Reisevergnügen: So schaffst du deine erste Fernwanderung (West Highland Way)

Fernwanderungen durch imposante, skurrile, weite, einzigartig schöne Landschaften werden von all den einheitlich gefärbten Instagram-Accounts so malerisch, so leicht, so romantisch gezeigt: Wanderer lächeln, tragen Shorts und Kargohemden und schlafen in offenen Zelten mit den Füßen am Abhang - wenn du das suchst, dann solltest du besser ein Auto mieten, durch Schottland fahren und hin und wieder ein paar Kilometer zu Fuß gehen.

Denn Wanderer lächeln nicht die ganze Zeit, weil sie manchmal echte Schmerzen haben - körperlich oder weil sie sich mental mit etwas auseinandersetzen, Wanderer tragen keine Shorts und die neusten Zara-Hemden, weil sie darin schwitzen und gegen die Witterungen nicht geschützt sind und Wanderer schlafen nicht mit offenem Zelt in Schottland, weil sie dann von Midges, den fiesen, kleinen Stechmücken, gefressen werden.

 

West-Highland-Way-Fern-Wanderung
© Maria Anna Schwarzberg

Aber ja, wenn ihr nach 25 Kilometern Wanderung durch eine der schönsten Landschaften dieser Erde euren zwölf bis fünfzehn Kilogramm schweren Rucksack abwerft und astronautenleicht mit den anderen Wanderern auf dem Camping-Platz den Store nach einem Snickers und einem Cider stürmt, das ihr dann auf der Wiese vor den Zelten trinkt, während die Sonne untergeht - dann ist das unendlich romantisch.

Wenn ihr echtes Abenteuer sucht und bereit seid, wirklich bereit seid, über eure Grenzen zu gehen, dann wird das die Reise eures Lebens.
Maria Anna Thiele
West-Highland-Way-Fern-Wanderung
© Maria Anna Schwarzberg

Was euch erwartet:

Der West Highland Way ist ein Fernwanderweg durch Schottland, der euch von den Lowlands bis in die Highlands führt. Startpunkt ist Milngavie (gesprochen: Mulgay), ein kleiner Vorort im Norden Glasgows, den ihr bequem mit dem Bus erreichen könnt. Eure Ziellinie überschreitet ihr nach 154 Kilometern (hell, yeah!) in Fort William, von wo aus ihr mit dem Bus oder der Bahn wieder zurück nach Glasgow kommt. Wenn ihr mehr Infos zur An- und Abreise braucht, könnt ihr euch gern hier informieren.

West-Highland-Way-Fern-Wanderung
© Maria Anna Schwarzberg

Die Route:

Die ersten Kilometer des West Highland Ways führen euch durch einen Wald, bevor es für 25 Kilometer durch das offene Gelände der Lowlands geht. Über Felder, Kuhwiesen und leichte Hügel geht es - in der Ferne die Highlands immer im Blick - an kleinen Dörfern vorbei bis zur ersten echten Hürde: Dem Comic Hill, den es mit 361 Höhenmetern zu überwinden gilt.

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© Maria Anna Schwarzberg

Danach führt der West Highland Way euch ca. 30 Kilometer am Ufer des Loch Lomond entlang, Schottlands größtem und schönsten See. Habt ihr den felsigen Abschnitt des Weges mit zu überquerenden Bachläufen, Wasserfällen und Brücken hinter euch gelassen, geht es in die Highlands. Der West Highland Way schlängelt sich durch riesige Wälder und dann wieder weite Landschaften, wie das Glen Coe Tal, in dem auch schon Daniel Craig für Skyfall drehte.

West-Highland-Way-Fern-Wanderung
© Maria Anna Schwarzberg
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© Maria Anna Schwarzberg

Die größte Herausforderung erwartet euch hinter Kingshouse und nennt sich Devil's Staircase. Mehr als 500 Höhenmeter sind zu bewältigen, danach folgt der lange Abstieg über 8 Kilometer. Die letzten 25 Kilometer wandert ihr durch das Hochland der Highlands und durch Fort William, wo im Zentrum das Ende des Weges markiert ist.

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© Maria Anna Schwarzberg

Was ihr braucht:

So eine Fernwanderung, für die ihr - je nach körperlicher Verfassung - fünf bis zehn Tage einplanen solltet, will vorbereitet sein. Bedenkt, dass ihr im Flieger nicht mehr als zwanzig Kilogramm Gepäck mitnehmen könnt - und so viel auch eigentlich gar nicht mitnehmen wollt. Denn: Das müsst ihr jeden Tag kilometerweit schleppen. Packt Zuhause am besten Probe und tragt euren Rucksack durch die Wohnung spazieren, dann merkt ihr schnell, wie schwer so ein Monster werden kann.

