Fabio, G20 und die Polizei – warum wir immer noch daraus lernen müssen

© PT-lens via Shutterstock

Seit dem 27. November ist der seit Anfang Juli in U-Haft sitzende Fabio V. gegen 10.000 Euro Kaution vorerst auf freiem Fuß. Eine zunächst erfreuliche Nachricht. Im Kontext dessen, dass der junge Mann monatelang auf Grund des reinen Verdachts festgehalten wurde, nichts anderes als eine Selbstverständlichkeit. Wir sollten uns nicht an solche Zustände gewöhnen müssen. Und schon gar nicht dürfen wir in eine Form der Selbstjustiz abdriften, die auf Genugtuung basiert.

Blindes Vertrauen

Neben Astronaut, Ritter oder Feuerwehrmann war der Beruf des Polizisten als Kind erstrebenswert: man darf Sachen bestimmen, die Uniform sieht cool aus und man kann sogar mit einer echten(!) Knarre auf Ganoven schießen. Das ist ok, denn immerhin hüten Ordnungshüter ja die Ordnung, sonst würde man sie ja nicht so nennen.

Wie mit der herrlich-naiven Wunschvorstellung eines Kindes, verhält es sich auch mit dem blinden Vertrauen vieler mündiger Bürger in die Hamburger Polizei: im Grunde genommen eine Institution, die funktionieren kann – sich dazu jedoch viel zu viele Fehltritte erlaubt und im Fettnäpfchen-Slalom-Parkour leider zu häufig mit Ach und Krach durchfällt. Aktive Fußballfans, zu viele people of Color und – in unserem Fall – vor allem Teilnehmer der Welcome-To-Hell-Demo vom 6. Juli können ein Lied davon singen.

© Tim Sohr

Jetzt befinden wir uns in folgender Situation: der 18-Jährige Fabio saß hinter Gittern – für mehrere Monate, ähnlich wie viele weitere Demonstranten gegen den Gipfel der politisch Mächtigen dieser Welt. Die Beweislage ist an Banalität kaum zu überbieten: Fabio soll lediglich an der Demonstration teilgenommen und “szenetypische Kleidung” getragen haben. Ob er tatsächlich gewaltsam gegen die Polizei agiert hat, ist nicht belegt. Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben mit Fabios Festsetzung umzugehen.

Grenzenlose Solidarität mit der Polizei und Fabio am Pranger

“Und wieder knickt der Staat bzw. die Justiz vor schäbigen, linken Terroristen ein”, lautet die wenig-fundierte Meinung eines Facebook-Users zu einem Artikel über Fabios Entlassung bei Spiegel Online. Beiträge wie diesen finden sich tausendfach in Social Media – sie setzen keine besonderen Recherche-Fähigkeiten voraus, um gefunden zu werden. “Die Antifa” sei eine terroristische Vereinigung und Polizisten setzen sich ja für “unser Volk” ein.

Ich habe ein Problem damit, diese Aussagen überhaupt als Meinung zu begreifen. Um mir eine Meinung bilden zu können, brauche ich die nötigen Fakten, sonst blamiere ich mich bis auf die Knochen – genauso wie es besagte Facebook-User tun. Meinungen wie diese strotzen nur so vor Unterstellungen und schlecht versteckter Verachtung für Menschen, die vielleicht(!) einen Fehler begangen und somit scheinbar ihr Recht auf ein Leben in der freien Welt verspielt haben. Menschenfeindlicher kann ein Trugschluss kaum sein.

BULLENHASS!!!11!!!1!

Polizeigewalt lässt sich auch Monate nach der Demonstration nicht leugnen, nicht legitimieren und schon gar nicht unter den Teppich kehren. Rechtfertigt das jetzt einen unsachlichen Umgang mit der Polizei? Nein, ebenfalls nicht. Die Kunst liegt im Feingefühl für die Sache: Kritik an der Hamburger Polizei muss fundiert sein, ebenso wie Kritik an Staatsanwaltschaft, Senat und Justizsystem an sich.

© Florian Bausch via flickr, CC BY-SA 2.0

Welchen Fehler wir nicht machen dürfen: den ähnlichen Umgang mit der Hamburger Polizei finden, den bereits Internet-Rambos mit Fabio suchen: ohne zu überlegen los pöbeln und jeden über einen Kamm scheren. Konstruktive Aufarbeitung ist das Zauberwort: warum kritisieren wir die Cops? Warum ist die Welcome-To-Hell-Demo eskaliert? Warum mussten wir vor Ort blutende Menschen sehen und hören?

Einfach mal schlauer sein

Argumente können erst ausgehen, wenn die Haltung zu Dingen nicht fundiert genug ist. Ein stichfestes Netz an Argumenten ist schlussendlich die Waffe, mit der wir “denen da oben” und den ewig brüllenden Menschen im Internet begegnen sollen. Nur so erreichen wir die nötige und angebrachte Aufmerksamkeit für unzumutbare Zustände wie die des Fabio V.

Sags deinen Freunden: