Robert Stadlober, Dirk von Lowtzow, Paul Pötsch & Blixa Bargeld zusammen in einem Film

Die Unfähigkeit, Lust, Freude oder Befriedigung zu empfinden, bezeichnet man in der Psychologie als Anhedonie. Die Satire „Anhedonia – Narzissmus als Narkose“, die morgen in den Kinos anläuft, erzählt die Geschichte zweier Brüder, die verlernt haben, wie es ist, wenn das Herz vor Aufregung Achterbahn fährt.

Der Film feiert heute um 20 Uhr im Abaton seine Premiere, hinterher könnt ihr noch mit Drehbuchautor und Regisseur Patrick Siegfried Zimmer sowie Teilen von Cast und Crew über das Geschehen auf der Leinwand quatschen. Damit ihr gut vorbereitet seid, haben wir uns schon mal vorab mit Patrick zum Tee getroffen und über sein Kino-Debüt gesprochen.

WORUM GEHT'S?

Die Celebrity-Sprösslinge Fritz und Franz Freudenthal, gespielt von Robert Stadlober und Wieland Schönfelder, führen ein privilegiertes Leben. Doch all der Erfolg und materielle Wohlstand machen sie nicht glücklich. Stattdessen wandeln sie gelangweilt und abgeklärt durchs Leben. Schuld an ihrem Dilemma, das wird schnell klar, ist die mediale, hedonistische und konsumorientierte Reizüberflutung. Um diesen Zustand zu überwinden, werden die zwei Probanden einer neuartigen Lust-Stimuli-Therapie des Psychotherapeuten Prof. Dr. Immanuel Young („verkörpert“ durch die sonore Stimme von Tocotronics Dirk von Lowtzow), bei der sie sich allerhand merkwürdiger Maßnahmen unterziehen müssen.

Während die Probleme der Protagonisten ganz klar Bezüge zur Gegenwart aufweisen, lassen Setting (einige Szenen wurden übrigens im Jenisch-Haus gedreht) und Kostüme eher an die 1920er denken. Allein diese historische Ambivalenz trägt viel zur ersten Verunsicherung auf Zuschauerseite bei. Ähnlich überraschend ist auch die Erzählstruktur: Immer wieder taucht ein Erzähler in Person von Blixa Bargeld auf, der handelnde Personen vorstellt und Zusammenhänge erläutert, und als plötzlich jemand „Schnitt“ ruft, tut sich plötzlich eine Film-im-Film-Ebene auf. Das ist abwechselnd absurd, verwirrend und dann wieder erhellend. Dass „Anhedonia“ ins Programmkino und nicht ins Multiplex-Entertainment-Center gehört, wird auch beim Blick auf den Cast klar, für den allein sich schon das Geld für die Eintrittskarte lohnt. Denn neben Robert Stadlober, Wieland Schönfelder, Dirk von Lowtzow und Blixa Bargeld gehören auch die Musiker Flo Fernandez und Paul Pötsch (Trümmer) sowie Matthias Scheuring und Paula Kalenberg zum illustren Ensemble.

DER TYP HINTER DEM FILM

Verantwortlich für Buch, Regie und Musik ist übrigens Patrick Siegfried Zimmer, der bis 2011 unter dem Namen finn. Musik gemacht hat, und mit „Anhedonia“ nun seinen ersten Langspielfilm in die Kinos bringt. Wir sprachen mit dem Hamburger anlässlich des Kinostarts über den Entstehungsprozess der Satire, die Utopie, in der ein Regisseur leben muss und unsere hausgemachten Wohlstandsprobleme.

Du hast 2011 zum letzten Mal als finn. ein Album veröffentlicht. Das Projekt war danach für dich abgeschlossen. Wie kamst du auf die Idee, einen Film zu machen? 

Die Idee gab es schon sehr lange. Ich hatte auch schon immer eine große Affinität für das Medium Film, beispielsweise zu Zeiten von finn. ganz stark für Musikvideos. Das hat sich irgendwie auch alles über mein Studium entwickelt. Ich habe ja interdisziplinäres Design studiert. Jedenfalls hatte ich irgendwann mal eine Idee für einen Kurzfilm. Und als ich angefangen habe, diesen Kurzfilm aufzuschreiben, habe ich einfach nicht aufgehört und so wurde aus dem Kurzfilm- eben ein Langfilmdrehbuch. Es war sehr intuitiv und sehr prozessorientiert. Ich hatte jedenfalls davor nie diese konkrete Vision: Ich mache jetzt einen Kinofilm!

Wie kamst du auf das Thema Anhedonie? War es eines Tages irgendwann da oder hast du danach gesucht? 

