Vier Generationen Hamburger Hutmacher: Ein Besuch bei der Familie Falkenhagen

© Hut Falkenhagen

Sabine Falkenhagen, 52, lehnt an der edlen Glasvitrine mit Filzhüten, leichten Schals und historisch-inspirierten Tweed-Mützen und betrachtet versonnen alte Bilder. „Sehen Sie“, sagt sie schließlich und zeigt auf ein kleines Farbfoto. „Früher war der Laden bis oben voll mit Hüten.“

Mit früher meint die Geschäftsfrau – groß gewachsen, elegant gekleidet, dezenter Schmuck – die 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals war der Laden ihrer Familie schon von der Bleichenbrücke in ein Geschäft nahe des Hamburger Rathauses umgezogen. „Da wurden die Ladentische aus Holz durch schreckliche 1980er-Jahre-Tresen ausgetauscht“, erinnert sich die Kauffrau.

© Hannah Schifko

Die Zeiten ändern sich. Bis zu fünfmal ist Hut Falkenhagen im Laufe seines 100-jährigen Bestehens bereits umgezogen. Zuletzt vor zwei Jahren, als der ehemalige Verkaufsraum in der Großen Johannisstraße einem Neubau zum Opfer fiel. Heute residiert der hanseatische Traditionsbetrieb, der seit 1913 in 4. Generation Hüte und Mützen vertreibt, nur einen Steinwurf entfernt: in der Schauenburgerstraße 47, dem sogenannten Skandinavienhaus.

Die stilvolle Einrichtung macht dem Titel des Gebäudes alle Ehre. Auf weiß- und naturfarbenen Verkaufstischen stapeln sich ausgewählte Hutmodelle, schräge Deckenlampen sorgen für nordisch noble Lichtverhältnisse und an den Wänden vermitteln Schwarzweißportraits urbanes Flair. Von dem liebevollen Chaos vergangener Tage fehlt jede Spur. Der aufgeräumte Laden wirkt so als wäre er schon immer da gewesen.

© Hannah Schifko

Best of both worlds

Unternehmensgründerin Anna Falkenhagen

Altes gepaart mit Neuem ist für die Urenkelin der Unternehmensgründerin Anna Falkenhagen aber kein Widerspruch. „Wir werfen nichts weg“, versichert Falkenhagen während sie versiert die Glastür eines alten Verkaufsschranks auf- und zuschiebt. Ihre Urgroßmutter hat den Betrieb Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schanzenstraße auf St. Pauli gegründet.

Die aufpolierten Eichenregale mit Schiebetüren stammen quasi aus dieser Zeit  und sind noch immer Aufbewahrungsort für die große Auswahl an Panama-Strohhüten, Trilby-Hüten oder Filzhüten von exquisiten Marken wie Mayser, Borsalino (Die The-Godfather-Fans wissen Bescheid) oder Brixton. Ein Hamburger Tischler, weiß Falkenhagen, sei der erste gewesen, der die dekorativen Regale mit rollenden Glastüren erfunden habe. Ein kleiner fun fact, den die gelernte Kauffrau erst kürzlich während eines Gesprächs mit einem Stammkunden gelernt habe.

Sünke und Uwe Falkenhagen Anfang der 80er im Geschäft an der großen Johannesstraße © Hut Falkenhagen

Es sind die alten Geschichten und die herzliche Atmosphäre, weshalb sich viele Menschen mit dem Fachgeschäft verbunden fühlen und immer wieder gerne zu Besuch kommen. Das kann der alte Herr sein, der eben schon als Kind Kunde war oder ein Hipster, der bei der Recherche im Internet den Onlineshop der Firma entdeckte und nun gerne die gleiche Mütze wie sein Opa haben will. Womöglich aber auch jemand, der an einem alten Erbstück hängt und dieses gegen wenig Geld (€ 29,50) neu aufbereitet haben möchte.

