Hamburg und der G20: Eine Stadt tanzt sich frei

Dieser Tage fühlt sich Hamburg anders an. Nicht nur, dass die Straßen gesäumt sind von Polizeiwagen und öffentliche Plätze und Bahnhöfe von Polizisten bewacht werden – man spürt die Anspannung in der Stadt. Sie liegt wie ein Mantel über dem Alltag, vor allem zwischen Hafen und Schanze. Kaum ein Medium, das nicht Schritt für Schritt beurteilt und berichtet, was Tag für Tag passiert. Wir sitzen auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit und es fühlt sich komisch an.

Die Welt schaut auf Hamburg, doch sie schaut nicht auf die Hamburger

Was jedoch nicht in den Kommentare, Berichte oder Analysen steht, ist der Hamburger Protest-Spirit. Doch dieser ist es, der mich in diesen Tagen am meisten beeindruckt. Da werden tausende Polizisten in die Stadt geordert - ein Bild der Polizeigarage zeigt 23 Wasserwerfer, insgesamt elf Polizeihubschrauber sind über der Stadt im Einsatz - und bauen so ein bedrohliches Gewaltszenario auf. „Sie können ja dagegen klagen“ - das Statement zu den rechtswidrigen Einsätzen der Polizei von Hartmut Dudde, der den Einsatz zum G20-Gipfel leitet, klingt wie eine Kriegserklärung an Demonstranten - und soll es wahrscheinlich auch sein.

Es soll deutlich gemacht werden: Wir haben hier die Oberhand, Widerstand ist zwecklos. Das erst im Nachhinein genehmigte Vorgehen gegen die Protestcamps ist ein Paradebeispiel für diese Machtdemonstration und schürt die Erwartungen an die große Eskalation.

Wir sind widerstandsbereit, aber nicht gewaltbereit.

Und wir Hamburger? Bleiben ruhig. Hanseatisch unbeeindruckt stehen wir zwischen den beiden Gewaltfronten. Weder sympathisieren wir mit Wasser- noch mit Flaschenwerfern. Stattdessen tanzen und trinken wir, stellen Sofas auf die Wohlwillstraße, setzen uns dorthin, wo die Welt uns sehen kann - zu Tausenden. Wir sind widerstands-, aber nicht gewaltbereit. Es herrscht ein Zusammenhalt, der Meinungsverschiedenheiten überwindet, der den Schanzenhipster mit den Alteingesessenen verbindet.

 

© Blip Photo

Denn eines sollte der Weltöffentlichkeit, die dieser Tage auf die Stadt blickt, klar sein: Hier leben Menschen, die kein Interesse an Gewalt haben – egal wie sie aussieht. Wir lassen uns nicht zum Spielball der ein oder anderen Seite machen, wir ziehen unser Ding durch. Das ist Hamburg, hier regnet es 200 Tage im Jahr, dagegen können wir auch nichts machen – doch unterkriegen lassen wir uns deshalb noch lange nicht. Wir reden es uns schön und wenn es hart auf hart kommt, dann tanzen und trinken wir es uns schön.

Ich bin nicht in Hamburg geboren, doch ich lebe hier, und ich bin beeindruckt. Vom Ideenreichtum des kreativen Protests der Stadt. Dieser Protest, der sich gegen das richtet, um was es bei Protest doch eigentlich geht: Unrecht anzuprangern – auf friedliche Art und Weise.

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