Clubs von gestern: Schilleroper (2003-2006)

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Ouvertüre, Szenen, Arie, Rezitativ, noch mehr Arien, Pause, noch viel mehr Arien, schließlich das Finale, gern mit Knalleffekt, seltener dezent im Ausdruck, dann geht das Licht an oder aus, je nach Perspektive – wer den Aufbau handelsüblicher Opern kennt, versteht vielleicht ein bisschen besser, warum die mit einem berühmten Dichter davor im Herzen von St. Pauli heißt, wie sie eben heißt: Schiller-Oper. Seit 1889 ragt die Rotunde aus den schönen Gründerzeithäusern (besser: der zierklinkerfaden Ödnis ihrer Nachfolger) hervor und hat in 138 Jahren so viele Akte von grotesker, oft aber auch unterhaltsamer Theatralik erlebt, dass man mit dem Repertoire fast alle Opernhäuser Berlins über Jahre hinweg bespielen könnte. Zu schade, dass aus dem Singspiel längst ein Trauerspiel geworden ist.

© Andreas Baur

Tapfer Haltung bewahren in all der Tristesse

Wer heute vom Neuen Pferdemarkt aus quer ins Wohnviertel eintaucht, Lerchenstraße zur Rechten, Weg beim Jäger zur Linken, stößt unweigerlich auf einen der tristesten Orte dieser an tristen Orten keineswegs armen Stadt. Mit zahnsteingelbem Wellplastik nur halbherzig verkleidet, ringt der historische Zirkusbau tapfer um Haltung. Die Dächer löchrig, die Fenster verrammelt, die Mauern labil; allein das Gesamtkunstwerk unterschiedlich schöner Street Art verleiht dem Ensemble einen Anflug von Wärme. Optisch ist Bukarest hier nach Jahren mutwilliger Verwahrlosung durch die Besitzerin näher als, sagen wir: die Speicherstadt.

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Pläne für die Zukunft der historischen Stätte

Dort nämlich hat die renditenbewusste MMM Kajen Verwaltungs KG, an deren Sitz zufällig auch die Schilleroper Objekt GmbH residiert, gewiss ein paar Kunden mehr als im Umfeld ihres heruntergekommenen Spekulationsobjektes. Beteuerungen vom CEO – so heißen Geschäftsführer in diesen Kreisen – Andreas Masan, es gehe bei der „Hommage an die alte Schilleroper“ um „anspruchsvolle Architektur und bezahlbare Mieten für eine kulturell vielseitige Lebenswelt“ sind daher mit Skepsis zu begegnen. Vom Erhalt des spektakulären Gebäudes, das 1891 als fester Standort vom berühmten Zirkus Busch eröffnet wurde, ist schließlich kaum noch die Rede.

Geld schlägt Gefühl. Mal wieder.

Auf einer Infoveranstaltung Ende Juli hat Bezirksamtschef Falko Droßmann den Antrag auf Entzug des Denkmalschutzes vehement verteidigt. Eine Restaurierung Hamburger Art – totaler Abbruch, leere Versprechen, maximaler Ertrag – ist somit erneut ein paar Prozent wahrscheinlicher. Selbst wenn die Resolution dagegen genügend Anhänger findet, könnte die Abrissbirne dem Einsturz also doch noch zuvorkommen. Geld schlägt Gefühl. Mal wieder. Es ist zum Haare raufen. Aber auch ein guter Grund, sich in jenes Paradies zu träumen, das vor gar nicht allzu langer Zeit kurz blühte.

© Andreas Baur

Es war einmal: Ein Club, verranzt und schön

Was hatte in den Jahrzehnten zuvor hier nicht alles Unterschlupf gefunden: Wanderarbeiter und Obdachlose, Raver und Ratten, Motorradartisten und Afghanistanflüchtlinge. Doch nach dem Scheitern diverser Sanierungspläne tat die Hamburger Subkultur das, worin sie bis heute großartig ist: 2003 machte sie aus dem verwaisten Ort einen dieser herrlich verranzten Clubs mit begrenzter Lebenserwartung, an dem besonders die queere Community der näheren Umgebung heimisch wurde.

In seiner schnodderigen Antipracht war der Laden ein totales Kuddelmuddel.

Im Winter gewärmt vom feiernden Mob, wurden die rauschenden Partys ab Mai durch Hunderte von Lücken im Dach angenehm gekühlt. Und wenn nicht eine der vielen Dichterlesungen für überschaubaren Besuch sorgte, war besonders die Strecke vom Eingang legendär. Am episch langen Tresen vorbei brauchte man für die 15 Meter mindestens ebenso viele Minuten ins Innere, so staute sich das Publikum auf dem Weg zu Bühne oder Plattentellern – wo auch immer sich beides grad befand, um vom fetten Hamburger Schulkonzert bis zum abseitigen DJ-Set die ganze Welt der Feierkultur abzustecken.

In seiner schnodderigen Antipracht war der Laden ein Kuddelmuddel aus alten Sitzgruppen, diffusem Licht und reichlich Platz für alles außer Struktur. Das war besonders für Kreative, die sich ihr Equipment oft Minuten vorm Auftritt selber zusammen suchen mussten, schon mal anstrengend. Aber eben auch von so archaischer Kraft, dass man jedes Organisationsdesaster individuell zum Teil der Performance erklärte wie das Oberlicht durch die zerbrochenen Fenster hoch über den Köpfen.

Ein Gebäude wie das Viertel an sich

Leider waren aber genau sie einer der Gründe, warum das Intermezzo nach knapp drei Jahren beendet wurde. Für baurechtlich gebotene Reparaturen fehlten die Mittel, der Vertrag mit den zwei Pächtern lief Anfang 2006 aus, das war’s mit einem der unterhaltsamsten Clubs jener Tage. Sein Name überm verwitterten Eingangsdach erinnert noch heute an damals. Der Anfangsbuchstabe auf dem verwitternden Putz fehlt ebenso wie ein „l“ in der Mitte. So wirkt die "hileroper" längst wie das Viertel ringsum: Stück für Stück zerrupft, ist es so eben noch zu erkennen. Es sei denn, weitere Teile werden entfernt. Teile wie die Schilleroper.

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