Alle Jahre wieder: Weihnachtsessen mit deinem rassistischen Großonkel

Abgehetzt steigst du in den ICE am Hamburger Hauptbahnhof ein. Du findest einen freien Platz, lässt dich fallen und schon fährt der Zug los. Deine Eltern hast du seit Monaten nicht gesehen - und so ein Besuch in der Heimat ist gerade an Weihnachten immer eine gute Möglichkeit, mal richtig auszuspannen. Und doch hattest du bereits in der U-Bahn so ein ganz komisches Grummeln im Magen. Das mag daran liegen, dass du dich in den stressigen letzten Dezemberwochen fast nur noch von Snickers ernährt hast. Das mag aber auch daran liegen, dass man wie jedes Jahr nicht um die erweiterte Familie herumkommt. Und damit auch Großonkel Helmut, der am Esstisch sitzen, ein paar Schnäpse zu viel trinken und dann seine rassistischen Spitzen ablassen wird. So wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Und wie eigentlich immer, wenn du ihn siehst.

Ein Weihnachtsessen in drei Gängen.

Vorspeise.

Oma stellt die riesige Salatschüssel hin. Sonst gab es immer irgendeine Cremesuppe als Vorspeise, dieses Jahr gibt es Salat. Weil Janine Low Carb macht und Petra Low Fat und weil man ja einfach mal was Neues ausprobieren kann. Von allen anderen leises Gemurre, das von Opa mit einem "Seid froh, dass Oma den ganzen Tag in der Küche stand" abgewatscht wird. "Unsere Nachbarstochter heiratet jetzt einen Syrer", kommt es von der gegenüberliegenden Tischseite. Onkel Helmut. Dir rutscht das Herz in die Hose, denn du weißt, welche Diskussion jetzt kommt. "Ich sach mal, wo die Liebe hinfällt...", wirft Oma ein. Nicht cool. "Liebe - dass ich nicht lache!", kommt von Onkel Helmut zurück. "Der will doch einfach nur hierbleiben!". Du kannst dich nicht zurückhalten. Ob er ihn mal kennengelernt habe, fragst du. "Das hört man doch immer wieder...". Wie er darauf komme, fragst du nach. "Die wollen doch nur abgreifen", murmelt er in seinen Salat. Du wusstest schon vorher, dass er problematische Ansichten hat. Aber so direkt hat er noch nie darüber geredet. Nun - AfD und Konsorten haben ihren Job anscheinend erledigt.

Hauptgericht.

Beim Hauptgericht hat sich die deftige Fraktion durchgesetzt. Die Knödel werden aufgetischt, die Bratensoße riecht fantastisch, der Rotkohl dampft. Dir ist mittlerweile leicht übel. Du fürchtest dich vor dem, was jetzt unweigerlich kommen muss. Schon keimt die Hoffnung, dass es übergangen wird, doch dann - "Und jetzt auch noch der Terroranschlag in Berlin...", brummt Onkel Helmut. Du hörst deine Mutter neben dir scharf einatmen. Deine Cousine macht sich zum Gegenschlag bereit. Da sprudelt es bereits aus dir heraus: "Das ist doch genau das, was erreicht werden soll. Und Leute wie du lassen sich von der CSU-Rhetorik beeindrucken. Zum Kotzen!". Dir wird heiß. "Ohne die Flüchtlinge wäre das nicht -", setzt Onkel Helmut an und wird direkt von deiner Cousine Janine unterbrochen. "Das stimmt doch überhaupt nicht. Vor genau so etwas flüchten die doch!". Allen am Tisch merkt man die Anspannung an. "Sei doch mal menschlich! Was ist denn los?"

Nachtisch. 

Während die anderen am Tisch wahlweise angestrengt in ihr Essen starren oder einer der beiden Seiten beispringen, entwickelt sich das Weihnachtsessen einmal mehr zu einer unerfreulichen Angelegenheit. Oma ist völlig aufgelöst ("Einmal im Jahr könnt ihr euch doch wohl vertragen, Kinder...") und räumt den Tisch ab. Als der Streit seinen Höhepunkt erreicht, kommt sie mit einer riesigen Schüssel Mousse au Chocolat wieder ins Esszimmer. Du hast die letzten 45 Minuten damit verbracht, Argumente zu untermauern. Gründe zu hinterfragen. Rassismus zu benennen. Nun hilft nur noch Schokolade. Das sieht der Rest des Tisches genauso. Schweigend wird der Nachtisch gegessen, bevor du dich mit deiner Cousine und deiner Mutter aufs Sofa verziehst, möglichst außer Hörweite der anderen.

Man kann mit Rassisten diskutieren. Man sollte sogar. Umso schwieriger, wenn sie zu der eigenen Familie gehören und wenn jede einzelne Zusammenkunft so abläuft. Vielleicht merkt man, dass die betreffenden Familienmitglieder einfach stumpfe Parolen nachplappern. In dem Fall ist eine Diskussion umso lohnenswerter. Vielleicht wird aber auch irgendwann klar, dass sie zum richtig harten Lager gehören - und in diesem Leben nicht mehr zu überzeugen sind. Rassismus muss immer wieder klar benannt - und dann vielleicht der Kontakt zu der Person auf das Minimum beschränkt werden. Familien sind kompliziert und nicht immer kann ein Kontaktabbruch "einfach so" erfolgen. Aber vielleicht wird das Geschenk für Onkel Helmut im nächsten Jahr ja eine Spende an Hass Hilft. Oder an Sea-Watch. Oder an Pro Asyl.

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