Das hat sich zusammengepuzzelt. Die Ursprungsidee des Kurzfilms war schon die eines Geschwisterpaares, das einerseits magnetisch aneinander hängt, sich aber gleichzeitig nicht gut tut – eine Art Hass-Liebe, wenn man so will. Die Hauptanstöße kamen dann auch wieder über mein Studium, im Zuge dessen ich mich viel mit Medienkritik auseinandergesetzt habe. Ich glaube, einer der größten Ideengeber war dann der Aufsatz „Verliebt in seine Apparate ‒ Narzissmus als Narkose“ von Marshall McLuhan, den ich ja auch zitiere. Das Thema Anhedonie fiel mir dann eigentlich zufällig in den Schoß. Ich habe nämlich irgendwann erinnert, dass Marshall McLuhan ja auch in einem meiner liebsten Woody-Allen-Filme auftritt, nämlich im „Stadtneurotiker“. Ein Film, der ja ursprünglich „Anhedonia“ heißen sollte. So bin ich auf dieses Wort gestoßen. Das fand ich sehr interessant und habe es dann recherchiert.

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Was sind die ersten Schritte, bevor man so einen Film realisieren kann? Wo fängt man an? Ich kann mir vorstellen, dass es erstmal nur darum gehen kann, Leute zu gewinnen, die dich in deinem Vorhaben unterstützen möchten … 

Ja, genau. Man braucht natürlich zuerst ein Drehbuch. Das muss nicht gleich fertig sein, eine gute Idee, ein Exposé, eine Synopsis und Rollenbeschreibungen reichen auch fürs Erste. Die nächsten wichtigen Schritte sind: Schauspieler, Produzenten gewinnen und gemeinsam die Filmförderung beantragen. Auf Letztere zielen dann die nächsten Arbeitsschritte ab. Ein namhafter Cast ist ebenfalls sehr hilfreich in der Filmbranche. Und dann muss man hoffen, dass man das nötige Geld überhaupt generiert bekommt.

Man ist gezwungen, fast schon größenwahnsinnig zu werden.

Patrick Siegfried Zimmer

Wie ist das, wenn man so in der Luft hängt und von so vielen äußeren Faktoren abhängig ist? 

Das ist lustigerweise genau einer der Faktoren, den ich ehrlich gesagt sehr reizvoll am Filmemachen finde: Man ist gezwungen, fast schon größenwahnsinnig zu werden. Man muss ja immer in der Utopie, in der angeblichen Selbstüberschätzung leben, weil die ganze Außenwelt ja ständig sagt: „Das wird sowieso niemals klappen. Das ist utopisch, das Geld wirst du nie zusammenbekommen – und selbst wenn du das Geld für den Dreh zusammenbekommst, du bekommst es für die Postproduktion niemals zusammen.“ Ich empfinde es nicht als Größenwahn, die Welt allerdings schon. Ich kreiere mir eher wie ein Kind eine eigene Welt, zu der jeder Erwachsene sagen würde: „Die existiert nur in deiner Fantasie.“ Das ist eigentlich die ganze Zeit eine sehr große philosophische und psychologische Herausforderung, an sich selber zu glauben und sich nicht verunsichern zu lassen.

War es für dich eine Hilfe, dass Robert Stadlober mit dabei war? War er schon von Anfang an mit an Bord? 

Robert war eine riesengroße Hilfe auf sehr vielen Ebenen. Ja, er war von den Schauspielern als Allererster mit an Bord. Wir sind seit Jahren sehr gut befreundet. Er hat als Schauspieler, Produzent und Co-Regisseur grandiose Arbeit geleistet und den Film maßgeblich mit vorangetrieben.

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Hattest du denn eine genaue Vorstellung davon, wer mitspielen sollte? 

Die ursprüngliche Wunsch-Hauptrollenbesetzung waren tatsächlich Robert und Tom Schilling. Mit Tom haben wir uns auch getroffen, aber das Buch war nicht so sein Ding. Das war Schicksal. Denn, und besonders beim Film muss man diese Einstellung haben, wenn eine Tür zugeht, dann geht irgendwo eine andere auf. Und dann hat Robert mir gleich von Wieland Schönfelder erzählt, den ich absolut perfekt fand für die Rolle des Fritz. Ungefähr die Hälfte des Casts kam letztlich glücklicherweise über Robert. Er hat immer wieder Vorschläge gemacht und sie mit mir diskutiert. Einer der Produzenten des Films, Klaus Maeck, der auch mein Musikverleger bei Freibank ist, hat jahrelang die Einstürzenden Neubauten gemanaged, und so kam zum Beispiel Blixa Bargeld dazu.

