Hamburger Originale: Pola, die Anti-Fashionista aus der Kleiderei

© Maria Kotylevskaja

„Das sagen komischerweise alle, die das erste Mal hier sind.“, sagt Pola. Gerade sind Maria und ich oben in den Räumen der Kleiderei angekommen. Es fühlt sich komisch an, hier zu sein. Hier, das ist die Billhorner Brückenstraße 40. Jeder hat es schon einmal gesehen, aber dennoch wird dieses Gebäude meist nur links liegen gelassen. Fast wie Wahlplakate. Mitten auf der Fahrbahn steht es. Grau und etwas unwirklich begrüßt und verabschiedet es dort je nach Fahrtrichtung die Hamburger Autofahrer.

Der Mercedes-Stern auf dem Dach tut das Übrige, für diese seltsame Außenwirkung. Als Hamburgs kreativer Vorposten wurde es vor vielen Jahren mal im Abendblatt beschrieben. Das ist es heute immer noch. Neben Film-Produktionsfirmen und Ateliers ist es auch die Heimat der Kleiderei. In diesem Komplex findet sich ein kleiner Kosmos an Menschen, die keinem typischen 9-to-5-Job nachgehen.

© Maria Kotylevskaja

Angekommen im siebten Stock, nach einer ruckelnden Fahrt mit dem Aufzug, und ein paar Metern unter dem Markenzeichen des schwäbischen Automobilherstellers, fällt uns sofort der weite Blick über die Stadt auf. Zuvor muss aber das selbst gebaute Paletten-Podest erklommen werden, um überhaupt die richtige Höhe zu haben. „Möchtet ihr einen Tee?“, holt uns Pola wieder zurück in das Hier und Jetzt. Aufwärmen muss man sich zwar in diesen ersten Herbsttagen zum Glück nicht wirklich, aber gern.

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Auch hier in der Kleiderei gibt es viel zu entdecken: Die geräumige Fläche ist ziemlich zugestellt. Kleiderständer, Arbeitsflächen, Bügelbretter, Kisten. So klischeebehaftet es wohl sein mag, aber so chaotisch-kreativ stellt man sich es hier doch auch vor. Auf der einen Seite hängt die Girlande der letzten Feier, dort schauen uns die selbst angefertigten Mops-Masken der Praktikantin von der Wand entgegen. Die mittlerweile zehn Angestellten bringen im wahrsten Sinne Leben in diese Räume. Natürlich nimmt all das viel Platz weg.

Es war einfach eine Idee, die wir wahnsinnig gut fanden.
Pola

Daher werden sie in Kürze auch wieder umziehen. Schon das vierte Mal in knapp fünf Jahren. So schnell kann es gehen. Die Kleiderei wurde 2012 von den beiden Freundinnen Thekla Wilkening und Pola Fendel ins Leben gerufen. Ihr Motto: „Stil hast du, Kleider leihst du.“. Das Konzept hat sich wenig verändert: Gegen einen Monatsbeitrag können sich die Kundinnen Kleidung ausleihen. Das Ziel: weiterhin Spaß an Mode zu haben, ohne das System der Fast Fashion zu unterstützen. Angefangen auf St. Pauli, Schanze, sind sie nun in Rothenburgsort gelandet. Im Unterschied zur ersten Zeit findet der Tausch jetzt online statt.

Pola und Thekla kamen 2012 mit ihrer Idee genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Hype um das damalige Buzzword der Stunde „Sharing Economy“ erlebte gerade seinen Höhepunkt. Mittendrin neben weltweit operierenden Marken die beiden Freundinnen aus Köln, die mittlerweile in Hamburg leben. Plötzlich waren sie das Aushängeschild, das Paradebeispiel für Mode, aber auch für Hamburg. Es folgten Artikel und Reportagen. Das alles kann passieren, wenn man eine Idee bei einer abendlichen Flasche Wein hat.

