggesellenabschiede und pöbelnden Idioten mit Schreckschusspistolen.

Wissen, was einem entgeht

Es hat einige Jahre gedauert bis mir tatsächlich bewusst wurde, dass es direkt auf der Reeperbahn lediglich einen Laden gibt, den ich regelmäßig besuche: hier finde ich keine Menschen, die auf ihren eigenen Suff nicht klarkommen, weder Despacito noch Atemlos ertönt aus den Boxen, kein Korn-Cola und auch keine XXL-Cocktails sind hier im Angebot. Warum sind diese Charakteristika in fast jedem anderen Laden auf der Reeperbahn zu finden? Der Ort, der sich doch durch sein einzigartiges hanseatisches Flair auszeichnen soll, wo man in Kneipen noch echte Hamburger Originale findet und der sich durch eine authentisch-verruchte Atmosphäre auszeichnet? Es ist eine Lüge. Muss es sein, denn die Realität widert mich regelrecht an.

Die Sündige Meile – worin die Sünde lag, ist bekannt: Männer mittleren Alters suchen schnellen Sex. So knapp erklärt und so emotionslos wie die Sache an sich. Was Hamburger heute mit der Reeperbahn assoziieren? Schlägereien vor der Wodka Bombe, Diebstähle auf dem Hamburger Berg und das Pärchen für eine Nacht, dass es sich nach dem Erbrechen in den Hauseingang zusammen am Laternenmast bequem macht? Das Hotel wäre immerhin 200 Meter weit weg gewesen und somit keine Option.

Oasen im Ödland suchen – und finden

Die Reeperbahn als Synonym für St. Pauli zu gebrauchen ist für Menschen, die nicht aus Hamburg kommen, vielleicht Haarspalterei. Bei genauerer Betrachtung des Viertels – ob als Anwohner oder als Gast und Sympathisant sei erstmal dahingestellt – fällt auf, dass nördlich der Reeperbahn die Sonne schon heller scheint.

Dort ist es möglich, genau der Gruppe Menschen aus dem Weg zu gehen, die auf der Reeperbahn sind, um auf der Reeperbahn zu sein. Es ist sogar verhältnismäßig einfach. Spaziert man nach Sonnenuntergang zwischen Simon-Von-Utrecht-Straße und Stresemannstraße, finden sich genau die kleinen gastronomischen Oasen, die man im vollgekotzten Ödland der Reeperbahn vermisst: Bars, an denen es tatsächlich(!) noch Plätze am Tresen gibt, der Longdrink nicht in Plastikbechern verkauft wird und DJ Vollgas auch nicht DJ Vollgas heißt.

Der Stadtteil ist unweigerlich geprägt durch die Reeperbahn, das lässt sich nicht leugnen. Dennoch erfahre ich die Bereiche um die Reeperbahn mehr als Luke Skywalker, der sich aus dem Schatten seines abtrünnigen Vaters herauskämpfen möchte – für die gute Sache und die richtigen Tugenden: Geselligkeit, Freundschaft und friedliche Ausgelassenheit.

Das Verhältnis zum Stadtteil St. Pauli scheint mir ein riesiges Missverständnis zu sein. Ein Gang über die Reeperbahn wirkt im Nachhinein auch auf mich reinigend, da man dem Dreck den Rücken kehren darf, um über die imaginäre Grenze in Form von Detlev-Bremer-Straße, Hein-Hoyer-Straße oder Talstraße in den für mich erträglichen Teil des Viertels zu kommen. Und so bleibt ein Abend auf St. Pauli eine heftige Achterbahnfahrt der Gefühle – die zwar immer Spaß macht, ich aber dennoch am nächsten Tag sehr froh bin, alles verhältnismäßig heil überstanden zu haben.

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