Ich hatte im Kino das Gefühl, dass ich gerade ein Theaterstück sehe, das abgefilmt wurde. Dann habe ich an andere Hamburger Musiker gedacht, die in den letzten Jahren auch mehr und mehr die Nähe zum Theater gesucht haben (PalmingerStrunk & SchamoniSchorsch Kamerun1000 RobotaTrümmer). Hättest du dir auch vorstellen können, aus deinem Buch ein Theaterstück zu machen? 

Die Überlegung gab es ganz kurz mal, als es mit dem Geld für den Dreh nicht ganz so rosig aussah. Dann wurden wir aber sehr schnell davon überzeugt, dass ein Theaterstück noch teurer wäre. Ich wollte auch definitiv einen Film machen. Aber die theatrale Temperatur und Nähe ist mitunter das, was ich am reizvollsten fand. Theater ist ja letzten Endes auch der Ursprung des Films.

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Gab es andere Filme oder Regisseure, die dich beeinflusst haben? 

Ja, schon. Gedankliche Pinnwände hat man ja immer, aber bei mir sind das eher emotionale. Immer wenn jemand gefragt hat, in welche Richtung das gehen soll, dann dachte ich an eine Mischung aus Monty PythonWoody Allen und Jean-Luc Godard. Und vielleicht noch ein bisschen Wes Anderson.

Ich glaube, ein paar von denen habe ich erkannt. Eigentlich war ich ohnehin die meiste Zeit damit beschäftigt, irgendwelche Zitate und Anspielungen zu finden. Dieses Ratespiel für den Zuschauer fand ich ganz gut … 

Ratespiel klingt sehr gut.

Ich habe mal gelesen, Melancholie sei das Vergnügen am Traurigsein.

Patrick Siegfried Zimmer

Du erzählst in deinem Film die Geschichte zweier Brüder, die nicht mehr fähig sind, Freude oder Lust zu empfinden. Stellst du manchmal auch an dir fest, dass es dir zunehmend schwerer fällt, dich für irgendwas zu begeistern? 

Nee, ganz und gar nicht. Ich finde an dem Symptom die philosophische Fragestellung, die sich daraus ergibt, am spannendsten. Nämlich: Was ist Freude, Lust oder Befriedigung? Und worüber generiert sie sich bzw. wie definieren sie verschiedenste Leute. Wie definiert die Gesellschaft heutzutage, was Glück angeblich sei? Lustlosigkeit kennt glaube ich jeder ab und zu. Ich bin aber wenn überhaupt melancholisch. Ich habe mal gelesen, Melancholie sei das Vergnügen am Traurigsein. Und das trifft es dann auch eher; es ist kein wirkliches Leid. Wohlstandsleid. Ich finde die Vorstellung, dass jemand plötzlich keine Freude mehr empfinden kann, sehr interessant. Dieses Symptom findet man ja auch bei Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben. Und da stelle ich es mir nicht wie ein Leid vor, sondern wie eine Art Amnesie. Freude, Lust und Befriedigung empfinde ich persönlich glücklicherweise jeden Tag.

Ich habe den Eindruck, dass ich in den vergangenen Monaten und Jahren sehr häufig, auch unbewusst über das Thema Anhedonie gestolpert bin. Vielleicht auch, weil tagtäglich unzählige Reize auf uns einprasseln, die wir in Gänze gar nicht verarbeiten können, weshalb die Gefahr steigt, dass wir alle zu abgestumpften, abgeklärten Egozentrikern werden. Teilst du diese Einschätzung? 

Ja, das ist einer der Ansätze des Films. Ein sehr positiver, humanistischer. Ich beobachte immer wieder Leute, die unter den „luxuriösen“ Umständen der Ersten Welt leiden. Viele verlieren die Relation zu den Dingen. Dinge, die von Anfang an als gegeben wahrgenommen werden, erfahren keine wirkliche Wertschätzung mehr und die Steigerung führt dann oft in die Maßlosigkeit, wenn man eigentlich physiologisch schon alle Grundbedürfnisse von Geburt an erfüllt bekommt. Da kann man sich, wenn man sich richtig spüren will, letzten Endes nur in eine Form von Hedonismus, Maßlosigkeit und oder Selbstzerstörung stürzen. Oder auch beispielsweise in den Gesundheits- oder Therapiewahn. Optimierung als Droge. Wir haben Probleme.

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Die Dialoge zwischen den Brüdern Fritz und Franz wirken wie die Kommentare unter einem Facebook-Post, allerdings auf einer bildungsbürgerlichen Ebene. War diese Form des Dialogs beabsichtigt? 

