Wir müssen den Herbstblues endlich ernst nehmen

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Wenn der Herbst langsam an Fahrt gewonnen hat, flutet nicht nur die klimatische Kälte die Stadt, sondern bei manchen Mitmenschen unter uns auch die emotionale Kälte. Seasonal Affective Disorder – kurz “SAD” ist der Begriff, den Mediziner gebrauchen für ein Phänomen, das vor allem in der kalten Jahreszeit auftritt: Herbst-, beziehungsweise Winterdepression.

Menschen werden “depressiv”, aufgrund der klimatischen Veränderung. Im Grunde genommen eine Anmaßung gegenüber jedem, der ernsthaft an Depressionen erkrankt ist; gegenüber jedem, dem auch die Sonne des Sommers und die Farben des Frühlings den Tag nicht retten können. Dennoch müssen wir anerkennen, dass es SAD gibt. Und auch müssen wir anerkennen, dass wir psychische Probleme unter unseren Mitmenschen nicht kleinreden dürfen.

Monotonie ist der Anfang vom Ende

Wer schon kurz nach dem Aufwachen ein tristes Grau zwischen den Vorhängen erblickt, mag seine Tagesgestaltung schnell abgearbeitet haben: Netflix hat wieder eine Unmenge an neuen Serien veröffentlicht, die Tee-Schublade ist auch berstend voll und dein Bett ist immer noch warm von den vergangenen zehn Stunden Schlaf.

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Frische Luft ist was für Verlierer!
(hoffentlich nicht) du.

Ein viel zu verlockender Gedanke, wenn man bedenkt, dass man sich auf Grund des Wetters einschließt und seine sozialen Kontakte nur auf die etwaigen Mitbewohner und den Pizzaboten beschränkt. Nach sechs Episoden und 1,5 Liter Kamillentee, lassen die Gedanken dann doch Platz für den Zweifel an der eigenen Tagesplanung. Ebenso ist Platz für den Zweifel daran, wie man die nächsten Stunden und Tage denn so verbringen mag und irgendwann dann vielleicht auch, was die nächsten Jahre so betrifft.

Im besten Fall ist der Blick aus dem Fenster ein leichter Anfall von Melancholie und Wehleidigkeit, den sich jeder Mensch ab und an mal zugestehen darf – vielleicht sogar sollte. Schließlich geht doch nichtmal der von sich selbst am überzeugteste Mensch jeden Abend mit süffisantem Gewinner-Lächeln ins Bett. Aus dem einen melancholischen Moment wird jedoch manchmal mehr. Zum Beispiel, wenn man mit dem Besuch bei Tee und Trashtalk sitzt, die Gedanken aber immer wieder aus dem Fenster wandern - raus in den grauen Hamburger Herbsthimmel. Die Daumen, die dein Gegenüber in diesen Moment runterdrücken, sind unsichtbar. Sie erfordern eine Spezialbrille, die sich Sensibilität nennt.

Passt verdammt nochmal besser aufeinander auf!

Ich begreife manchmal die Welt als eine, die von Zynismus und Sarkasmus überschwemmt wird. Eine Welt, in der der Tod Tausender tausende Kilometer entfernt keinen juckt und Teenager über geschmacklose Prank-Videos lachen. Eine Welt, die vermeintlich oberflächlich ist, tatsächlich jedoch emotional völlig abgestumpft zu sein scheint.

Feingefühl und Empathie für Mitmenschen werden in Zeiten, in denen jeder auf der Suche nach seinem eigenen Glück ist, irgendwie ad acta gelegt. Ein Anruf mehr im Monat oder das genauere Nachhaken, wenn mehr Seufzer als üblich über die Lippen des Anderen kommen, hat noch niemandem geschadet. Noch nie.

Doch wir schlendern durch den Herbst, laufen Slalom um Pfützen, mit Regenschirm in der einen und Smartphone in der anderen Hand und frönen der Oberflächlichkeit, während der Herbst deinen Kumpel noch häufiger darüber nachdenken lässt, was er denn mit seinem Leben anfangen soll. Stattdessen solltest du hineinspringen, in die Pfütze, und über das Sprechen, was wirklich Phase ist: Nämlich dass der Herbst verdammt eklig und unsere Gedanken manchmal eben so grau, wie der Himmel sind, doch das wir diese Jahreszeit am allerbesten zusammen verbringen sollten. Einen Serienmarathon kann man schließlich auch zu zweit laufen.