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In Berlin wären wir sicher untergegangen.
Pola

Wenige Minuten später sitzen wir schon bei einem frischen Tee gemeinsam am Tisch. Nach einem ausgiebigen Persönlichkeitstest erhalte ich die Tasse mit den Delfinen. Wie haben sich die letzten Jahre für dich angefühlt? Pola schmunzelt. „Wir hatten einen Zeitgeist in uns, den wir gar nicht so gespürt haben. Aber es war einfach nur eine Idee, von der wir begeistert waren. Niemals hätten wir gedacht, dass all das passiert.“

Ein wichtiger Faktor: Hamburg. „Ich kenne es aus keiner anderen Großstadt, dass es so wenig Einzelkämpfer gibt. Vom Grundgefühl ist es aber eher immer ein Miteinander“. Eines das den beiden gerade zu Beginn die Unterstützung aus den unterschiedlichen kulturellen Bereichen der Stadt sicherte. „Es gibt eigentlich kaum Poser in Hamburg. Sondern es geht darum, dass man etwas Cooles macht und damit auffällt. Leider geht das nur nicht immer auf.“

Passend dazu unterbricht das Telefonklingeln unser Gespräch. Pola springt auf: „Wer ruft denn jetzt noch an?“ Am Ende der anderen Leitung wartet ein neues Projekt. Gerade erst war sie im Vorfeld der Fashion Week für Greenpeace in Mailand. Der Grundtenor: Die Modeindustrie in ihrer aktuellen Form funktioniert nicht - erstmal natürlich nichts Neues. Jedoch: Ein Teil der Lösung können Konzepte wie eben die Kleiderei sein.

Die Mode-Industrie ist ein Alptraum.
Pola

Ein Thema, bei dem Pola immer noch emotional wird. Deswegen ist für Pola die Kleiderei auch kein reines Mode-Projekt. Sondern etwas, das politische und soziale Konsequenzen hat. „Die Mode-Industrie ist ein Alptraum. Ich verstehe es nicht, dass wir in 2017 auf dieser Seite der Welt immer noch günstige Klamotten kaufen können, weil auf der anderen Menschen dafür versklavt werden.“

Seit ein paar Jahren findet der Verleih nur noch online statt. In den Kommentarspalten kam hier und da schon mal Kritik auf. Denn der Versand ist nicht grün. Es ist das alte Lied, einen Tod muss man sterben. „Ich glaube nicht daran, dass man jemals perfekt sein wird“, entgegnet Pola. Daher zählt bei der Kleiderei die Idee und nicht der erhobene Zeigefinger. „Wenn du zum Beispiel süchtig nach Shopping bist, ist ein erster Schritt doch schon, wenn du anfängst darüber nachzudenken, warum du so viel konsumierst.“, ergänzt Pola und fügt noch hinzu: „Die einzigen zwei Regeln sind für uns selbst: Bewusster Konsum ist immer die richtige Entscheidung. Und: generell von allem einfach weniger.“ Ein erhobener Zeigefinger ist da nicht das Richtige.

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PUSSY GRABS BACK – oder warum Solidarität so wichtig ist

Neben der Modewelt geht es Pola und Thekla aber auch noch um viel mehr. Mit _innen haben sie einen nicht-digitalen Stammtisch für junge Hamburger Frauen mitinitiiert. Zum einen geht es um einen praktischen Nutzen, um sich untereinander Jobs zu vermitteln. Aber auch intellektuell, durch Lesungen sowie Vorträge. Zudem gibt es eine Parallele zur Kleiderei: „Uns ist es als kollektiv wichtig, nach außen hin einen offenen Dialog zu haben und wichtige Fragen zu stellen.“ Das „PUSSY GRABS BACK“-Plakat an der Wand ist vielmehr mit einem Augenzwinkern zu sehen und galt damals als Antwort auf den amerikanischen Präsidenten. Als elitäre Gruppe, nur für Frauen, verstehen sie sich nicht. Auch hier suchen sie eher das Miteinander.

© Maria Kotylevskaja

Zum Ende des Gesprächs möchte Pola noch einige besondere Stücke aus der Kleiderei zeigen. Das Schöne ist, fast zu jedem gibt es eine eigene Geschichte. Eine ältere Dame kam in der ersten Zeit einmal voller Stolz bei ihnen im Laden auf St. Pauli mit einem ausgeschnittenen Mopo-Artikel vorbei. Darauf zu sehen: Ein Bericht über die Kleiderei. Im Hintergrund konnte man, zwar sehr klein, aber einen Hut erahnen. Den hatte sie Pola und Thekla kurz zuvor für die Kleiderei zur Verfügung gestellt.

Der Blick auf die Uhr verrät: Pola muss los, zur nächsten Veranstaltung, ins Island. Gemeinsam fahren wir in dem klappernden Etwas, das sich Aufzug nennt, nach unten. Kurz muss Pola überlegen, wie sie nun dorthin kommt. „Ach, ich habe ja unten noch ein StadtRAD stehen!“, fährt es plötzlich aus ihr heraus - Natürlich, womit auch sonst?

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