Morgen ist es vorbei - Geschichten von gebrochenen Herzen und Trennungsschmerzen

Wie absolut großartig und einmalig unsere Mit Vergnügen-Redakteurin Kathrin schreiben kann, stellt sie nicht nur regelmäßig mit ihren Texten für unsere Rubrik "Glaube Liebe Hamburg" oder auf ihrem eigenen Blog unter Beweis, sondern zeigt sie noch weitaus eindrucksvoller in ihren beiden bisher veröffentlichten Büchern "Drüberleben" und dem im August erschienen “Morgen ist es vorbei”.

Während der Debütroman ein ziemliches intensives, emotionales und hochgelobtes Bild einer Depressionserkrankung aufzeichnet, erzählt sie in ihrem neuen Buch in insgesamt 13 Kurzgeschichten wortgewaltig von gebrochenen Herzen und Trennungsschmerzen.

Wir haben einen kurzen Auszug aus “Morgen ist es vorbei” für euch, das komplette Buch gibt es hier.


“Morgen ist es vorbei” von Kathrin Weßling
Kapitel: Immer noch ja

Sie sagen, es wird irgendwann leichter. Irgendwann vergisst du, sagen sie, daran zu denken. Dann ist es vorbei. Ich schaue ein bisschen irritiert, weil ich doch gar nicht will, dass es vorbei ist. Ich will, dass es nicht aufhört, ich war doch der, der nachts bei dir geklingelt hat, um zu sagen: Bitte geh nicht. So schlicht wird man nämlich in seinen Gefühlen, so heruntergebrochen und einfach. Man sagt nichts Großes mehr, zitiert niemanden und es ist auch nichts Poetisches in all den verzweifelt gestammelten Worten, die einem aus den Fingern und dem Mund fallen, auf den Boden zwischen dem anderen und dir, weil da plötzlich so viel Raum zwischen euch ist, dass da überhaupt etwas hinpasst, wo vorher kein Zentimeter Platz war.

Und dann stehst du plötzlich da und begreifst: Ich bin jetzt alleine. Ich bin kein Teil mehr von zweien, ich bin nicht mehr jeden Samstagabend mit der Couch und einem Film und dem anderen verabredet, ich bin nicht mehr verliebt, vergeben, verlobt, verheiratet, ich bin nicht mehr längst in einem sicheren Hafen, angekommen, in Ketten und in Liebe, in Ewigkeit, Amen. Ich bin nicht mehr zugehörig und unerhört sicher, so verdammt verliebt und geliebt, Teil einer WG, die eigentlich eine Lebensgemeinschaft ist, ich bin nicht mehr Freund oder Freundin, nicht mehr Partner von irgendwem, nicht mehr bei Facebook “In einer Beziehung”, nicht mehr “Dein Interesse ehrt mich, aber ich habe eine Freundin”, nicht mehr “Mein Freund kommt gleich vorbei und wir machen uns einen gemütlichen Abend”, nicht mehr aufgehoben, beschützt und umsorgt, nicht mehr Umarmung die ganze Nacht, nicht mehr “Du kannst mich immer anrufen, ich bin da”, nicht mehr dein Bärchen und auch nicht dein Schatz. Ich bin nicht mehr als Erinnerung, ich bin jetzt alleine, alleine, alleine und ich bin “Ich kann jetzt machen, was ich will.” Bloß will ich eigentlich gar nichts außer dich.

Natürlich geht es weiter, das Leben. Das sagen sie alle, weil es die einzige Wahrheit ist, die immer stimmt. Alles geht weiter, du atmest noch, du lebst noch, du und dein gebrochenes Herz, ihr quält euch morgens aus dem Bett und nachts mit unruhigen Träumen, ihr trinkt noch den gleichen Kaffee, ihr geht noch “unter Menschen”, zum Friseur und in eine Bar, ihr kauft noch Lebensmittel und eine Fahrkarte, während ihr in Gedanken den ganzen Bahnsteig vollblutet, weil es wehtut, wehtut, wehtut.

Natürlich geht es weiter, das Leben. Das sagen sie alle, weil es die einzige Wahrheit ist, die immer stimmt.

Plötzlich ist die ganze Stadt ein Museum: Hier waren wir das erste Mal aus, hier haben wir uns das erste Mal gesehen, hier haben wir uns geküsst und dort und dort und da vorne auch. Hier habe ich dir gesagt, dass ich dich liebe, habe es in den Telefonhörer gebrüllt, damit du es auch ja verstehst, weil du es damals ja nicht verstehen wolltest, woran sich im Grunde überhaupt nichts geändert hat. Hier waren wir essen, da waren wir im Theater, im Kino, in dieser Bar, in dieser anderen Bar, in diesem Club und in der Ausstellung, die keinem von uns gefallen hat. An dieser Straßenecke war ich der traurigste Mensch der Welt und an dieser habe ich wegen dir in den Hörer geheult und mich furchtbar dafür geschämt.

Die ganze Stadt hängt voller Bilder und Momentaufnahmen, und du läufst sie Schritt für Schritt ab, in deinem ganz privaten Museum der Grausamkeiten, der Erinnerungslücken und Falltüren. Der ganz normale Wahnsinn eines Kopfes, der sich sekündlich erinnert an jedes Detail. Du stellst fest: Nichts ist von dir übrig geblieben, das nicht durchdrungen wäre von Erinnerungen und Sehnsüchten, von dem Gefühl, dass nie wieder so etwas Großes kommt. Wie groß es wirklich war, hast du nicht begriffen, solange es noch da war, wie alle anderen verstehst du die Antworten immer erst, wenn keiner mehr danach fragt. Du bist jetzt alleine und ebenso kannst du dir jetzt selbst auch all die Fragen stellen, auf die niemand mehr reagiert außer deinem müden Kopf, der immerzu Jeopardy mit dir spielt. Die Frage ist immer die gleiche: Warum bist du nicht mehr da?

Vielleicht erzählst du jedem, was passiert ist. Vielleicht erzählst du es keinem. Vielleicht ertränkst du es in Schnaps und Lethargie; begräbst es unter Essen und Angst wie nie; betäubst es mit Sex und langen Nächten, mit Tanzen bis zum Verrecken, mit Rennen und Schweiß, mit Kontrolle und Schlaf. Vielleicht behältst du es für dich und schließt es in dir ein, sagst zu allem “nein” und wartest, bis es vorübergeht oder ob es am nächsten Morgen immer noch vor dir steht und dich anbrüllt, dass du es verloren hast, ganz egal, was du dagegen machst. Vielleicht erzählst du es deinen Freunden oder nur dem einen, deinem Pfarrer, deiner Mutter, deinem Steuerberater, vielleicht erzählst du es dem Kopfkissen, das du dir auf den Mund presst, damit dich niemand schreien hört, wenn du es nicht mehr aushältst. Vielleicht schweigst du und lässt das Monster nicht raus, vielleicht
erzählst du es jedem und lachst dich dann selber dafür aus. Aber egal, wie oft du darüber sprichst: Es ändert sich nichts.Kathrin-Wessling-Morgen-ist-es-vorbei-700x500


Kathrin Weßling “Morgen ist es vorbei” (erschienen bei Luchterhand/Random House)


Titelfoto: © Elizabeth Lies/Unsplash

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