"Refugees Welcome" - Das neue Kochbuch der Kiezküche ist da

© Marius Notter

Das Kochbuch „Kiezküche St.Pauli - You’ll never cook alone“, gehört mittlerweile zum Standardinventar der Hamburger Kochbücherregale. Die Rezepte sind nachkochbar, die Zutaten gut und das Kochbuch voller interessanten Geschichten und Portraits aus dem Kiez.

Das neue Projekt der Kiezhelden heißt „Refugees Welcome“. Die Rezepte stammen unter anderem von Jalal, Laila, Philmon oder Bayan, die ein Stück ihrer Heimat in Form von Gekochtem und Gebackenem in unsere Küchen bringen. Wir haben Initiatorin Valery und Kiezküchen-Heldin Sandra Vartan gefragt, wie dieses wunderbare Stück zustande kam.

© Marius Notter

Wie kam die Idee, ein Kochbuch mit Geflüchteten zu gestalten?

Valery: Im Frühjahr letzten Jahres, als ich mich mit einem Freund darüber unterhalten habe, was diesen Menschen auf der Flucht passiert. Mir war schnell klar, dass bei all der Tragik sicherlich auch viele schöne Dinge passieren, die jedoch nicht so sehr im Vordergrund stehen. Deshalb wollte ich etwas machen, dass positive Signale aussendet, weil relativ schnell klar war, dass in solchen Zeiten auch schnell eine Antihaltung entwickelt wird. Dem entgegenzuwirken war meine Idee.

Wenn etwas es schafft, eine zwischenmenschliche Verbindung herzustellen, dann ist das Kochen. Deshalb erschien mir ein Kochbuch am geeignetsten. Ich habe mir dann eine Liste gemacht mit Leuten, die bei der Umsetzung eines Kochbuches helfen könnten. Als erstes bin ich zu Tim Mälzer in die Bullerei gefahren. Er sagte, dass er selbst gerade super stark in anderen Projekte eingebunden sei und meinte, ich soll mal die Kiezküche anschreiben.

Sandra: Für uns war das Thema Kochen mit Flüchtlingen auch schon immer interessant - durch unser Netzwerk mit Viva con Agua und dem FC St.Pauli haben wir schon im letzten Kochbuch einen Geflüchteten und sein Rezept vorgestellt.

Wie seid ihr vorgegangen, wie ist der Kontakt zu den Geflüchteten entstanden?

Sandra: Erstmal hat jeder in seinem Umkreis rumgefragt, wer hat Kontakt zu Geflüchteten? Viele Kontakt kamen aber über Sünje aus unserem Team zusammen, die mit am Buch geschrieben hat und ehrenamtlich Geflüchtete unterrichtet.

Valerie: Ich war eines Mittwochabends in Pauli was trinken mit einigen Köpfen, die viel für Flüchtlinge tun. Zuerst hatte ich mich dann einer Gruppe von Friseuren angeschlossen, um dort zu helfen. Mein Engagement hat sich dann stetig weiterentwickelt, sodass ich selbst viele Kontakte hatte.

© Marius Notter

Warum verbindet Kochen eurer Meinung nach so sehr?

Sandra: Über das Essen und Kochen kann man Menschen zusammenbringen, da die Hemmschwelle, mit seinem gegenüber zu interagieren, sinkt. Ein gutes Beispiel ist das Welcome Dinner in Hamburg, bei dem Hamburger Geflüchtete Menschen zum Essen einladen. Dabei findet immer ein toller und reger Austausch statt.

Valerie: Ich habe da ein besonders gutes Beispiel: Als das Hamburg Journal bei unserer Kochbuch-Produktionswoche dabei war und „den Zuckerbäcker“ begleitet und portraitiert hat, war die eine Reaktion auf den Beitrag: “Der hat einen tollen Kuchen gebacken“. Die andere Reaktion war jedoch: „Oh, der war total sympathisch“. Über das tolle Essen wurde der Mensch plötzlich nahbar und hat Sympathien geweckt. Das ist eine Wirkung, die wir auch mit unserem Kochbuch schaffen wollen.

