11 Phasen der Trauer im Hamburger Abstiegskampf

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Der gemeine Hamburger Fußball-Enthusiast hat schon mal leichtere Zeiten erlebt. Wer die letzten Jahre der beiden großen Hamburger Fußballclubs betrachtet, wird feststellen, dass Ambition vor der Saison immer großgeschrieben ist, Stagnation irgendwann ab dem zehnten Spieltag eintritt und Resignation irgendwann am dreißigsten. 11 Gedanken des gemeinen Hamburger Fußballfans in Form von 11 Phasen der Trauer heute und hier.

1. Was tue ich mir da an?

Wenn du in Süddeutschland geboren bist, ist es nicht abwegig FC Bayern Fan zu sein. Es könnte so einfach sein, doch du bist Hamburger. Die Zeiten, dass dein Club auf europäischer Ebene oder vielleicht mal in der ersten Liga gespielt hat, sind seit einigen Jahren vorbei. Willst du das überhaupt und ist dir der eigene Verein wirklich in die Wiege gelegt? Dein Gewissen plagt dich schon beim Gedanken an eine Alternative.

2. Die zweiten Mannschaften reißen einfach mehr

Ausgliederung der Profi-Mannschaft, Kloppereien der Profis am Hauptbahnhof und andere Blamagen musst du erdulden. Was macht die zweite Mannschaft? Dümpelt zwar in der vierten Liga rum, hält da aber wenigstens das was sie verspricht. Bier und Wurst im Stadion sind günstiger und du musst dich nicht um Tickets bemühen — ist ohnehin nie ausverkauft.

3. Warum dieser Grottenkick?

Ist man nicht ambitionierter als der SV Sandhausen oder dieser „Verein“ aus Hoffenheim? Deren Mannschafft ballert mal schnell den Spitzenreiter 0:3 beim Auswärtsspiel ab, angefeuert von 300 Familienvätern und ihren Söhnen, die sowieso früher oder später Fan vom BVB werden. Und du setzt dich stundenlang in die Bimmelbahn, säufst dir für deinen Verein die Hucke voll und brüllst dir die Seele aus dem Leib für ein 1:1 irgendwo in Baden-Württemberg. Fußball-Gott, halt einfach deine Fresse!

4. Liegt es an mir?

Aber ist das irgendwie richtig was ich da tue? Dass es mir als Fußballfan nach einem verlorenen Spiel noch bis montags kacke geht, ist kein Klischee, sondern die bittere Realität. Mit Kaffee in der Hand und der 1,5-Liter-Wasserflasche auf dem Tisch sitzt du im Büro, versuchst das Gesehene zu verarbeiten und deinen Nachdurst zu stillen. Wie Yoda versuchst du dich in Geduld zu üben. Immerhin ist man noch nicht abgestiegen und irgendwie hat man das Ruder bisher eh wieder rumgerissen. Bisher…

5. „Trainer XY raus! Du machst unseren Verein kaputt!“

Nüchtern runtergebrochen sind da deine 11 Helden auf dem Platz, die sich jedoch maximal wie der Sidekick irgendeines zweitklassigen Superhelden aufführen. Sei es drum. Wer die 11 Pfeifen nicht richtig einstellt, bei dem muss angefangen werden. „DER TRAINER IST SCHULD! RAUS MIT DEM!“. Aber kennen wir das nicht schon zu gut? Haben wir nicht zu oft den Hoffnungsträger rausgeworfen? Kann man sich mit dem aktuellen Trainer identifizieren? Zugegeben, der Stadtteil-Club wahrscheinlich ein wenig mehr als der Verein aus Stellingen. Oder brauchen wir Kontinuität und bleiben einfach mal ein bisschen beständiger? Jeder Jedi braucht seinen Meister, um zu wissen, wie man den Gegner wegsäbelt. So auch im Fußball.

