Clubs von Gestern: Siff, Punk, "Marquee"

Die Künstler | Courtesy: Mirko Reisser | Photo: MRpro

Die Erinnerung treibt mitunter seltsame Kapriolen. Selbst Dinge, die früher mal zum eigenen Alltag zählen, ändern darin bisweilen ihre Gestalt, das Wesen, manchmal sogar den kompletten Ort. Das Marquee zum Beispiel, eine der Legenden hanseatischer Club-Kultur besserer Zeiten: Im Gedenken diverser Gäste, wandert es schon mal von der Friedrichstraße 30 Meter landeinwärts die Balduin- runter zur Silbersackstraße, wo sich mit der Tanzhalle St. Pauli einst ein weiteres Partymonument der Gegend befand. Weil dort jedoch vor allem elektronische Musik statt Rock der härtesten Gangart gespielt wurde, ist die Verwechslung demnach optischer Natur. Einerseits.

Andererseits waren sich die zwei annähernd baugleichen Live-Clubs dank ihrer exponierten Ecklage nicht nur äußerlich zum Verwechseln ähnlich; bis auf den völlig verschiedenen Stilmix hatten sie auch inhaltlich einiges gemeinsam. Wie in der Tanzhalle war es gegenüber der unverwüstlich eichenrustikalen Spelunke Nordlicht schon bei halber Befüllung unfassbar eng, das Raumklima bereits Minuten nach Einlass zum Schneiden, die Bühne selbst relativ weit vorne nur schwer einsehbar und der Sound bisweilen so mies, dass Alec Empire bei einem der frühen Konzerte von Atari Teenage Riot dem Publikum genervt angeboten haben soll, doch besser in seinem Wagen vor der Tür weiter zu feiern. Da könne man die Anlage nämlich lauter drehen. Punkrock eben. Nicht schön, eher schön scheiße.

Nicht schön, eher schön scheiße

Das also war der Geist des Marquee, wo sich – noch so ein Gerücht – zuvor angeblich ein S/M-Club befunden hat. Ein unnachahmlicher Ausdruck tief sitzender Abneigung gegen alles Perfekte, das gerade in diesem Laissez Faire grandiose Funktionalität erzeugen konnte. Auf vielleicht dreifacher Wohnzimmergröße reichten sich schließlich nicht nur die Granden von Hardcore bis hin zu Drum’n‘Bass das Mikrofon in die Hand; es gab auch Platz genug für eines der gewaltigsten Konzerte des Post-Beatles-Kiezes. Im Juni 1992, um genau zu sein: Faith No More! Als die Posterboys des Grunge gerade jede Arena des Erdballs füllten und jede Stunde auf MTV zu sehen waren, gaben sie als Aufwärmprogramm des ausverkauften Sporthallen-Konzerts einen Geheimgig im Marquee. Wobei – geheim…

unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut

Schon Stunden vorher staute sich bis zum Hans-Albers-Platz ein Menschenmeer, das die Riege bulliger Bodyguards höchst subjektiv ins Innere kanalisierte. Es war unsagbar voll, unsagbar stickig, unsagbar laut und doch verstand man Mike Patton bestens, als der total dehydrierte Sänger vom Bühnenrand flüsterte, in Clubs wie diesen fühle er sich wie damals, als ihm seine Mama morgens im Winter unter der Bettdecke die Socken angezogen habe, damit er nicht friere oder so ähnlich. Was einmal mehr zeigte: Anders als das berühmte Londoner Clubvorbild, in dem Dutzende Weltkarrieren wie 1962 die einer blutjungen Nachwuchsband namens Rolling Stones ihren Anfang nahmen, war das Marquee zu Hamburg gar nicht vordringlich als Talentschmiede bekannt.

Hier atmeten (ab)gestandene Stadionrocker gern kurz hinterm Zenit ihrer Weltkarrieren noch mal geschnitten Clubluft

Im Gegenteil: Wachsende Genregrößen wie die Queens of the Stone Age statteten dem Laden zwar offenbar schon lange vor ihrem Durchbruch eindrücklich Besuch ab, und als Jungle im allgemeinen Sprachgebrauch noch eher für verregneten Urwald als eine besonders hitzige Spielart der Breakbeats stand, wurde dazu bereits regelmäßig im Marquee gezappelt. Mehr aber noch atmeten (ab)gestandene Stadionrocker darin gern kurz hinterm Zenit ihrer Weltkarrieren noch mal geschnitten Clubluft.

Die Stoner-Stars Kyuss etwa stellten, um dem Massenandrang gerecht zu werden, ein paar Boxen vor die Tür und machten aus allem dahinter den halb offiziellen Bootleg ihrer Spätphase. Ansonsten jedoch wurde das Instrumentarium noch viel, viel robuster malträtiert. Mitte der längst grungemüden Neunziger machte besonders der heutige Hafenklang-Kopf Thomas Lengefeld das Marquee als Booker zur deutschen Herzkammer von allem, was Noise machte. Integrity, Turmoil, Turbonegro – es schepperte gehörig in den vier lückenlos vollgeschmierten Wänden in Methgebiss-Ocker. Und falls es mal nicht schepperte, ging es durchaus besinnlich zur Sache: die linksalternativen Glaubensbrüder der „Jesus Freaks“ hielten am Hafenrand regelmäßig ihre gottesfürchtigen Rockmessen ab.

Da hingen immer so Langhaarige rum und ham gekifft

Bis, ja bis die Abrissbirne kam. Denn wo der Flachbau ein Jahrzehnt Hamburgs Independent-Szene prägte wie sonst allenfalls Grünspan oder Molotow, steht nun ein Wohnungsblock im ortsüblichen Schuhkartondesign. Und dieser Stellungswechsel ist so lange her, dass sich das Nordlicht-Publikum gegenüber gar nicht mehr ans Marquee erinnern kann. „Da hingen immer so Langhaarige rum und ham gekifft“, kriegt man dort zu hören, wo sich ein Stück altes St. Pauli gegen die Aufwertung wehrt. Wenn es seinerseits den Kampf verloren hat, wird man sich daran womöglich noch kürzer erinnern als ans Marquee, einer Clublegende mit seltsam verwaschenem Stempel im kollektiven Gedächtnis.

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