An Facebook habe ich nicht gedacht. Aber was du sagst, stimmt schon. In solchen Foren geht es ja gefühlt oft darum, Meinungen und oder Urteile abzuladen, quasi das Revier zu markieren und über Konflikte oder Schulterschlüsse Bestätigung zu erfahren. Es begegnen mir in letzter Zeit auch immer wieder Leute, bei denen ich denke, die sind auf so eine programmatische Art und Weise Anti oder auf Konflikt ausgerichtet. Also fast schon programmatische Konfliktsucht. Die müssen auf Dinge immer eine Erwiderung haben, ohne das andere überhaupt reflektiert und verinnerlicht zu haben. Das fühlt sich für mich manchmal fast schon wie eine Form von Kommunikationskrieg an.

Der Mensch ist immer nur dann ein Tier, wenn es argumentativ von Vorteil für ihn ist.

Patrick Siegfried Zimmer

Diese Form der Kommunikation zieht sich auf jeden Fall durch den ganzen Film. 

Egozentrik und Egoismus sind natürlich auch große Themen. Stärke und Egoismus. Attribute, die im Raubtierkapitalismus ja sehr positiv besetzt sind. Man wird ja dazu erzogen, stark zu sein und einen gesunden Egoismus zu haben. Wobei ich immer mehr zu dem Ergebnis komme, dass ja genau durch dieses darwinistische stark sein/schwach sein-Denken oft Konflikte und letztlich Kriege entstehen. Diese Denke ist meiner Meinung nach unmenschlich – im Tierreich mag das wohl so sein, aber Menschen wollen ja eigentlich keine Tiere sein. Der Mensch ist immer nur dann ein Tier, wenn es argumentativ von Vorteil für ihn ist. Ansonsten propagiert er stolz seine Überlegenheit und Alleinherrschaft.

Dein Film kommt am 31. März in die Kinos. Fühlt sich das anders an, mit einem Film an die Öffentlichkeit zu gehen – im Vergleich zu einer Album-Veröffentlichung? 

Ja, also erstmal hat man im Gegensatz zur Musik schon nicht mehr dieses Erlebnis, es selber immer wieder aufzuführen und auch teilweise nochmal verändern zu können, um es seinem eigenen Ist-Zustand anzupassen. Auf Bühnen passiert es ja immer wieder, dass man denkt: Ja, den Song habe ich zwar vor einem Jahr so aufgenommen  ̶  ich will ihn jetzt aber beispielsweise schneller, langsamer oder akustischer spielen. Das fällt ja total weg. An sich ist Film einfach eine andere Kommunikationsform, bei der ich als Individuum im Gegensatz zur Musik ja auch total im Hintergrund bleibe und die Ensembleleistung angenehm im Vordergrund steht.

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Aber du bist ja trotzdem für den Film verantwortlich. Dein Name steht schließlich überall: Du hast das Buch geschrieben, Regie geführt, die Musik komponiert. Die Verantwortung ist plötzlich eine ganz andere, im Vergleich zur Musik. 

So habe ich das noch gar nicht gesehen. Ja, man ist vielleicht noch verantwortlicher und angreifbarer. Aber, so sei es. Ich habe auch schon einen Artikel gelesen, in dem ein Bezug zu Vincent Gallo hergestellt wird. Ich war dann plötzlich auch so ein Spinner, der meint, er müsse alles selber machen. Aber ich habe ja teilweise notgedrungen vieles selber gemacht, und mit Sicherheit nicht aus einem Kontrollbedürfnis heraus. Ich denke ja nicht: Ich bin der Allergeilste und muss deshalb auch so viel wie möglich selber machen. Das hat sich alles ganz spielerisch entwickelt. Und was die Filmmusik angeht, war dann früh klar, dass ich die gerne schreiben würde.

Was wäre für dich das Schönste, was dir mit dem Film passieren könnte? 

Das Allerschönste wäre schon mal, dass er sein Publikum findet. Ich gehe auch davon aus, dass es das irgendwo gibt. Und dass das Publikum, egal wie groß oder klein es auch sein mag, Freude, Erfüllung, Lust, Befriedigung oder was auch immer darin findet. Über die kommerzielle Auswertung denke ich im Moment gar nicht vordergründig nach. Das ist für mich persönlich bei Kunst immer sekundär, wobei ich dem gesamten Team von „Anhedonia“ natürlich den wohlverdienten Geldregen sehr wünschen würde.

Danke für das Gespräch.


Bilder: Interzone Pictures
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