6. Abstieg und wieder oben mitspielen?

Richtig bittere Angelegenheit. Immer noch ein paar Spieltage übrig und schon aufgeben? Der VfB Stuttgart zeigt, dass es auch mit Abstieg funktionieren kann: Die Hütte ist trotzdem voll, die Jungs auf dem Platz sorgen wieder für Euphorie. Aber Fußball-Deutschland weiß, dass dein Club in der richtigen Liga spielt, ja quasi sogar dahin gehört. Oder es einfach wie Darmstadt machen und kurz vor dem endgültigen Untergang dann doch nochmal anfangen Fußball zu spielen? Die Ansprüche sind wie du nach den folgenden acht Bier: am Boden.

7. Erneuerung der Szene

Während jeder Hans und Franz sich in „deiner Kurve“ breitgemacht hat, könnte ein Abstieg auch genau die vertreiben, auf die du sowieso keinen Bock hast: Die die sich über Bier aus Plastikbechern beschweren und die Halbzeitpause nutzen, um sich ein, vielleicht auch zwei Stücke Kuchen zu gönnen. Genau die, denen die zweite oder dritte Liga schon zu amateurhaft ist. Trainer bleibt – Kuchenfans raus!

8. „DIE WOLLEN DOCH, DASS WIR ABSTEIGEN!!!111“

Zwischen der Debatte um Tradition oder Kunstprojekt positionierst du dich im Zweifelsfall natürlich auf der Seite der Alteingesessenen. Während dir der Brauseclub aus Leipzig jedes Wochenende mit den nächsten 3 Punkten die Nase langmacht, hältst du deine braun-weiß-rot-blau-weiß-schwarze Fahne in den Wind und stehst zu deinem Club, deiner Kurve und deinen Werten. Irgendwann wird auch dein Club wieder die goldene Ära einläuten, auch wenn es deine Enkel erst sehen.

9. Ehre wem Ehre gebührt?

Während der treue HSV-Milliardär jedes Jahr eine Million nach der anderen in den Verein buttert, hat die Sache doch erstmal ein solides Fundament — oder doch nicht? Nein! Du willst, dass die Truppe, die dein Logo auf der Brust tragen darf auch die Sache klarmacht. Ob da vorne Pierre-Michel oder Cenk die Buden machen, sei erstmal dahingestellt. Wenn sie mir zeigen, dass sie Bock auf deinen Verein haben, dann hilft das mehr, als jede Million vom Investment-Mogul.

10. Der ungewollte Bruder

„Die Blöße darfst du dir nicht geben!“. Während der „Zeckenverein“ hofft, dass nach über 50 Jahren der „Vorstadtclub“ endlich die große Bühne der Bundesliga verlässt, sieht es umgekehrt nicht anders aus. In der Kneipe sagst du Erwin und Hannes noch, dass es dir doch scheißegal ist, was die Anderen über dich und deinen Club denken. Insgeheim hast du aber keinen Bock auf die Hänseleien im Büro oder in der Kneipe, wenn du dir kommende Saison dein Trikot wieder überstreifst.

11. Fußball bleibt Fußball

Du betrittst mit deiner Meute die Kurve und riechst bereits den gezündeten Bengalo oder den süßlichen Geruch deines berauschten Stehplatz-Nachbarn. Die ersten Wegbiere sind schon vertilgt, haben nicht nur ihren Zweck erfüllt, sondern dazu auch noch geschmeckt! Deine Gedanken kreisen irgendwie um gar nichts mehr, denn du blickst aufs Spielfeld und fühlst einfach nur das, was du immer fühlst. Das gleiche Gefühl hast du auch, wenn du die A7 Richtung Norden fährst und die ersten Hafenkräne siehst. Gänsehaut und ein kleines Lächeln, ob du nun alleine im Auto sitzt oder die Stufen zu deinem Platz erklimmst. Was nicht mehr und nicht weniger wie Pathos klingt, ist genau das Gefühl, weshalb du weißt warum du hier stehst. Du gehörst hier hin und dass auch nach dieser Saison. Und in der danach auch.

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