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© Maria Anna Schwarzberg

An Bekleidung:

Wanderschuhe (immer mind. eine Nummer größer, damit ihr viel Platz habt) | wasserfeste Wanderhose (It's Scotland, Baby!) | Regenjacke | 2-3 x Unterwäsche | 2-3 x Wandersocken (verhindern Reibungen und ersparen euch Blasen) | 2-3 Shirts | 1-2 Pullover | 1-2 bequeme Hosen (I love Leggins!)

An Ausstattung:

Wanderrucksack (nicht mehr als 60 Liter Volumen) | Schlafsack | Ismoatte | Zelt | Nachtlampe | Power-Bar (um das Handy zu laden) | diesen Wanderführer, der euch durch jede Etappe bringt

An Hygiene- und Erste-Hilfe-Artikeln:

Smidge (das beste Spray gegen Midges) | Sonnencreme | Zahnbürste und Zahnpasta | Bioshampoo (wird natürlich abgebaut) | Handtuch | Badelatschen

Ibuprofen | Pflaster | Blasenpflaster |kleines Erste-Hilfe-Kit

An Zubereitungs- und Nahrungsmitteln:

Taschentücher | Mülltüten | Gaskocher und Gaskartuschen (Feuerzeug nicht vergessen!) | leichte, leere Trinkflaschen | Besteck, Schüssel und Tasse (leicht!) | Trockentuch, Lappen und Bio-Spüli

Astronautennahrung (viele Kalorien, aber leicht zu transportieren, wie zum Beispiel Babybrei, Kartoffelbrei, Nudelsuppen) | Studentenfutter | Energieriegel | getrocknetes Gemüse und Obst | Haferflocken

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© Maria Anna Schwarzberg

Was ihr nicht braucht:

teure Funktionskleidung (außer Wandersocken!) | Kopfkissen (einfach die übrigen Sachen in die Schlafsackhülle stecken) | 4 Liter Wasser (in ganz Schottland fließt euch das Trinkwasser entgegen) | schwere Ausrüstung (Schlafsack, Iosmatte und Zelt sollten möglichst leicht sein, weil ihr sie jeden Tag weit tragen müsst) | viel Nahrung (in jedem Ort und auf den Campsides sind Wander-Shops) | viel Klamotten (auf vielen Campsides kann gewaschen werden)

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© Maria Anna Schwarzberg

11 Tipps, mit denen nichts schief gehen kann:

  1. Nehmt täglich nur einen Liter Wasser mit. Ihr könnt eure Trinkvorräte unterwegs in den kleinen Orten, auf den Campsides und in fließenden Gewässern, die alle Trinkwasserqualität haben, auffüllen.
  2. Wandert in eurem Tempo, eine Fernwanderung ist kein Wettkampf.
  3. Zieht immer Wandersocken an, klebt Blasen sofort ab und kauft Bandagen für Gelenkprobleme, bevor sie euch so viel Probleme machen, dass ihr nicht weiter wandern könnt.
  4. Verzichtet darauf, zu viel Proviant einzupacken. Auch wenn das Essen auf den Campsides etwas teuerer ist als beim Supermarkt eures Vertrauens - das Gewicht ist es nicht wert.
  5. Solltet ihr mit dem schweren Wanderrucksack gar nicht mehr vorankommen, gibt es den Möglichkeit einen Fahrservice zu beauftragen. Dieser holt euren Rucksack morgens auf der Campside ab und liefert ihn zum gewünschten Etappenziel, wo ihr ihn abends wieder in Empfang nehmen könnt.
  6. Macht auf jeden Fall einen Stop im Inversnaid Bunkhouse: Es gibt beste schottische Küche, Trockenräume, Duschen ohne Zeitbegrenzung und einen Whirlpool.
  7. Schließt auf den Wegen immer die Gatter, durch die der Weg führt, damit die Tiere nicht weglaufen.
  8. Esst ausreichend und über den Tag verteilt, damit ihr genug Kraft für die tägliche Etappe habt.
  9. Trinkt mindestens vier Liter Wasser pro Tag, aber besser keinen Alkohol: Die Quittung zahlt ihr sonst am nächsten Tag.
  10. Wandert nicht in Sneakern, dafür ist er Weg zu anspruchsvoll und robust. Investiert wirklich etwas Geld in gute, für euch passende Wanderstiefel, mit denen ihr nicht umknicken könnt.
  11. Genießt jeden Tag und jeden Kilometer, auch wenn ihr mal vom Regen überrascht werdet, vom Weg abkommt oder der Körper schmerzt. Das Gute ist, dass man immer nur an einer Stelle des Körpers Schmerz empfinden kann - und dass er auch wieder vergeht. Auch so eine Fernwanderung geht am Ende viel zu schnell vorbei, aber das Gefühl, das bleibt, ist einmalig.
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© Maria Anna Schwarzberg
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