© Marius Notter

Wie viele Rezepte sind im Kochbuch?

Sandra: 33 Rezepte, davon sind 31 von Geflüchteten aus Hamburg und zwei aus Berlin.

Wie habt ihr ausgewählt, was für Rezepte in’s Kochbuch kommen?

Sandra: Wir haben den Leuten nichts vorgeschrieben. Jeder konnte einbringen, was er wollte. Wir haben lediglich dafür gesorgt, dass alles kochbar und die Zutaten erreichbar sind. In der Produktionswoche hatten wir Tom, unseren Koch aus Berlin, dabei. Der hat aber lediglich die Rezepte gekocht, bei denen die Geflüchteten nicht selbst vorbeikommen konnten. Das waren nicht viele. Der Rest wurde von den Geflüchteten selbst gekocht, das ist alles sehr authentisch.

Was ist euer Lieblingsgericht?

Beide: Das Ful.

Valerie: Das ist ein höchst traditionelles Essen, das gerade in Syrien ein Cheap Meal ist. Jeder kann das kochen. Mit Kichererbsen und Bohnen als Grundlage ist das ein sehr energiereiches Essen, das unglaublich frisch und perfekt für heiße Tage ist.

© Maria Anna Schwarzberg

Gab es Hindernisse bei der Produktion?

Sandra: Es gab total viele Geflüchtete, die noch in Zelten leben und keine Möglichkeit haben, selbst zu kochen. Wir hatte eine syrische Familie hier, da meinte die Mutter: „Es tut mir total leid, aber mir schmeckt deutsches Essen einfach nicht.“ Kantinenessen bleibt einfach Kantinenessen. Eine syrische Mutter hatte wirklich Tränen in den Augen, weil sie selbst etwas kochen und die Zutaten in der Hand halten konnte. Für uns ist Kochen ja doch eine alltägliche Sache - doch wenn dir das genommen wird, dann bekommt das einen ganz neuen Stellenwert.

© Marius Notter

Gab es auch Rezepte, die es nicht in’s Kochbuch reingeschafft haben?

Sandra: Es gab da einen Milchreis mit Rosenwasser. Das war ne harte Nummer - zu hart für den deutschen Gaumen. Das haben wir dann nicht reingenommen.

Valery: Also ich habe neulich in einem syrischen Restaurant etwas mit Rosenwasser gegessen und das war eine Explosion - im positiven Sinne.

Ihr habt nicht nur Rezepte in eurem Kochbuch, sonder auch Interviews und Portraits, was wollt ihr damit erreichen?

Sandra: Das Buch ist eine Hommage an alle, die helfen und soll tolle Projekte in den Vordergrund stellen.

Das letzte Rezept ist Bratwurst mit Kartoffelsalat. Wie kam das?

Sandra: Wir wollten so eine Brücke schlagen zwischen den Kulturen. Unser Koch Tom hat sich erst geweigert, so ein plumpes Gericht zu kochen (lacht).

Was denkt ihr, was die syrische Küche für einen Einfluss auf die deutsche haben wird?

Valery: Na hoffentlich einen starken, die deutsche Küche kann sicherlich ein wenig mehr Vielfalt vertragen. Es wäre nur schade, wenn die syrischen Restaurants zu so etwas wie der zweiten Dönerbude verkommen. Das ist ja kein wirklicher Einfluss, sondern einfach nur ein Fastfood, das mit der eigentlichen türkischen Traditionsküche nicht so viel am Hut hat.

Ihr wollt das Buch in eurem Küchenregal stehen haben? Hier könnt ihr es euch online bestellen. Der komplette Erlös geht an das soziale Projekt des FC St. Pauli "Kiezhelden" und wird an Flüchtlingsprojekte verteilt.

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