Damit ein alter Hut wieder ein neuer werden kann, hat die Hutmanufaktur im hinteren Teil ihres Ladens eine kleine Werkstatt eingerichtet. Denn neben dem Verkauf von Kopfbedeckungen aller Art – von Anlasshüten und Fascinators über Baskenmützen (€ 17) bis hin zu Baseballcaps ist alles dabei – wird in der veritablen Hamburger Institution auch fleißig repariert, genäht und in Form gezogen.

© Hannah Schifko

Weil es zudem immer wieder vorkommt, dass ein vom Kunden gewünschtes Stück fehlt, fertigt die Modistenmeisterin Jutta Schepers seit einigen Jahren mit viel Geschick die Damenhut-Kollektion des Hauses an. Ihre vollendeten Kreationen aus dem „Falkenhagen Atelier“ sind nach weiblichen Mitgliedern der Verwandtschaft benannt – etwa nach der Gründerin Anna. Das Modell ist ein aparter Filzhut in Glockenform, kostet rund 195 Euro und erinnert mit zweifarbigem Hutband und tiefem Sitz an den schlichten Stil der 1930er-Jahre.

Modistin Jutta Schepers / Foto: © Hut Falkenhagen
Einige Damenhüte der Hutmacherei Falkenhagen / Foto: © Hannah Schifko

Und was ist mit Kopfschmuck voller Tüll, Federn und Blumenapplikationen? Die Pferderennbahn machen wir auch“, sagt Nadja Bunge, ebenfalls Modistin und seit acht Jahren bei Falkenhagen. Gemeinsam mit der Onlinemanagerin Katharina Bartel vervollständigt Bunge die Frauenpower im Haus. Tatsächlich sorgen seit dem kürzlichen Tod von Uwe Falkenhagen, der früher die Werkstatt leitete, fast nur mehr Frauen dafür, dass die Hamburger Klientel gut behütet ist. Der einzige aktuelle Mann im Bunde, Jens Falkenhagen, kümmert sich um den Rest des Landes. Als Handelsvertreter reist er in Deutschland von Geschäft zu Geschäft und bietet Kopfschmuck von Marken wie Mayser oder City Sport feil.

Modistin Nadia Bunge arbeitet seit acht Jahren bei Falkenhagen © Hannah Schifko

Hut macht Mut

Anders als so mancher Kollege, erläutert das Team, würde man hier auf leistbare Hutträume setzten. In der Tat sieht man im 120 Quadratmeter großen Geschäft kaum auffällige Statement-Hüte, die man etwa von Haute-Couture-Shows à la Chanel oder Dior kennt. Beim letzten überlebenden Vertreter des Hamburger Hutzeitalters – früher gab es neben Falkenhagen noch vier andere Hutfamilien - offeriert man solide Alltagsbegleiter, die auch den Heimweg auf dem Rad oder das nächste Festival überleben (mit Ausnahme des diesjährigen Hurricanes, das überlebt auch dieser Hut nicht).

Gerade die Hamburgerinnen, weiß die Gesellin Bunge, suchen auch für den Kopf ein Understatement und wählen oft Herrenhüte. Sowieso würden viele Neukunden zunächst zum klassischen Typ in Grau oder Schwarz greifen. Beim ersten Hut ist es wie bei vielen neuen Dingen im Leben: Am Anfang ist man unsicher.

Nicht jeder traut sich Bunt / © Hannah Schifko

"Viele Leute wissen, welche Jeans ihnen steht, aber beim Hut sind sie jungfräulich,“ sagt Sabine Falkenhagen. Dabei hätte 95 Prozent der Menschheit ein Hutgesicht. Deshalb findet der hutlose und vermeintlich hilflose Hamburger hier neben fachkundiger Beratung auch ein offenes Ohr und, ja, fast ein familiäres Umfeld. Hier läuft keine laute Popmusk im Hintergrund, hier überlegen Damen manchmal stundenlang zwischen Modellen mit klingenden Namen wie „Jennifer“ oder „Amanda“ und Männer probieren sich durch die Bowler-und Zylinderabteilung. "Manchmal geht es aber auch ganz schnell," sagt Nadja Bunge. "Da betritt ein Kunde den Laden, zack, schon hat die junge Mitarbeiterin den perfekten Hut in der Hand." Chapeau!

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