Ausgeraubt werden auf der Reeperbahn: Wir haben es am eigenen Leib erfahren

© Maria Kotylevskaja

Samstagnacht, 1 Uhr, Kastanienallee: Ich habe gerade mit meiner Begleitung eine WG-Party verlassen. Man kennt die Situation: Eigentlich war es dort super, aber irgendein innerer Schweinehund treibt dich dazu weiterzuziehen. Meistens beginnt mit dem Zuschlagen der verrottenden Altbautür der Niedergang der bis dahin ziemlich guten Hamburger Party-Nacht. So auch in diesmal. Nur schlimmer.

Das Problem der zweiten Party ist nämlich, dass sie Party Nummer eins nicht toppen kann. Nicht weil sie nicht gut ist, sondern weil man noch im Modus von Party eins ist. Dementsprechend schnell, haben wir unsere Getränke runtergestürzt, die dunklen Ecken als Tarnung genutzt und die Feier wieder verlassen.

Durch diese einsame Gasse musst du torkeln

Samstagnacht, 2 Uhr, Antonistraße: Eines vorab: Klar wussten wir, dass es nicht das Allerklügste ist, die Treppe neben dem Pudel zu nehmen und die Antonistraße hoch zur Reeperbahn zu gehen. Doch ihr kennt das, drei Sekt-Mate, fünf Kurze und drei Bier lassen einem den kürzeren IMMER als den besseren Weg erscheinen. So auch dieses Mal.

Wir trödeln also im Abstand von zehn Metern einer plappernden Gruppe Mädels hinterher, als wie aus dem Nichts Flaschen und Beleidigungen in deren Richtung fliegen. Ob das eine der Hamburger Crime Girl Gangs war, die gerade von einer Prügelei auf dem Heimweg waren, keine Ahnung. Jedenfalls steht am Ende der Häuserzeile in der Antonistraße eine Gruppe Jungs, die wild werfen und pöbeln - beides gleichzeitig und mit voller Innbrunst. Ich hebe meine Hände zu einer ahnungslosen Geste und rufe: „Ey Leute, hört auf mit dem Scheiss!“ (Oh Boy, dümmste Idee ever).

Nachtspaziergang©MariaKotylevskaja.
© Maria Kotylevskaja

Es dauert keine zwei Sekunden, bis einer aus der Gruppe ausbricht und vor mir steht. Doch zu meiner Verwunderung will er mich nicht direkt umboxen. Keine Drohung, kein „Digger, verpiss dich!“, der Typ, der ein Kopf kleiner und mindestens genau so eine Lauchgestalt ist wie ich, textet mich einfach nur voll, während ich mit meiner Begleitung weitergehe. Dabei rückt er mir auf die Pelle, so dass mein betrunkenes Hirn erstmal denkt, dass der Kerl vielleicht doch nur einmal fest gedrückt werden will, bevor er mir mit seinen Kumpels dann doch noch den Garaus macht.

Aber plötzlich dreht er ab und läuft weg. Einfach so.

Bähm, denke ich, dem hast du böse gezeigt, wer hier der Kiez Kalle unter den Lauchbubis ist. Dann greife ich mir in die Hosentasche. Und dort, wo eigentlich mein Handy stecken sollte, ist - ihr ahnt es schon - nichts. Leere. Meine Hand in einer Hosentasche voller Fussel. Der Kuschelassi wollte keine Liebe. Er wollte mein Handy. Diese Welt ist kalt, erst Donald Trump, dann die AfD in Meck-Pom – und jetzt das. KANN MAN IN DEUTSCHLAND NICHT MAL MEHR IN RUHE SAUFEN GEHEN!!!??!13

Stell dir vor, da steht ein Dieb und keiner geht hin

Die schlimmste aller Situationen ist eingetroffen: Du wirst beklaut und hast leider keine gefährlichen Cousins mit einem Kreuz wie ein Frontlader, die nur darauf warten, den Typen fachgerecht auseinanderzunehmen. Und wo ist eigentlich der Polizistensohn, wenn man ihn man braucht?

Was also tun? Polizei rufen? Klar, bis die da sind, hat mein Handy schon drei Mal seinen Besitzer gewechselt. Also bleibt mir nur eines übrig: Ich nutze meinen kapitalistischen Vorteil (mehr Geld im Geldbeutel) aus und gehe zurück zu meinem Kuschelbrudi, der mittlerweile wieder von seiner Gang bewacht an der Ecke Hafenstraße/Antonistraße steht.

Zwei seiner Homies springen sofort auf mich zu: „Was willst du, Alter!“ - „Mein Handy.“ - „Hier hat niemand ein Handy.“. Klar. Also letzte Chance: „Ich kauf mein Handy zurück, aber zuerst will ich es sehen.“.

Der einfachste Handykauf meines Lebens

Was jetzt passiert, gehört meiner Meinung nach in ein Lehrbuch für Deeskalationsmaßnahmen: Es gibt ein Gemenge unter den Jungs. Einer zieht meinem (mittlerweile) Ex-Buddy (wir haben uns auseinandergelebt, leider) das Handy aus der Tasche (das konnten die echt verdammt gut), schubst zwei Typen aus dem Weg und kommt auf mich zu. Wir gehen fünf Meter weiter und verhandeln. Wenn ich schon mein Handy zurückkaufen muss, dann aber mit Feilschen und viel Herumgefuchtel:

- 50 Euro
- 10 Euro
- 15 Euro
- 20 Euro
- Deal!

Meine Begleitung drück den Jungs noch ihr restliches Kleingeld in die Hand und sagt, sie sollen sich ne Flasche Uranov Vodka davon kaufen, dann seien sie wenigstens zu dicht, um noch was zu klauen. Ich habe mein eigenes Handy zurückgekauft. Danach war die Nacht zu Ende.

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