Glaube, Liebe, Hamburg: Liebes 19-jähriges Ich

© Ravi Roshan, CC0

Liebes 19-jähriges Ich,

ich habe dich letztens in einem Tanzkurs kennengelernt. Du warst groß und blond (okay, an dieser Stelle müssen wir ein Auge zudrücken), gerade nach Berlin gezogen und auf der Suche nach etwas, das dich geistig weiterbringt. Du konntest nicht genau artikulieren, was, denn du hattest Interesse an so vielem hier. An Kunst, an Tanz, später wolltest du gerne etwas Geisteswissenschaftliches studieren. Mit 23 Doppelbachelor sein, das „hört sich doch ordentlich an“, meintest du zu mir.

Du hattest einen genau durchdachten Plan, auch wenn du gerade bei einer älteren Dame zur Zwischenmiete wohntest, weil du keine Lust auf den Bierkonsum fremder Mittzwanziger in Unterhosen hast. Freudig sahst du dem Sommer entgegen, wolltest dich nicht zu viel beschweren über deine alte Heimat und tatst genau das natürlich trotzdem mit größtmöglicher Leidenschaft.

Zwischen uns sitzt die Differenz

© Jordan Sanchez, CC0

Du hast einen Bruder erwähnt, während ich dir gegenübersaß und meine Kokossuppe schlürfte. Er studierte Politik, genau wie ich, nur an einer besseren Universität, ob ich sie kannte, fragtest du. Ich hätte dir gerne gesagt, dass ich keinen Wert darauf lege, wo jemand studiert hat oder ob, und dass es überhaupt im Leben auf ganz etwas anderes ankommt, aber ich konnte nicht. Weil du 19 warst und ich 25 und die Differenz mit uns am Küchentisch saß und mich am reden hinderte. Mich Dinge anders formulieren ließ, als ich es eigentlich gerne, normalerweise gesagt hätte.

Zuerst hätte ich dir gesagt, dass es schwer wird, das alles mit deinen Plänen. Mit der Kunst und mit dem Tanz erst recht. Dass es hunderte, nein, eher fünftausend andere geben wird, die genau dasselbe wollen wie du und alles dafür tun werden, um dorthin zu kommen. Sie werden gratis arbeiten während du dir genau diese Erfahrung nicht leisten kannst, weil deine Eltern nicht reich sind zum Beispiel und sie werden ihre Ellbogen so lange ausfahren, bist du entnervt aufgibst und auf das verzichtest, was sich gemeinhin Karriere nennt.

Im Allgemeinen nennt man das Erwachsensein

Ich würde dir sagen, dass die meisten Menschen nicht nur falsch sind, sondern vor allem sehr feige. Sie denken sobald es möglich ist an sich und ihr eigenes Vergnügen, statt sich für politische Belange anderer - oder gar nur die ihres Nachbars einzusetzen. Feigheit kommt mit dem Alter, weißt du, denn irgendwann wirst du nicht mehr das sagen, was du denkst, sondern das, was dich am wenigsten verletzbar macht. Streiten ist mühsam, sobald man dem Gegenüber nicht mehr öffentlich Arschloch ins Gesicht schreien darf, weil man sich am nächsten Tag wieder am Kopierer trifft.

Du wirst anderen aus dem Weg gehen, statt sie mit dem zu konfrontieren, was dich an ihnen stört, denn Menschen hören am liebsten Zuckerwatte oder gar nichts. Noch klingt der Name dieser Praxis fern für dich, im Allgemeinen nennt man sie Erwachsensein.

Erwachsene interessiert es nicht, was du für Träume hast, sie appellieren an das was von ihnen übrig bleibt, falls du am Montagsanfang deine Rechnungen zahlst. Und glaube mir, du wirst nicht für immer 300 Euro Mietzuschuss von deinen Eltern bekommen oder günstig bei einer alten Dame wohnen, die deine Wäsche macht. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem hast du dich damit auseinanderzusetzen, was von deinen Wünschen, Illusionen und waghalsig im Ascheduft eines Lagerfeuers beschlossenen Plänen ökonomisch verwertbar ist.

Was treibt dich an?

© Ryan Moreno, CC0

Aber ich sage es dir nicht, 19-jähriges, blondes Ich, das spontan auf eine Suppe mit mir ging. Stattdessen frage ich. Ich frage, was dich antreibt und was du hier erwartest, warum du weggegangen bist, so wie fast alle Bewohner von Deutschlands Dörfern irgendwann weggehen, zumindest wenn sie Träumer sind.

Und du hast gesagt, du wirst Tanz unterrichten und gleichzeitig im Kulturbetrieb arbeiten und ich habe dir nicht erzählt, dass ich 30-Jährige zu meinen Bekannten zähle, die hervorragende Kurzgeschichten schreiben aber nicht eine von ihnen publizieren konnten, weil sie begonnen haben, in der Werbeindustrie Geld zu verdienen. Ich werde dir nicht von meiner Freundin erzählen, die nichts lieber sein wollte als eine renommierte Designerin in Antwerpen und heute glücklich Mutter ist. Ich werde dir nicht erzählen, dass sich Pläne ändern und Leidenschaften auflösen können, genauso wie die Beziehung, die du jetzt gerade führst.

In sieben Jahren wird dein Leben ein vollkommen anderes sein und womöglich wirst du dich an mich und meinen seltsamen Gesichtsausdruck erinnern, der die Bedenken vermutlich nicht komplett verschleierte. Es war nicht wegen der Suppe, tut mir leid, das verrate ich dir.

Und du wirst tanzen

Du wirst dich fragen, was aus deinem Leben geworden ist und wirst wissen, wohin dich deine Ambitionen führten. Vielleicht wirst du zufrieden nicken und dich freuen, dass alles gerade nochmal gut ausgegangen ist. Dass du – ohne an die negativen Konsequenzen zu denken – all das getan und mit Freude verfolgt hast, was dir zu genau diesem Zeitpunkt während deines 20. Lebensjahres Freude bereitet hast.

Du wirst dankbar sein für die Dinge, die du nicht wusstest und lieben, als ob es kein Ende gäbe. Und du wirst tanzen, dass sich jeder im Raum an dich erinnert. 

Mehr als das braucht es mit 19 nicht.

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